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Rassismus:Der US-Sport hat eine Stimme gefunden, die nicht zu überhören ist

US-Open-Siegerin Naomi Osaka trägt den Namen eines Opfers von Rassismus auf ihrer Maske: Philando Castile.

(Foto: AP)

Sportler sollen dribbeln, schießen, aufschlagen - das ist ihr Beruf. Sie dürfen aber auch reden, und ihre Leistungen auf dem Spielfeld sorgen dafür, dass ihr Wort abseits davon millionenfach gehört wird.

Kommentar von Jürgen Schmieder

Es war einerseits eine hanebüchene Frage, die Moderator Tom Rinaldi bei der Siegerehrung der US Open stellte; und doch war es wichtig, dass er es tat. Siegerin Naomi Osaka hatte vor jeder ihrer sieben Partien eine Maske mit dem Namen eines Opfers von Rassismus und Polizeigewalt darauf getragen: Breonna Taylor, Elijah McClain, Ahmaud Arbery, George Floyd, Philando Castile, Trayvon Martin, Tamir Rice. "Sieben Matches, sieben Masken, sieben Namen", sagte also Rinaldi und fragte: "Welche Botschaft wollten Sie damit senden?"

Es hat sich etwas getan im amerikanischen Profisport. Um zu verstehen, dass es eine Veränderung gewaltigen Ausmaßes ist, sollte man wissen, was noch vor wenigen Jahren los war in diesem Land. Als Footballprofi Colin Kaepernick beim Abspielen der Nationalhymne kniete, zieh ihn US-Präsident Donald Trump einen "Hurensohn". Als Basketballprofi LeBron James seine Meinung zu Trump sagte, teilte ihm eine Moderatorin mit, dass er die Schnauze halten und spielen solle: "Shut up and dribble!" Wer protestierte, war meist allein und wurde von Politik und Medien als Außenseiter isoliert.

Nun ist auf dem Parkett der Basketballliga NBA der Spruch Black Lives Matter zu sehen, die Akteure tragen gesellschaftliche Botschaften wie "Geh' wählen", "Sag' was" oder "Gleichberechtigung" auf den Trikots. Beim Start der Footballliga NFL bildeten Spieler beider Mannschaften während der Hymne mit eingehakten Armen eine Kette der Solidarität; in allen Sportarten knien zahlreiche Profis.

Als vor drei Wochen erneut ein Afroamerikaner von Polizisten getötet worden war, streikte der komplette US-Sport einen Tag lang, der schwarze Basketballtrainer Doc Rivers sagte: "Alles, worüber Trump und die anderen reden: Angst. Aber wir sind es doch, die getötet werden." Wer nun häufiger schweigt, weil er gegen die Masse der Sportler-Stimmen zu gesellschaftlichen Missständen in den USA nicht mehr ankommt: Donald Trump.

"Welche Botschaft ist bei Ihnen angekommen?"

Sportler sollen dribbeln, schießen, aufschlagen - das ist ihr Beruf. Sie können aber nicht zum Schweigen gebracht werden. Sie dürfen reden, und ihre Leistungen auf dem Spielfeld sorgen dafür, dass ihr Wort abseits davon millionenfach gehört wird. "Ich wollte auch deshalb gewinnen, damit die Leute möglichst alle Namen sehen", sagte Osaka nach ihrem US-Open-Sieg. Auf den wegen Corona leeren Tribünen übrigens: Erinnerungen an den Terror vom 11. September 2001, direkt neben den Werken von Künstlern zum Thema Black Lives Matter. Es wurde über Gleichberechtigung gesprochen bei diesem Turnier, über finanzielle Hilfe für berufstätige Mütter, über die Proteste in Belarus. In Japan gab es eine Sondersendung über all die Menschen, deren Namen Naomi Osaka auf den Masken trug.

Der US-Sport hat eine Stimme gefunden in den vergangenen Wochen, die nicht zu überhören ist und die auch niemand mehr verbieten kann. Die Frage von Rinaldi klang bescheuert, und doch war sie wichtig, weil sie Osaka die klügste Antwort ermöglichte, die man darauf geben kann: "Die Frage ist doch eher: Welche Botschaft ist bei Ihnen angekommen?"

© SZ vom 14.09.2020
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Von Jürgen Schmieder

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