Volleyball der Frauen:Schwer gebeutelt trotz Masterplan

Volleyball der Frauen: Überzeugender Sieg im vollen Haus: Linda Bock gewinnt mit dem SSC Palmberg Schwerin das Spitzenspiel gegen den bisherigen Tabellenführer SC Potsdam.

Überzeugender Sieg im vollen Haus: Linda Bock gewinnt mit dem SSC Palmberg Schwerin das Spitzenspiel gegen den bisherigen Tabellenführer SC Potsdam.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Zwei Spitzenspiele vor ausverkauften Hallen können die Probleme der Frauen-Bundesliga nicht übertünchen. Mehrere Klubs sind finanziell ins Schlingern geraten - auf Platz eins im deutschen Frauen-Teamsport stehen nun andere: die Fußballerinnen.

Von Sebastian Winter

Am Wochenende war sie wieder mal zu sehen, die ganze Kraft des deutschen Frauenvolleyballs: Die Spitzenspiele Schwerin gegen Potsdam und Stuttgart gegen Vilsbiburg standen an, Showdown-Stimmung am dritten Spieltag. Die Hallen in den jeweiligen Landeshauptstädten: ausverkauft, jeweils um die 2000 Zuschauer. Dazu Live-Übertragung im Fernsehen, linear und im Stream.

Der Pokalsieger Schwerin und der deutsche Meister und frische Supercup-Sieger Stuttgart zementierten mit 3:0-Erfolgen ihre Ausnahmestellung - in einer spannenden Liga, in der auch der bisherige Tabellenführer Potsdam und der mit sechs Meister- und sechs Pokaltiteln dekorierte Dresdner SC längst zur deutschen Spitze gehören. Nicht nur das: Stuttgart stand im Frühjahr im Champions-League-Viertelfinale, in dieser Saison geht neben dem Meister auch Potsdam in der Königinnenklasse an den Start.

Nur noch zehn Teams: so wenig wie vor 20 Jahren

Das klingt alles rosig, im "Masterplan 2030" der Volleyball-Bundesliga (VBL) steht, dass die Liga mittelfristig zu den besten Drei in Europa aufschließen will. Nummer vier ist sie schon, hinter Italien, der Türkei und Polen. Und hierzulande war sie in den vergangenen Jahren Teamsport Nummer eins bei den Frauen, zumindest, was die Zuschauerzahlen angeht - noch vor dem Fußball.

Wenn man die aktuelle Lage betrachtet, ist von diesen Ansprüchen allerdings nur noch wenig zu sehen. Vielmehr sind einige Volleyball-Erstligisten bei den Frauen gewaltig ins Schlingern geraten. Nur drei Vereine haben die Lizenz ohne Auflagen erhalten, drei weitere müssen moderate Bedingungen erfüllen und vier recht happige Hausaufgaben erledigen. Erfurt (freiwilliger Rückzug aus wirtschaftlichen Gründen) und Straubing (Insolvenz Anfang 2023) sind gar nicht mehr dabei in der ersten Liga, die nur noch zehn Teams umfasst, so wenige wie zuletzt vor zwanzig Jahren.

Und die wirtschaftlichen Probleme betreffen nicht mehr nur die Kleinen, sondern auch die Riesen der Branche. Potsdam muss sich mit Vorwürfen des Steuer- und Sozialversicherungsbetrugs auseinandersetzen, die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Vorstandsvorsitzende und der Sportdirektor sind zurückgetreten. Inzwischen, sagt VBL-Geschäftsführer Daniel Sattler, "ist der Klub stabil, er hat seine materiellen Hausaufgaben gemacht". Die Fehler der vergangenen Saison sind aber noch nicht alle aufgearbeitet, die Ermittlungen laufen weiterhin. Gut möglich, dass Potsdam von der Liga noch sanktioniert wird, mit einer Geldstrafe oder einem Punktabzug. Letzteres sei aber ausgeschlossen, wie Sattler sagt, "sollte die Zukunft des Vereins gesichert sein".

