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Justin Trudeau:Da läuft er!

Prime Minister Justin Trudeau jogs past a group of high school students dressed for their prom in Vancouver

Kanadas Premierminister Justin Trudeau joggt an einer Schülergruppe vorbei.

(Foto: Reuters)

Joschka Fischer hat es getan, George W. Bush ebenso, und nun schwitzt also auch der kanadische Premier Justin Trudeau vor laufender Kamera. Warum der neuzeitliche Herrscher vor den Augen der Öffentlichkeit joggt.

Man darf sich das Leben eines Mächtigen nicht als Spaziergang vorstellen, es ist oft verbunden mit viel Schweiß. Macht muss nämlich repräsentiert, inszeniert, also sichtbar gemacht werden. Und so haben sich in der Geschichte der Menschheit auch ein paar eindrucksvolle Repräsentationsformen von Herrschaft durchgesetzt. Der Ausritt zum Beispiel. Hoch zu Ross, mit goldenem Zaumzeug, in feinstem Zwirn, vielleicht noch von Fanfaren- und Bannerträgern begleitet - so ritten Sultane, Stauferkönige, absolutistische Ludwigs, Herrscher aller Art und Couleur an wichtigen Tagen aus, zeigten sich wahrhaftig dem Volk, zeigten ihren Körper, ihre Gesundheit und Vitalität.

Seit den Hochzeiten des herrschaftlichen Ausritts sind viele Jahre vergangen. Was nicht bedeutet, dass Macht, Herrschaft und ihre Repräsentationen verschwunden sind. Justin Trudeau zum Beispiel, kanadischer Premierminister, reitet nicht mehr mit Pferd und Tross durch die Städte. Er joggt.

Joggen Wenn Politiker öffentlich Sport treiben Bilder
Sport

Wenn Politiker öffentlich Sport treiben

Schwitzen in der Öffentlichkeit ist für viele manche Politiker zur neuen Demonstration ihres Herrscherstatus geworden.

So vor wenigen Tagen in Vancouver geschehen, am westlichen Zipfel des Trudeau'schen Reichs, wo der Premierminister in eine Schülergruppe rannte, mit der er sich auch gleich ablichten ließ (von seinem eigenen Fotografen Adam Scotti übrigens). Was die Menschen in nah und fern kurze Zeit später überall also sahen, war ein Herrscher, der sich zu seinem Volk herunterließ. Kein absolutistischer Sonnenkönig mehr, aber doch ein Herrscher, der schwitzend durch die Menge schritt, also öffentlich ausjoggte: grüßend, lächelnd, repräsentierend, regierend.

Mark Zuckerberg, Herrscher über bald zwei Milliarden Facebook-Nutzer, joggte auf die gleiche Weise 2016 durch Berlin; mit royalblauen Schuhen, grauem T-Shirt und Bodyguards, so schwebte er dahin. Und ein Tross von Fotografen folgte ihm. Weitere joggende Herrscher oder Herrscher a. D.: Boris Johnson, britischer Außenminister, Joschka Fischer (Autobiografie: "Mein langer Lauf zu mir selbst"), George W. Bush. Es ist also ein ziemlich männliches Repräsentationsinstrument; Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht geht lieber heimlich joggen. Und wer kann sich schon Angela Merkel schwitzend Unter den Linden vorstellen?

Es ist auch ein Appell an die Untertanen

Inzwischen hat der ein oder andere Untertan das herrschaftliche Joggen klar als PR-Masche enttarnt. Aber es ist komplizierter: Ein joggender, also sich schindender Mächtiger ist nämlich auch ein Appell an uns alle, an die Gesundheit der Bürger oder Mitarbeiter. Ich mache etwas für meiner Körper, also musst du es auch - das rufen die schwitzenden Mächtigen uns zu.

Gleichzeitig sind die joggenden Zuckerbergs, Trudeaus, Fischers und Bushs immer auf die Menschen angewiesen, die am Rande staunend stehen. Und hier liegt das eigentliche Machtmoment des Volkes. Ein joggender Ausritt ist nichts ohne einen entsprechenden Fotobeweis. Denn was wäre ein joggender Trudeau schon ohne diese Bilder? Wahrscheinlich nur ein schwitzender und hechelnder Mann in aller Öffentlichkeit.

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