Designer:Der Schattenmann

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Designer: Plötzlich ganz weit vorne: der Belgier Pieter Mulier, neuer Designer von Maison Alaïa.

Plötzlich ganz weit vorne: der Belgier Pieter Mulier, neuer Designer von Maison Alaïa.

(Foto: Paolo Roversi)

Pieter Mulier war 16 Jahre lang die rechte Hand von Raf Simons. Nun steht der Belgier selbst im Rampenlicht: als neuer Designer von Alaïa. Nicht der einfachste Job, aber vielleicht der schönste im ganzen Modebetrieb.

Von Silke Wichert

Die Modewelt hat ihr ganz eigenes Adressverzeichnis. Da sind die berühmten Einkaufsstraßen, Les Champs Élysées in Paris, Bond Street in London, Fifth Avenue in New York. Und die Stammhäuser der großen Marken, die Rue Cambon von Chanel, die Mailänder Via Gesù von Versace. Die Rue de Moussy im Stadtteil Marais hingegen mag nicht jedem etwas sagen, aber für "Fashion Locals" kommt sie einer Pilgerstätte gleich, einer Sehenswürdigkeit mit Extrasternchen. Denn hier sitzt die Maison Alaïa, das Haus, in dem der legendäre tunesische Designer Azzedine Alaïa 30 Jahre lebte und arbeitete. Der Couturier folgte stets seinen eigenen Regeln, präsentierte Entwürfe nicht dann, wenn sie fertig sein sollten, sondern wenn sie seiner Meinung nach ausgereift waren. Seine begehrten Strick- und Kapuzenkleider zeigte er im hauseigenen Auditorium mit Glasdach, das Gebäude beherbergte auch die lange einzige Boutique. In der großen Wohnküche versammelten sich Stylisten, Models, Redakteure neben Persönlichkeiten wie Julian Schnabel, Shakira oder Paul McCartney bei Hausmannskost. Und alle wussten: Wer in die Rue de Moussy eingeladen wurde, hatte es vielleicht nicht nach ganz oben, aber an einen einmaligen Ort der Mode geschafft.

Alaïa verstarb im November 2017, und was danach passieren würde, erschien absehbar: Der Schweizer Richemont-Konzern, zu dem die Marke gehört, würde eine Weile pietätvoll abwarten, dann einen Nachfolger bestimmen, um das Potenzial dieses Liebhaberlabels voll auszuschöpfen, wie das so heißt. Und natürlich würde diese Suppenkellen-Taktik spektakulär scheitern.

Designer: "Ich wurde im Alaïa-Atelier aufgenommen wie in den Schoß einer Familie", erzählt Pieter Mulier.

"Ich wurde im Alaïa-Atelier aufgenommen wie in den Schoß einer Familie", erzählt Pieter Mulier.

(Foto: Alaïa)

Doch dann dauerte es erstaunliche drei Jahre, bis ein neuer Kreativdirektor ernannt wurde. Der Belgier Pieter Mulier war weder die ganz erwartbare Besetzung noch lässt sich behaupten, dass er seitdem mit Hochdruck durch die heiligen Hallen gefegt wäre, damit Alaïa endlich "hip" werde. "Keine Sneaker, keine Daunenjacken, keine Streetwear - das waren meine Bedingungen, bevor ich unterschrieben habe", erzählt Mulier. "Aber die Verantwortlichen schauten mich nur ungläubig an und versicherten, das sei so ungefähr das Letzte, was sie mit der Marke vorhätten. Also: Da bin ich nun."

Im Film "Dior and I" war Mulier ständig an der Seite von Raf Simons zu sehen

Pieter Mulier sitzt im Studio im zweiten Stock, vom Fenster schaut man auf den Dachspielplatz eines Kindergartens im gegenüberliegenden Gebäude, ein paar Türen weiter ist ein Sexshop, auf der Ecke ein Monoprix. Die nur einen Block lange Rue de Moussy liegt mitten im Leben und ist gleichzeitig vollkommen entrückt. "Bis vor ein paar Jahren habe ich mich vor Ehrfurcht nicht in den Laden unten getraut", sagt Mulier, "obwohl ich ja auch in der Mode war." Was eine nette Umschreibung für jemanden mit Muliers Lebenslauf ist. Der 42-Jährige war 16 Jahre lang die rechte Hand von Raf Simons, zuletzt als "Global Creative Director" bei Calvin Klein, vorher bei Simons' eigenem Label, bei Jil Sander, Dior. Im Dokumentarfilm "Dior and I" ist der Mann mit dem prägnanten Grübchen am Kinn ständig im Hintergrund oder im vertrauten Gespräch mit dem bekannten Designer zu sehen. Die beiden sehen sich noch immer regelmäßig, natürlich kam Simons auch zur ersten Show seines Freundes im vergangenen Juli.

Designer: Seine erste Kollektion zeigte Mulier vergangenen Juli draußen auf der berühmten Rue de Moussy, direkt vor der Tür des Ateliers.

