Abgas-Affäre Der Vorstand habe versagt, sagt der Kläger-Anwalt

Mit der Öko-Offensive habe VW nicht nur Autokunden, sondern auch Anleger angelockt, sagt Kläger-Anwalt Tilp. Der Tübinger Jurist hat schon mehrere große Verfahren dieser Art geführt. Ob gegen die Deutsche Telekom oder gegen die Hypo Real Estate (HRE), die sich in der Finanzkrise als eine von Deutschlands größten Zocker-Banken erwies. Nach der Telekom und der HRE ist nun VW dran.

Es geht um eine Software, die dafür sorgte, dass die Diesel-Fahrzeuge erkannten, ob sie auf dem Prüfstand der Behörden getestet wurden oder ob sie auf der Straße fuhren. Beim Test wurden die für Mensch und Natur schädlichen Stickoxide herausgefiltert, beim Betrieb auf der Straße sparte sich VW diese aufwendige und teure Prozedur.

Volkswagen behauptet, eine kleine Gruppe von Technikern habe, mit wenig Aufwand und ziemlich kostengünstig, die Software entsprechend programmiert, "unbemerkt" von Vorgesetzten. Keine der strengen Kontrollmaßnahmen im Konzern habe das verhindern können. Der Vorstand habe erst im Sommer 2015 davon erfahren, nachdem die US-Umweltbehörde EPA misstrauisch geworden war. Die Kläger auf Schadenersatz betrachten das als eine Ausrede.

Der Autokonzern soll die Zeche zahlen

Wer seine Diesel-Fahrzeuge trotz lange Zeit ungelöster technischer Probleme plötzlich als besonders ökologisch verkaufe, wer eine Lösung "wie ein Kaninchen aus dem Hut" hervorzaubere, der müsse eben auch besonders streng prüfen, wie das gemacht wurde. Das habe VW nicht getan, insofern habe der Vorstand versagt und die Aktionäre getäuscht, sagt Kläger-Anwalt Tilp. "Organisation-Verschulden" nennt sich das unter Juristen. Tilp verlangt Schadenersatz für alle Mandanten, die von Mitte 2008 an VW-Papiere erworben hatten. So erklärt sich die hohe Forderung von mehr als drei Milliarden Euro.

Am 6. Juni 2008 hatte die kalifornische Umweltbehörde CARB ein Abgas-System des VW-Sportwagens Jetta genehmigt. Die Volkswagen-Gruppe hatte zuvor in einem Zulassungsantrag nach "bestem Wissen und Gewissen" versichert, dass die Fahrzeuge nichts enthielten, was zu einem "übermäßigen Risiko für die öffentliche Gesundheit oder das Gemeinwohl" führten. Auch keine verbotene Einrichtung ("Defeat Device"), mit der die Schadstoffreinigung im Straßenverkehr abgeschaltet werde. Genau das war aber der Fall, wie VW erst Jahre später nach vielen Tests der US-Behörden zugab.

Jetzt soll der Autokonzern die Zeche zahlen. Anwalt Andreas Tilp wird wohl noch ein paar mehr Taxis zum Landgericht nach Braunschweig schicken.

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