Zukunft der DFB-Elf Espresso trinken und neu aufstellen

  • Nicht alles ist schlecht in der deutschen Nationalmannschaft - es gibt durchaus Spieler mit Zukunft.
  • Leute wie Hummels, Kimmich oder Julian Brandt werden auch nach der enttäuschenden WM noch wichtig sein.
Von Benedikt Warmbrunn, Kasan

Die gute Nachricht für den deutschen Fußball lautet: Es bleibt viel Zeit für den Neuaufbau - die nächste richtige Weltmeisterschaft findet ja erst in acht Jahren statt. Bis dahin bieten die neugegründete Nations League (ab Herbst), eine paneuropäische EM 2020, ein Weihnachtsturnier 2022 in Katar sowie eine EM 2024 (entweder in Deutschland oder in der Türkei) genug Gelegenheiten, um sich an der gegenwärtigen Mängelliste abzuarbeiten.

2026 findet dann die WM in den USA, Kanada und Mexiko statt, und nach einem erfolgreichen Turnier werden alle Beteiligten die WM 2018 als Geburtsstunde dieser 2026er-Mannschaft bezeichnen. Allen voran der emotionale DFB-Präsident Georg Behlau, der gewohnt leidenschaftlich jubeln wird, allerdings nur auf der Tribüne.

Denn ja, auch nach dieser traurigen Russlandreise gibt es ein paar Dinge, an denen sich die deutschen Fans mit Blick auf den Sommer 2026 aufrichten können:

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Im besten Gigi-Buffon-Alter

Manuel Neuer wird bei der WM 2026 seit wenigen Monaten 40 Jahre alt sein; er wird dann also das beste Gigi-Buffon-Alter erreicht haben. Bis dahin aus dem Tor nicht wegzudenken, trotz eines mehrfach gebrochenen Mittelfußes, trotz eines Flutscharmes gegen Südkorea. Wird bis zum Turnier in Nordamerika noch souveräner in Debatten eingreifen, und vielleicht auch frühzeitiger. Hatte in Russland als Erster angedeutet, dass die Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan "ein bisschen gestört" habe, dass sie "sogar belastend" gewesen sei. Sollte sich Neuer für ein überraschend frühes Karriereende in der Nationalmannschaft entscheiden, zum Beispiel nach dem Weihnachtsturnier 2022, bleibt die Position des Torhüters dennoch diejenige, die am wenigsten Sorgen bereitet: Marc-André ter Stegen wird 2026 auch erst 34 Jahre alt sein.

Espresso am Gärtnerplatz

Beim Turnier in Nordamerika wird Mats Hummels 37 Jahre alt sein, möglicherweise wird er auch bis dahin nicht der schnellste Innenverteidiger geworden sein. Nicht ausgeschlossen also, dass das Turnier körperlich ohne ihn stattfindet. Eine Warnung aber wird auf Mats Hummels zurückzuführen sein: Achtet auf die Signale! In Russland hatte Hummels schon nach dem 0:1 zum Auftakt gegen Mexiko öffentlich auf strukturelle Defizite im deutschen Spiel aufmerksam gemacht. Aber im Wald von Watutinki hat niemand auf ihn gehört, auch der deutsche Trainer nicht. Die strukturellen Defizite blieben. Wer auch immer den deutschen Fußball nun wieder aufrichtet, er wäre gut beraten, sich bald am Münchner Gärtnerplatz auf einen Espresso mit Mats Hummels zu verabreden.

Bitte lächeln!

Bei der Weltmeisterschaft 2026 werden erstmals 48 Mannschaften teilnehmen, aufgeteilt in 16 Dreiergruppen. Es wird also nur zwei Vorrundenspiele geben, weswegen es nicht schlecht wäre, in den ersten beiden Vorrundenspielen anders als in Russland mit zwei Außenbahnspielern anzutreten (an dieser Stelle: kein Wort zu Thomas Müller!). Einer der ersten Kandidaten für die Flügel dürfte der dann 30 Jahre alte Julian Brandt sein, der in Russland in den ersten beiden Vorrundenspielen eingewechselt wurde und je einmal den Pfosten traf. In einer Zeit, in der der DFB für seine Abgehobenheit kritisiert wurde, nahm sich der Leverkusener zudem Zeit für ein Foto mit den für viel Geld mitgereisten Fans. Er lächelte dabei sogar. Seitdem ein absolutes Vorbild in der schwierigen Disziplin der Volksnähe.

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Ein Ende des Schweigens

Bisher ist nicht bekannt, ob Mesut Özil die Bewerbung Deutschlands für die EM 2024 unterstützt oder die der Türkei. Vielleicht, ganz verwegener Gedanke, fände er auch beides in Ordnung. Wahrscheinlich wird er aber auch in dieser Angelegenheit nichts sagen, bis der Veranstalter am 24. September endgültig bestimmt wird. Einem sturen Schweiger wie Özil wird es möglicherweise sogar bis 2026 gelingen, sich nicht zu den umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zu äußern (die übrigens eher der türkischen EM-Bewerbung geholfen haben dürften).