Seine erste Kollektion zeigte Mulier vergangenen Juli draußen auf der berühmten Rue de Moussy, direkt vor der Tür des Ateliers.

(Foto: Alaïa/Filippo Fior)

"Ich habe mich in der zweiten Reihe extrem wohlgefühlt, ich brauche das Rampenlicht nicht", sagt Mulier. Als der Vertrag bei Calvin Klein Ende 2018 aufgelöst wurde, drängten viele seiner Freunde, nun sei es wirklich mal Zeit, selbst durchzustarten. "Ich dagegen wollte gar nicht mehr in die Mode zurückkehren", erzählt er. "Nicht, dass ich so schlechte Erfahrungen gemacht hätte, im Gegenteil. Aber ich wollte nie wieder für eine Firma arbeiten, für die ich Dinge entwerfe, von denen ich nicht mehr weiß, wer die eigentlich noch tragen soll, nur um die Kollektion aufzublasen." Doch dann kam der Anruf von Alaïa. Und wie kann man zu so einem Angebot Nein sagen?

Nun ja, tatsächlich würden einem sofort ein paar Gründe einfallen, diesen Job bloß nicht anzunehmen. Alaïa mag nur 1,58 Meter groß gewesen sein, aber handwerklich war er ein Gigant. Als einer der ganz wenigen Designer fertigte er sogar seine Schnittmuster noch selbst an, zwischenzeitlich hielt er sich eine Eule als Gefährte im Atelier, weil er nächtelang Entwürfe perfektionierte. Sie schmiegten sich dann so vollkommen dem weiblichen Körper an, dass Frauen vor Freude juchzten, wenn sie sie anzogen. Deshalb liefen auch all die Supermodels bereits in den 80er-Jahren für den damals noch wenig bekannten Designer: Sie wollten kein Geld, sie wollten diese engen, modellierenden Kleider. "King of Cling" wurde Alaïa deshalb genannt. Der Mythos wiegt mindestens zentnerschwer.

Dieses Atelier tickt grundsätzlich anders als alle anderen

Muliers Ansatz ist daher: maximaler Respekt. "Ich bin hier nur der Hausmeister", sagt er scherzhaft. Seine erste Präsentation fand, natürlich, in der Rue de Moussy statt, aber draußen auf der Straße, es sollte betont ungezwungen wirken. Auf jedem Platz lag ein persönlicher Brief, nicht an das Publikum, sondern an den Gründer adressiert, den er, wie er schrieb, zwar getroffen, aber nie kennengelernt habe. "Dear Azzedine ... Ich habe so viele Fragen, es gibt so viel, das ich mir vorstelle." Vor allem dankte er ihm, dass er diesem legendären Haus nun eine Zukunft schenken dürfe. "Ich wurde hier aufgenommen wie in den Schoß einer Familie", erzählt Mulier. Die langjährigen Mitarbeiter zeigten und erzählten ihm alles, mit dem Künstler Christoph von Weyhe - Alaïas langjährigem Lebensgefährten, der noch im Haus wohnt - traf er sich regelmäßig im Hof auf einen Wodka. "Dann fingen wir mit der Arbeit an der ersten Kollektion an, und wenn ich noch nicht zufrieden war mit einem Entwurf, hieß es: Dann lassen wir das eben für die nächste Kollektion liegen." Pieter Mulier macht nun riesengroße Augen. "So etwas habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht gehört. Sonst heißt es immer: Egal, das muss jetzt schnell in die Produktion!"

Designer: Capes wie früher bei Grace Jones, aber jetzt aus Jeans.

Capes wie früher bei Grace Jones, aber jetzt aus Jeans.

(Foto: Alaïa/Filippo Fior)

Aber, Stoffromantik mal beiseite: Natürlich muss Mulier hier auch etwas bewegen. Mitte der 90er wusste Cher Horowitz in der Teenie-Komödie "Clueless" wenigstens, dass Alaïa ein "irgendwie total wichtiger Designer" ist, weshalb sie sich bei einem Raubüberfall weigerte, in dem teuren Kleid auf dem schmutzigen Boden zu liegen. Aber die junge Generation von heute hat keine Ahnung, wer oder was Alaïa ist. Insofern war es schlau von Mulier, in seinen ersten beiden Kollektionen nicht auf die typischen breiten Gürtel und kurzen Glockenröcke zu setzen, sondern sich eher den frühen Alaïa-Jahren zu widmen, den "sexy years". "Wir leben gerade in einer Welt, in der sich alles um den Körper dreht, vor allem bei den Jungen. Meine Schwester hat vier Kinder, und ich muss gestehen: Ich bin einigermaßen schockiert. Als ich 16 war, habe ich mich nicht so angezogen", sagt Mulier. Also zeigte er vor allem lange, sehr enge Silhouetten, viel Strick, viel Leder, teilweise sogar Jeans. Es müsse sexy und gleichzeitig sinnlich aussehen, aber nie vulgär. Erst dann werde es modern.

