Nur Stunden nach dem 0:6 Stuttgart entlässt Weinzierl - Nico Willig übernimmt

Fassungslos: Spieler des VfB Stuttgart stehen nach dem 0:6 vor ihren Fans.

(Foto: dpa)
  • Der VfB Stuttgart kann nach dem 0:6 in Augsburg eigentlich nur noch in der Relegation den Abstieg in die zweite Liga verhindern.
  • Sportvorstand Thomas Hitzlsperger verkündet noch am Abend die Entlassung von Trainer Markus Weinzierl. U19-Coach Nico Willig übernimmt.
Von Christof Kneer, Augsburg

Wo soll man anfangen? Bei Rani Khedira, dem ehemaligen Stuttgarter, der in der 11. Minute plötzlich so grotesk viel Platz hatte, dass er diesen Platz gleich mal für ein Traumtor nutzte? Beim Stuttgarter Torwart Ron-Robert Zieler, der sieben Minuten später aus seinem Tor Richtung Mittellinie gerannt kam, um seine Mitspieler zu beschimpfen, die ihm gerade durch unterlassene Hilfeleistung das 0:2 eingebrockt hatten? Bei Timo Baumgartl, der kurz vor der Halbzeit beim Einwurf einen Mitspieler suchte, aber nur den Kollegen Kempf sah, der demonstrativ davon lief und dann den Kollegen Pavard, der demonstrativ nach unten schaute? Oder nochmal bei Baumgartl, der kurz nach der Halbzeit den Ball beim Einwurf gleich ganz aus den Händen rutschen ließ?

Man kann auch bei Markus Weinzierl anfangen, dem nun ehemaligen Trainer dieser Mannschaft, der mit jedem neuen Gegentor immer tiefer in seinen Sitz rutschte, oder bei den Stuttgarter Fans, die die Tore zum 0:5 und 0:6 mutmaßlich auch schon in ihren Sitzen erlebten, und zwar in denen ihrer Autos auf dem Heimweg über die A8. Vielleicht ist es aber doch am besten, man beginnt bei der Anzeigentafel. Dort stand nach jenen 90 Minuten, in denen ein enges Kellerduell erwartet worden war: Augsburg 6, Stuttgart 0.

Was nicht dort stand: Es war die zweithöchste Niederlage in der Stuttgarter Vereinsgeschichte, nur knapp geschlagen von einem 1:7 gegen Borussia Dortmund in der Saison 1963/64. Was auch nicht dort stand: Es hätte die höchste Niederlage der Stuttgarter Vereinsgeschichte werden können. Darf man das sagen nach einem 0:6? Ja? Also gut: Der Augsburger Sieg war am Ende um ein bis drei Tore zu niedrig ausgefallen.

Hitzlsperger braucht nur eine Heimfahrt lang Bedenkzeit

Und was noch nicht dort stand: Dass der Stuttgarter Trainer Weinzierl beim nächsten VfB-Heimspiel gegen Mönchengladbach nicht mehr der Stuttgarter Trainer sein wird. "Der VfB trennt sich von Markus Weinzierl" verkündete der Klub nur Stunden nach dem Debakel. "Wir haben mehrfach betont, dass es unser klarer Wunsch war, die Saison mit Markus Weinzierl und dem Trainerteam zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen", ließ sich Hitzlsperger zitieren. "Nach dem überaus enttäuschenden Spiel in Augsburg sind wir aber zu der Überzeugung gekommen, dass wir die Situation neu bewerten müssen und ein klarer Schnitt zwingend notwendig ist, um den Ligaverbleib zu schaffen." Nach dem Spiel sagte er, er wolle sich "auf der Heimfahrt gründlich Gedanken machen, ein paar Gespräche führen und dann mal schauen". Die Heimfahrt reichte offenbar als Bedenkzeit aus.

Übernehmen wird nun Nico Willig, der aktuell mit der U19 Tabellenführer ist. Er wird am Sonntagvormittag von 10:30 Uhr an das Training der Lizenzspielermannschaft leiten. "Nico Willig hat in den vergangenen Jahren im Nachwuchsbereich des VfB sehr gute Arbeit geleistet und hat sich sofort dazu bereit erklärt, dem VfB in dieser schwierigen Situation zu helfen. Er ist nach unserer Überzeugung in der Lage, schnell für neue Impulse zu sorgen und mit der Mannschaft den Klassenverbleib zu schaffen", sagte Hitzlsperger dazu.

