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Politainment:Es leuchtet und schleimt

Deutscher Computerspielpreis 2019

Beim Deutschen Computerspielpreis posieren die CSU-Politiker Andreas Scheuer und Dorothee Bär zwischen Kostümierten.

(Foto: Gerald Matzka/dpa)

Dorothee Bär kleidet sich wie Wonder Woman, Andreas Scheuer macht auf Fortnite. Warum das Ganze? Um junge Wähler anzusprechen. Wenn das mal gut geht.

Warum wirkt es meist lächerlich, wenn Politiker sich mit übertriebenen Gesten oder auffälliger Kleidung beim Wähler anbiedern? Digitalstaatsministerin Dorothee Bär hatte sich auf der Gala zum Deutschen Computerspielpreis in einer Art "Wonder Woman"-Kostüm aus Latex fotografieren lassen, die Kreation einer österreichischen Designerin. Ihr CSU-Parteifreund, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, posierte auf dem gleichen Termin mit Axt, Pistole und Laser-Schwert. Politik für die Generation Fortnite.

Ja, kann das denn gutgehen? "Anschleimphase" nannte der Autor Harry Rowohlt einst den Moment, in dem er auf einer Lesung mit wohlfeilen Worten sein Publikum umgarnte. Aus Egoismus natürlich, schließlich hoffte er, von der "Captatio benevolentiae" als Buchverkäufer zu profitieren. Seit der Spätantike haben sich Devotionsformeln ("Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte um ihre Aufmerksamkeit") als Mittel zur Erringung der Gunst des Publikums bewährt. Im Instagram-Zeitalter, das mehr auf Bilder als auf Worte setzt, macht man sich am liebsten optisch mit dem Volk gemein. Ministerin Bär in Latex, Minister Scheuer mit Axt - letztlich soll das ja heißen: "Wir Politiker sind genauso wie ihr." (Das ist ja gerade das Beunruhigende.)

Lieber ein gescheitertes Original als eine erfolgreiche Imitation, das wusste schon "Moby Dick"-Autor Herman Melville. Und tatsächlich: Imitation kann auch auf einer Computerspiel-Gala als Ausdruck einer persönlichen Sinnkrise verstanden werden. Auf der einen Seite das digitale Superhelden-Original, auf der anderen die analoge Kopie. Das wirkt ebenso hilflos wie ein Verkehrsminister, der sich die Überholspur auf der Autobahn mit der Laserpistole freischießt. (Wie sagte Scheuer jüngst, als er als DJ mit schlecht sitzendem Kopfhörer eine Diskothek in der Nähe von Passau eröffnete? "Keine Politik heute, keine Reden! Paaartyyy!") Dabei waren ja schon die chamäleonartig wechselnden Fußballvereinsschals des SPD-Politikers Gerhard Schröder lächerlich. Auch als ein zum Bundeswirtschaftsminister aufgestiegener Dirigentensohn beim Gillamoos-Frühschoppen plötzlich im AC/DC-Shirt einen auf Rocker machte - Karl-Theodor zu Guttenberg im Jahr 2009 -, wirkte das eher anbiedernd als authentisch.

Genauso anbiedernd wie der heutige italienische Innenminister Matteo Salvini, der sich - je nach Zielgruppe, die er gerade ansprechen möchte - entweder mit Bauhelm, in Feuerwehr- oder Polizeiuniform oder nackt neben seiner Freundin inszeniert. Mag ja sein, dass der griechische Gottvater Zeus in seiner Verkleidung als König von Theben großen Erfolg hatte - und mit der schönen Alkmene den Superhelden Herakles zeugen durfte (was Salvini nie gelingen dürfte). Wenn sich aber Mark Zuckerberg, wie jetzt bei seinem Treffen mit Annegret Kramp-Karrenbauer, in einen extra dunklen Anzug hüllt, um superseriös zu wirken, so wirkt das doch ebenso gezwungen wie die leuchtend weißen Silicon-Valley-Turnschuhe an den Füßen Kramp-Karrenbauers bei eben diesem Treffen.

Das mit der Selbstinszenierung ist und bleibt heikel. Man denke nur an Peer Steinbrück, der im SZ-Magazin einst einen Finger zeigte, den er sich beim Fußballspieler Stefan Effenberg geliehen hatte. Sein Stinkefinger sollte cool wirken, beeindruckte die Wähler jedoch weit weniger als die Deutschland-Kette, welche Angela Merkel während des TV-Duells gegen ihn trug. Den Superhelden Bär und Scheuer indes sei ein Satz ihres Parteifreundes Franz Josef Strauß auf den Instagram-Account geschrieben: "Everybody's darling is everybody's depp."

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