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Finale der US Open:Zverev verliert auf schlimmstmögliche Weise

2020 US Open - Day 14

Trauer und Freude in Flushing Meadows: Alexander Zverev und Dominic Thiem nach dem Finale der US Open.

(Foto: AFP)

Im Tie-Break des fünften Satzes unterliegt der deutsche Tennisprofi dem Österreicher Dominic Thiem. Es bleibt die Frage, was dieses denkwürdige Endspiel mit beiden anstellen wird.

Von Jürgen Schmieder

Exakt vier Stunden waren gespielt in diesem Endspiel bei den US Open, und die Regeln verlangten, dass beide Spieler bei 6:6 im Tie-Break des entscheidenden fünften Satzes die Seiten wechseln. Wer fühlte sich da nicht erinnert an die Pause zwischen der 14. und 15. Runde beim Thrilla in Manilla? Muhammad Ali wollte aufgeben, weil er, wie er später sagte, dem Tode nie so nahe gewesen sei wie in diesem Moment. Sein Trainer Angelo Dundee jedoch verweigerte die Kapitulation, während in der anderen Ringecke der Coach von Joe Frazier beschloss, dass es nun genug sei. Ali obsiegte, obwohl er keine Sekunde mehr hätte kämpfen können. Er war fertig, physisch und psychisch.

Dominic Thiem (Österreich) und Alexander Zverev kapitulierten nicht, obwohl beiden anzumerken war, dass sie körperlich und geistig völlig ausgelaugt waren. Beide plagten Krämpfe in den Beinen, doch bei beiden sagte eine Stimme im Kopf, das nach 320 Ballwechseln nun zwei Punkte nacheinander zum Sieg reichen würden. Die gelangen Thiem, nach erfolgreichen Ballwechseln endete diese Partie 163:159, das für Tennis relevante Ergebnis lautete 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6(6). Thiem sackte an der Grundlinie zu Boden, Zverev musste diesen unendlich langen Marsch zur Gratulation des Gegners antreten, die paar Schritte waren freilich beschwerlicher als die 5138 Meter, die er während des Endspiels gelaufen war.

Es gehört zu den sonderbarsten Eigenheiten von Sport, dass sich jemand trotz des größten Erfolges in der Laufbahn so miserabel fühlt wie noch nie zuvor. Fans kennen das Paradoxon, wenn einem etwa Anhänger des FC Bayern versichern, dass sie trotz aller Titel ihres Vereins schlimmer leiden würden als alle anderen. Auf das Tippen des Fingers gegen die Schläfe hin beschreiben sie zum Beispiel die bitteren Niederlagen in den Champions-League-Endspielen von 1999 und 2012, und man fragt sich dann, was das eigentlich mit einem anstellt, der das nicht auf der Tribüne, sondern auf dem Platz erlebt hat. Wenn einer unfassbar erfolgreich ist und sich doch als Verlierer fühlt. Oder wenn einer nach drei Niederlagen in Endspielen endlich obsiegt.

Zverev hatte das Finale bei den US Open erreicht, so weit war er noch zuvor nie bei einem Grand-Slam-Turnier gekommen. Er hatte es indes auf schlimmstmögliche Weise verloren, im Tie-Break des fünften Durchgangs. Wer ihm danach beim Video-Gespräch mitteilte, dass er stolz sein möge auf das Erreichte, den sah Zverev an, als hätte ihm jemand gesagt, dass er sich über eine Wurzelbehandlung freuen solle. Er brauche ein paar Tage, das Erlebte zu verarbeiten, und dann wiederholte er, was da gerade passiert war: "Ich habe ein Grand-Slam-Finale im Tie-Break des fünften Satzes verloren."

Es war ein denkwürdiges Endspiel, Sport-Psychologen dürften Jahre brauchen, es zu entschlüsseln, weil sich keinesfalls eindeutig wird klären lassen, wann und vor allem wie es entschieden wurde: War es, weil Zverev den zweiten Satz nicht konsequent zu Ende gespielt, sondern seinem Gegner ein Break und damit Hoffnung geschenkt hatte - wie ein Boxer, der nach dem Niederschlag nicht nachsetzt, sondern dem Gegner das Erreichen der Pause erlaubt? War es das Re-Break für Thiem im dritten Durchgang? Die verpasste Chance von Zverev, bei 5:3 im fünften Satz zum Turniergewinn aufzuschlagen? Der erste Doppelfehler im Tie-Break? Oder der zweite? Oder hat Thiem am Ende womöglich diese beiden Punkte nacheinander gemacht, weil es ja irgendwann einem gelingen muss und es an diesem Tag eben Thiem gewesen ist? Der Zufall, dieser miese Verräter, wird oft unterschätzt bei der Analyse von Resultaten.

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