Auch Dresden, ein weiterer Spitzenklub und einer mit der größten Tradition, hatte zuletzt viele Sorgen. In der Bilanz der vergangenen Saison stand zum 30. Juni ein Defizit von 230 000 Euro, hervorgerufen durch drei Gründe, wie DSC-Geschäftsführerin Sandra Zimmermann ausführt: "Wir haben die Auswirkungen von Corona deutlich gespürt, haben mit der Hallensituation eine Kugel am Bein und wurden von der Inflation schwer gebeutelt." In der Margon-Arena, die der Stadt gehört, sei "seit zwei Jahrzehnten das Dach undicht, es gibt akuten Handlungsbedarf, aber keine nennenswerten Ergebnisse". Immerhin sieht es bei den Finanzen inzwischen wieder etwas besser aus, die Stadtspitze, Sponsoren, Fans und eine Crowdfunding-Kampagne haben dabei geholfen, rund 300 000 Euro zu erlösen.

"Diese Liga hat sich in ihrem Wachstum übernommen", sagt VBL-Geschäftsführer Daniel Sattler

Dem VC Wiesbaden, einem dritten Wackelkandidaten, hat die Stadt eine Bürgschaft von 200 000 Euro gewährt, eine zusätzliche Crowdfunding-Aktion brachte exakt 67 431 Euro ein. Auch hier ist die Saison - vorerst - gesichert. Doch all diese Beispiele sind auch Warnungen vor einem Ausverkauf. "Für die Frauen ist das jetzt ein Rückschlag", sagt VBL-Geschäftsführer Sattler, "diese Liga hat sich in ihrem Wachstum übernommen." Sattler meint auch den Wettbewerbsdruck, der gerade zwischen den großen Vier, Stuttgart, Schwerin, Potsdam und Dresden, entstanden ist. Die Etats von Stuttgart und Schwerin liegen dem Vernehmen nach inzwischen bei etwa 2,5 Millionen Euro, sie haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Potsdam und Dresden hatten zuletzt auch an die zwei Millionen Euro zur Verfügung.

Doch die Inflation fraß vieles auf und bereitet den Klubs ein weiteres großes Problem: Eine Preisspirale bei den Spielerinnengehältern. Diese rauschten zuletzt immer mehr nach oben, verbunden mit Ein-Jahres-Verträgen, die nach Ablauf mit besseren Konditionen wieder um ein Jahr verlängert werden. Mehrjahres-Verträge, die bessere Planung ermöglichen, gibt es kaum. Auch die inzwischen fast übliche Mitsprache durch Spielerberater trage zur Erhöhung der Gehälter und zu kurzen Verträgen bei. Sattler fordert: "Aus dieser Spirale müssen wir herauskommen."

In der Liga gibt es zugleich wie bei den Männern seit Jahren keinen geregelten Auf- und Abstieg, auch weil sich kaum ein Klub wegen des zu großen finanziellen Wagnisses ins Oberhaus traut. Und die Konkurrenz wird für das einstige Aushängeschild des Mannschaftssports immer stärker. Die Fußballerinnen haben die Volleyballerinen - angetrieben durch Bayern München, den VfL Wolfsburg und Querfinanzierungen aus dem Männerfußball, aber auch durch weitaus besser ausgestattete TV-Verträge - inzwischen in Zuschauergunst und Reichweite überholt. "Mit der Querfinanzierung im Fußball kann es keine andere Sportart aufnehmen", sagt Dresdens Geschäftsführerin Zimmermann: "Wir müssen uns eingestehen, dass die Frauen-Bundesliga zurückgefallen ist."

Und von weiter unten kommt schon die nächste Konkurrenz: Die Handballerinnen planen Reformen und wollen strukturell investieren. Von der Saison 2024/25 an müssen die dortigen Klubs einen Mindestetat von 500 000 Euro vorweisen, es soll einen neuen Modus geben, die Talentförderung wird zentralisiert.

Das sind alles Dinge, die die VBL längst umgesetzt hat, außerdem liegen Basketball und Eishockey bei den Frauen mit all ihren Strukturproblemen noch weit zurück. Aber der vergangene Sommer dürfte gleich in doppelter Hinsicht ein Augenöffner für die VBL und ihre Vereine gewesen sein. Sie muss sich erst einmal wieder selbst auf solide Säulen stellen für den nächsten Wachstumsschub.

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