Markus Weinzierl hatte es wohl geahnt. Er wisse, dass er "heute keine Argumente geliefert habe", meinte er unmittelbar nach dem Spiel.

Tatsächlich sind in 56 Jahren Bundesliga zahlreiche Trainer schon für weit weniger entlassen worden, die Leistung sei "peinlich" gewesen, sagte Torwart Zieler. Er könne sich für diese Leistung "nur entschuldigen", sagte Weinzierl, der allerdings mit einer wieder mal skurrilen Aufstellung zum Misslingen dieses Nachmittags beigetragen hatte. Die besten und torgefährlichsten VfB-Spieler, Daniel Didavi und Anastassios Donis, saßen wieder mal auf der Bank, und der Angreifer Alexander Esswein spielte so etwas Ähnliches wie einen Rechtsverteidiger.

Der FC Augsburg hat sich nach diesem Sieg übrigens so gut wie gerettet, bei nun zehn Punkten Vorsprung auf den VfB. Man habe "die Stadt heute zum Lachen bringen" wollen, dichtete der neue Trainer Martin Schmidt später in angemessenem Überschwang. Seine Augsburger hatten tatsächlich tadellos gespielt an diesem Nachmittag, hübsche Kombinationen hatten sie angezettelt und ins Ziel gebracht, auch ohne den wegen einer schweren Sehnenverletzung ausgefallenen Torjäger Alfred Finnbogason. Aber sie hatten tadellos gespielt gegen einen Gegner, der ihnen freundlich aus dem Weg gegangen war. Selten dürfte es Rani Khedira (11.), Andre Hahn (18.), Philipp Max (29., 58.) und Marco Richter (53., 68.) so leicht gefallen sein, in einem von Berufsfußballern betriebenen Fußballspiel ein Tor zu schießen. Der VfB ließ das alles nicht nur zu, er ermunterte die Augsburger sogar. Man habe die Zweikämpfe "nicht geführt", weil man sie "gar nicht erst gesucht" habe, sagte Weinzierl später und hatte damit ausgesprochen Recht.

Bleibt die Frage: Warum?

Auf diese Art der tariflich nicht gedeckten Arbeitsverweigerung hatte tatsächlich wenig hingedeutet. In den vergangenen Spielen hatten die VfB-Profis sich und ihr Publikum zwar auch gequält, aber nur, weil ihnen so wenig Kreatives eingefallen war; das Alltagspensum hatten sie dagegen durchaus pflichtbewusst erledigt. "Unerklärlich" nannte Zieler diesen plötzlichen Verlust an Anstand und Seriosität, "das war ja heute die letzte Chance auf den direkten Klassenerhalt". Aber die Wahrheit ist ja auch die: Wegen der parallelen Niederlage des 1.FC Nürnberg bleibt der VfB Stuttgart weiterhin Tabellensechzehnter - und hat weiterhin die Chance, sich über die Relegation zu retten.

Dass der VfB sich über die Relegation in der Liga hält, ist in dieser Verfassung nur schwer vorstellbar

Es ist dieses geradezu tröstliche Szenario, das nun unmittelbaren Einfluss auf die Vereinspolitik haben dürfte: Mit einer Leistung wie der in Augsburg würden die Stuttgarter auch ein Relegationsspiel gegen einen Regionalliga-Tabellenführer kaum überstehen, und so hat ein verantwortungsbewusster Chef nun getan, was ein verantwortungsbewusster Chef tun musste. Wer Thomas Hitzlsperger kennt, weiß, dass er Entlassungen nicht mag, er mag Kontinuität und Konstanz, aber natürlich hat auch er gesehen, was nicht zu übersehen war: dass hier eine Mannschaft und ein Trainer dramatisch aneinander vorbei leben - und dass man in dieser Konstellation entweder direkt absteigt oder dann halt in der Relegation gegen Paderborn, Union Berlin oder den HSV runter muss.

Am liebsten wäre es den Leuten beim VfB wohl gewesen, Verein und Trainer hätten sich gemeinsam irgendwie gerettet und wären dann wie vernünftige Menschen auseinander gegangen. Am Sonntagmorgen hätte Hitzlsperger in einer Fußball-Talkrunde sitzen sollen, aber diesen Termin hat er jetzt sicherheitshalber storniert. Der Sportvorstand sagt, es sei "schon besser, jetzt in Stuttgart zu sein". Er wird sich das erste Training unter dem neuen Trainer ansehen.

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