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Rücktritte im Fußball:Gehen, solange man noch laufen kann

Ex-Nationalspieler Wagner beendet Fußball-Karriere

Beendet seine Karriere: der ehemalige Nationalspieler Sandro Wagner.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Erst Schürrle, dann Höwedes, nun Sandro Wagner: Die aktuelle Rücktrittswelle unter deutschen Nationalspielern erzählt viel über den Fußball - und darüber, wie er sich verändert.

Kommentar von Claudio Catuogno

Als der Nationalspieler Marcell Jansen 2015 mit erst 29 Jahren seine Fußballschuhe an den berühmten Nagel hängte, kam die bemerkenswerteste Wortmeldung von Rudi Völler. Ein "Schlag ins Gesicht" sei so ein vorzeitiger Abschied für jeden Fußballinvaliden, schimpfte Völler: "Wer so was macht, hat den Fußball nie geliebt." Karriereende? Obwohl der Meniskus noch heil ist und die Hüfte noch nicht aus Titan? Na, dann kann ja irgendwas mit dem Kopf nicht stimmen! Inzwischen ist Jansen Präsident des HSV. Man muss den Fußball schon sehr lieben, um sich das anzutun.

Wann man Abschied nimmt, muss jeder selbst entscheiden. Wie man Abschied nimmt, auch - und, ob man wiederkommt. Schon eher im Völlerschen Sinne tat dies soeben Sandro Wagner: Er geht mit 32, einem Gruß an die Gattin ("Rücken freigehalten") und in der Gewissheit, "dass mir der Fußball ein wunderbares Leben ermöglicht hat". Außerdem ist Wagner eh nur kurz weg. Bald soll ihn die Branche (Fachleute sagen: "Braaasche") als Trainer wiederhaben.

Mehr aufhorchen ließen da andere Abschiede: die der Nationalspieler André Schürrle, 29, und Benedikt Höwedes, 32. Beide gingen mit Interviews im Spiegel, beide gaben sich von der Braaasche ein bisschen desillusioniert. Der Fußball habe sich "brutal entwickelt", klagte Höwedes. "Verletzlichkeit und Schwäche" dürften "nicht existieren", klagte Schürrle. Man konnte das etwas wohlfeil finden, weil dieser Fußball beide lange genug gut genährt hatte. Andererseits: Besser, man macht sich die Gedanken spät als nie! Auswüchse gibt es ja genug zu beklagen. Die Frage ist halt immer, ob einem ein reduzierter Fußball auch dann recht wäre, wenn er einige Millionen weniger auf dem eigenen Konto ablüde.

Als der Weltmeister Per Mertesacker 2018 schilderte, wie der im Spitzenfußball allgegenwärtige Druck ihn über die Jahre krank zu machen drohte, fragte Lothar Matthäus: "Wie will er nach diesen Aussagen weiter im Profifußball tätig sein?" Heute leitet Mertesacker die Nachwuchsakademie des FC Arsenal. Und der Fußball verändert sich doch.

© SZ vom 03.08.2020/jbe
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