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Nadal-Sieg bei US Open:Ein unvergessliches Finale

Rafael Nadal im Finale der US Open 2019

Nadal musste im Finale der US Open alles aus sich herausholen.

(Foto: AP)
  • Rafael Nadal gewinnt gegen den Russen Daniil Medwedew die US Open 2019.
  • Die Zuschauer sehen ein hochklassiges Match, welches über fünf Sätze hin und her schwappt.
  • Für Nadal ist es der 19. Grand-Slam-Titel, damit liegt er nur noch einen Turniersieg hinter Roger Federer.

Es gibt diese eine Gegnerin, die ist in der Tennisgeschichte noch immer unbesiegt. Fast jeder Amateur und auch jeder Profi hat schon mal gegen sie gespielt, sie ist eine humorlose, nervige, unnachgiebige Kontrahentin, weil sie jeden Ball zurückspielt. So eine Tennismauer gibt es in jedem gut sortierten Verein, und sie hat schon manch talentierten Spieler zur Verzweiflung gebracht, weil sie einfach nicht aufhört, nicht aufgibt, noch nicht einmal wankt. Nur: Hat sich schon mal einer gefragt, was passiert, würden zwei Tennismauern gegeneinander antreten?

Rafael Nadal (Spanien) ist so eine Mauer, ein humorloser, nerviger, unnachgiebiger Kontrahent, der im Gegensatz zu einer tatsächlichen Mauer die Bälle auch noch beschleunigt und im Laufe eines Ballwechsels jeden Ball noch ein bisschen schneller zurückspielt. Er besiegt seine Gegner nicht, er zermürbt sie, bis sie irgendwann entnervt aufgeben. Nur: Daniil Medwedew (Russland) ist ebenfalls eine Tennismauer, ein nerviger und unnachgiebiger Gegner, der keinen Ballwechsel aufgibt, auch bei Rückstand nicht resigniert, und genau deshalb war dieses US-Open-Finale so faszinierend, so atemraubend, eines der besten Grand-Slam-Endspiele der Tennisgeschichte.

US Open im Wandel

Mehr Show als Wettkampf

"Es war ein großartiges Finale, das Erste, was ich sagen kann: Den Sommer, den Daniil hingelegt hat, ist einer der besten in der Geschichte des Sports", sagte Nadal noch auf dem Platz: "Er hat das Tempo verändert, er hat sich zurückgekämpft - es war einer der emotionalsten Abende in meiner Laufbahn." Als er darauf angesprochen wurde, dass er, der König des Ascheplatzes, nun zu den wenigen Spielern mit vier US-Open-Titeln gehört, sagte er mit Tränen in den Augen: "Das bedeutet mir sehr, sehr viel."

Medwedew ergänzte, er sagte zu Nadal: "Es ist ein Witz, wie du spielst. 19 Titel, das ist unfassbar. Als sie gerade all deine Titel auf der großen Leinwand gezeigt haben, da habe ich mich gefragt: 'Was hätten die wohl gezeigt, wenn ich gewonnen hätte?'" Und zum Publikum: "Ich hatte mich mit euch angelegt, ihr hattet mich zu Recht ausgebuht - aber heute habt ihr mich zu diesem Comeback getrieben, weil ihr noch ein bisschen Tennis sehen wolltet. Danke dafür."

Es spielten zwei Marmorblöcke gegeneinander, und es galt die vom unvergessenen Boxer Muhammad Ali eingeführte Sportlerregel, dass nicht dieser eine wuchtige Schlag einen Marmorblock zerstört, sondern die 100 gezielten und gut getimten davor. Am Ende, beide Akteure konnten sich kaum noch auf den Beinen halten, war Nadal der stabilere Block, der seinen Kontrahenten so lange bearbeitete, bis der nicht mehr konnte. Er war ganz einfach so: Gegen Medwedew muss man jeden einzelnen Punkt drei Mal zu Ende bringen, gegen Nadal vier Mal, und deshalb gewann der dieses hochklassige Finale mit 7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4.

Nadal respektierte Medwedew mit jedem Ballwechsel ein bischen mehr

Medwedew, 23, der den Sommer in Nordamerika mit zwei Finalteilnahmen in Washington und Montreal sowie einem Turniersieg in Cincinnati dominiert und sich auch beim Turnier in New York in Bestform präsentiert hatte, erarbeitete sich in allen Durchgängen seine Chancen - niemand bekommt von Nadal etwas geschenkt. Er spielte mutig und doch geduldig, er probierte Varianten wie Stoppbälle, Slice-Passierschläge und überraschende Konter, er blieb in kniffligen Momenten gelassen. Er bearbeitete diese Mauer Nadal, 33, wie es bei diesem Turnier noch keinem gelungen war. Er klopfte und klopfte, doch Nadal brach nicht.

Dem Mallorquiner war anzumerken, dass er seinen Gegner respektierte, mit jedem Ballwechsel noch ein kleines bisschen mehr. Er wusste, dass er an diesem Tag sein feinstes Tennis würde zeigen müssen. Dass er diesen Gegner nicht vom Platz schießen könne wie alle anderen Gegner davor - er hatte lediglich im Achtelfinale gegen Marin Čilić überhaupt einen Satz verloren. Gegen Medwedew musste Nadal alleine in den ersten beiden Sätzen insgesamt 2,7 Kilometer laufen, so viel wie in allen US-Open-Partien davor über die jeweils komplette Spieldauer nicht. Insgesamt kam Nadal auf 6,67 Kilometer, im Tennis ist das Ultra-Marathon-Distanz.

Natürlich lief die Dramaturgie dieser Partie auf einen fünften Durchgang hinaus, Medwedew hatte das Momentum aufgrund des Zwei-Satz-Comebacks auf seiner Seite und gleich im ersten Aufschlagspiel von Nadal drei Breakchancen. Er vergab sie alle, und das war offensichtlich der Moment, in dem er brach und Nadal wieder ein wenig stabiler wurde. Der Spanier, der sich immer wieder viel zu viel Zeit ließ bei der Vorbereitung auf einzelne Punkte und dafür viel zu selten verwarnt wurde, schaffte zwei Breaks nacheinander, wehrte im letzten Aufschlagspiel noch einen Breakball ab und gewann eine Partie, die niemand vergessen wird, der sie gesehen hat. Er sicherte sich seinen 19. Grand-Slam-Titel, er liegt im Wettrennen der sogenannten großen drei nur noch einen hinter Roger Federer; Novak Djokovic liegt mit 16 Erfolgen auf Platz drei.

Tennis: US Open

Respekt vor dem Gegner: Am Ende bedankt sich Nadal bei Medwedew.

(Foto: USA TODAY Sports)

Als sie nach knapp fünf Stunden vorbei war, diese unfassliche Partie, schlurften beide Kontrahenten aufeinander zu, an normales Gehen war nicht mehr zu denken. Sie umarmten sich, und Nadal sah seinen Gegner beinahe dankbar an, weil der ihn an eine Grenze getrieben hatte, die so ein Finale braucht, damit es unvergessen bleibt. Nadal bedankte sich bei Medwedew, er klopfte ihm mehrmals auf die Brust. Er war am Ende die stabilere Mauer, er weiß jedoch: Dieser Daniil Medwedew ist ein humorloser, nerviger, unnachgiebiger Kontrahent, der ihn künftig noch häufiger bearbeiten wird.

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