Krise beim VfB Stuttgart Zu viele Feuerwehrmänner

Markus Weinzierl war nicht der richtige Feuerwehrmann.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Die Situation in Stuttgart wird immer bedrohlicher. Das liegt daran, dass die Schwaben seit Jahren mehr auf Notfälle als auf systematisches Training fokussiert sind. Trotzdem braucht es jetzt einen Retter.

Kommentar von Martin Schneider

Der VfB Stuttgart muss noch vier Partien in der regulären Bundesliga-Saison spielen. Gegen Gladbach, Berlin, Wolfsburg und Schalke sind noch zwölf Punkte zu holen. Schalke, der Gegner am 34. Spieltag, liegt als Tabellen-15. sechs Zähler vor dem VfB (16.), und weil Stuttgart sich das Torverhältnis beim 0:6 in Augsburg nun komplett zerschießen hat lassen, dürfen die Stuttgarter von diesen vier Spielen maximal eins verlieren. Man kann sich angesichts der streikartigen Zustände beim jüngsten Auftritt kaum vorstellen, wie das zu schaffen sein soll, aber die Überlegung ist ohnehin hinfällig. Sollte Schalke noch ein Spiel gewinnen, zum Beispiel am 32. Spieltag zu Hause gegen die nun quasi geretteten Augsburger, dann reichen den Stuttgartern auch drei Siege nicht mehr.

Realistisch betrachtet geht es für den VfB ab jetzt also um zwei Ziele. Vor dem 1. FC Nürnberg bleiben, also nicht direkt absteigen - und, wenn das klappt, in der Relegation den indirekten Abstieg verhindern.

Markus Weinzierl wird diese beiden Aufgaben nicht mehr in Angriff nehmen. Auch wenn man berücksichtigt, dass er den Verein in einer schwierigen Situation übernommen hat, ist ein Sieg in 15 Spielen eine verheerende Bilanz. Er selbst gab zu, er habe keine Argumente für sich gesammelt. Sportvorstand Thomas Hitzlsperger sagte, das Ergebnis sei "zu krass", und man müsse alles hinterfragen, was die übliche Chiffre für "Wir beraten über die Entlassung des Trainers" ist. Noch am Abend wurde Weinzierl entlassen und setzte eine kuriose Reihe fort. Die VfB-Trainer Bruno Labbadia, Armin Veh und Alexander Zorniger mussten nach Niederlagen gegen das von Weinzierl trainierte Augsburg gehen, nun erwischte es ihn selbst.

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Diese kuriose Statistik offenbart bei genauem Hinsehen auch ein paar wunde Punkte beim VfB. Denn sie halten sich in Schwaben offenbar immer noch für ein bisschen größer als die bayerischen Schwaben. Eine Niederlage gegen den "kleinen" FC Augsburg - die darf sich ein Trainer des "großen" VfB nicht erlauben, so die Hybris am Neckar. Dabei stand der FC Augsburg in den vergangenen Jahren einmal im Europapokal und der VfB Stuttgart einmal in der zweiten Liga.

Neben etlichen Trainerwechseln gab es viele Rochaden in der VfB-Führung

Das nächste wunde Punkt, der die Trainerstatistik offenbart, ist die Übungsleiterhistorie des VfB. Denn seit Labbadia 2013 den Klub nach fast drei Jahren verlassen musste, trainieren ihn sehr viele Menschen des Typs "Feuerwehrmann". Um das zu veranschaulichen, hier die VfB-Trainer n.L. (nach Labbadia) mit Kennzeichnung T für "als Trainer geholt" und F für "als Feuerwehrmann geholt": Thomas Schneider (T), Huub Stevens (F), Armin Veh (T), Huub Stevens (F), Alexander Zorniger (T), Jürgen Kramny (F, weil niemand bestreiten wird, dass es nach Zornigers Wirken einiges zu löschen gab), Jos Luhukay (F, weil Zweitliga-Aufstiegsspezialist), Hannes Wolf (T), Tayfun Korkut (F), Markus Weinzierl (F) und nun Nico Willig (F).

Das ergibt ein F:T-Verhältnis von 7:4, was wiederum bedeutet, dass seit August 2013 mehr Leute damit beschäftigt waren, den VfB Stuttgart zu retten, als ihn zu trainieren. Angesichts dessen erscheint die aktuelle Situation gar nicht mehr so unerklärlich, vor allem, wenn man die Rochaden auf diversen Führungs- und Unterführungspositionen noch mit berücksichtigt.

Aktuell ist Thomas Hitzlsperger der Mann, auf den es ankommt. Für ihn spricht, dass er als scheinbar einziger Akteur sowas wie Kredit beim Stuttgarter Anhang und mit dieser Feuerwehrmann-Inflation nichts zu tun hat. Fairerweise sei gesagt: Das liegt auch daran, dass er noch nicht so lange im Amt ist. Aber, und das ist die Ironie der Geschichte: Um die Saison zu retten, hängt jetzt fast alles davon ab, ob Hitzlsperger mit Nico Willig den richtigen Feuerwehrmann erwählt hat.

Korrektur: In einer vorigen Version dieses Artikels war der Name des Trainers Jos Luhukay falsch geschrieben. Wir haben das korrigiert.

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