Einer der Bestseller ist ein Entwurf aus Seiden-Crêpe, der als Kleid und Jumpsuit erhältlich ist. Ziemlich durchsichtig, aber mit blickdichten, geschwungenen Einsätzen an den notwendigen Stellen. Nachdem ihn das Model Hailey Bieber trug, stehen seitdem 250 Käuferinnen auf der Warteliste, obwohl der Preis bei rund 2000 Euro liegt. Schauspielerin Zendaya wählte vom "neuen Alaïa" einen Strickrock mit bauchfreiem Bolero, Sängerin Adele einen Mantel mit Leomuster, Rihanna eine knallrote Cape-Robe, ähnlich wie einst Alaïas Muse Grace Jones. "Wir haben die Marke immer gut verkauft", sagt Tiffany Hsu, Chefeinkäuferin von Mytheresa. "Aber die neue Kollektion hat den Kundenkreis noch einmal erweitert. Egal welches Alter - jede Frau sieht darin fantastisch aus." Die Passform von Azzedine Alaïa habe den weiblichen Körper gleichzeitig umarmt und akzentuiert, findet Hsu. Mulier führe diese Linie fort, weil er genauso fasziniert sei von skulpturalen Schnitten.

Designer: 250 Kundinnen warten noch immer auf dieses Design. Hailey Bieber trug den Entwurf aus der ersten Kollektion von Mulier bereits.

250 Kundinnen warten noch immer auf dieses Design. Hailey Bieber trug den Entwurf aus der ersten Kollektion von Mulier bereits.

(Foto: Alaïa)

Wie Raf Simons hat Pieter Mulier nie Mode studiert, sondern Architektur in Brüssel. Simons saß in der Jury, die seine Abschlussarbeit beurteilen sollte, anschließend nahm er ihn zur Seite: "Ich glaube nicht, dass du ein Architekt bist. Du bist Modedesigner." "Ich habe ihm natürlich vehement widersprochen", erzählt Mulier lachend. Aber eine Woche später besuchte er ihn in Antwerpen, kurz darauf fing er an, für ihn zu arbeiten, ein Jahr später wurde er seine rechte Hand. Am Anfang bestellte er nur Knöpfe, trug Schnittmuster hin und her. Dann fing er mit Accessoires an, schließlich mit Damenmode. "Alles, was ich weiß, habe ich durch die Arbeit mit Raf gelernt." Am meisten bewundere er an diesem, dass er vor nichts Angst habe. "Vor absolut nichts", wiederholt Mulier.

Die Belgier sind aktuell in der Mode so stark vertreten wie lange nicht mehr

Raf Simons bei Prada, Glenn Martens bei Y/Project und Diesel, Demna Gvasalia, der in Antwerpen studierte, bei Balenciaga, ganz neu Matthieu Blazy bei Bottega Veneta und eben Mulier - die Belgier sind aktuell so stark vertreten wie lange nicht. Sie gelten als spezielle Charaktere, die kompromisslos und vor allem extrem konzeptionell arbeiten. Mode, die über hübsche Klamotten hinausgeht, kann die Branche in diesen Zeiten dringend gebrauchen. Dass Mulier kürzlich bei der Premiere von Blazy für Bottega Veneta backstage zu sehen war, ist übrigens kein Zufall: Die beiden sind seit mehr als zehn Jahren verheiratet. Jeden Freitag fahren sie von Paris beziehungsweise Mailand in ihr gemeinsames Zuhause nach Antwerpen. "Mit dem Hund spazieren gehen, kochen, Freunde und Familie treffen - mehr machen wir am Wochenende nicht", sagt Mulier. Blazy arbeitete bei verschiedenen Labels ebenfalls lange in der zweiten Reihe, ausgerechnet sie beide bilden nun das neue "Power Couple" der Mode. "Posts von mir im Gym wird es allerdings nicht geben", sagt Mulier. Er wolle weiterhin, so gut es geht, im Schatten der Maison stehen.

Designer: Leder, das wie angegossen sitzt: Seine zweite Kollektion präsentierte Mulier im Januar 2022.

Leder, das wie angegossen sitzt: Seine zweite Kollektion präsentierte Mulier im Januar 2022.

(Foto: Alaïa)

Als Nächstes will er das Schauenkonzept verändern, mehr Präsentation als Show. Die zweite Boutique in Paris wurde kürzlich neu gestaltet und um ein Café erweitert. Insgesamt dürfte die Maison Alaïa noch ein Stück offener und nahbarer werden. Und die traditionellen Essen in der Rue de Moussy? Pieter Mulier schüttelt entschieden den Kopf. "Alle fragen mich das immer, aber das ist die Küche von Azzedine und Christoph, nicht meine", sagt er. Er sei tatsächlich nur zweimal dort gewesen, mittlerweile mache er sogar einen Bogen darum. "Ich will diesen Ort nicht für mich besetzen, ich suche mir lieber meine eigenen Räume." Auch das eine Frage des Respekts.

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