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Ukraine:Kosovo in der WM-Quali: Es ist kompliziert

Kosovos Nationalmannschaft trainiert im albanischen Shkodra für das Quali-Spiel gegen Kroatien.

(Foto: AP)
  • Am Donnerstagabend um 20:45 Uhr spielt der Kosovo das erste Pflicht-Heimspiel seiner jungen Fußballgeschichte.
  • Allerdings findet es in Albanien statt, da das Land selbst kein taugliches Stadion hat.
  • Das Auswärtsspiel in der Ukraine wird in Polen stattfinden. Aus politischen Gründen.

Erst seit Mai gehört der Fußballverband von Kosovo (FFK) zur internationalen Fußballfamilie, gerade absolviert er seine erste Qualifikationsrunde für ein großes Turnier. Das führt aber nicht nur zu immenser Begeisterung in Kosovo, sondern auch zu diversen ungewöhnlichen Konstellationen. An diesem Donnerstag etwa bestreitet die Auswahl von Trainer Albert Bunjaki gegen Kroatien das erste offizielle Heimspiel der Geschichte - allerdings nicht auf kosovarischem Gebiet, weil es dort kein länderspieltaugliches Stadion gibt, sondern in Shkodra in Albanien.

Noch brisanter ist die Spielort-Frage bei Kosovos zweitem Auftritt in dieser WM-Qualifikations-Woche: beim Auswärtsspiel gegen die Ukraine am Montag. Die Ukrainer haben zwar diverse länderspieltaugliche Stadien, wollen aber aus politischen Gründen Kosovos Auswahl nicht auf ukrainischem Boden empfangen. Also verzichten sie aufs Heimrecht und bitten den Gegner stattdessen nach Krakau/Polen.

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Der angeblich unpolitische Fußball steckt wieder mal mitten in einem hochpolitischen Konflikt. Nach dem Krieg Ende der Neunzigerjahre spaltete sich Kosovo von Serbien ab, 2008 proklamierte Kosovo seine Unabhängigkeit. Mitglied der Vereinten Nationen (UN) ist das Land bis heute nicht. 109 von 193 Mitgliedsländern, etwa Deutschland und die USA, erkennen die Unabhängigkeit an, die anderen nicht. Darunter ist auch die Ukraine.

Normalerweise versuchen Weltverband Fifa und Europa-Union Uefa, politisch heikle Konstellationen zu vermeiden. Aber diesmal war ihnen das zu kompliziert. Die Auslosung für die Gruppen der WM-Qualifikation war schon Mitte 2015, in sieben Sechser- und zwei Fünfergruppen kamen die damaligen Uefa-Mitglieder. Kosovo wurde aber erst im Mai mit knapper Mehrheit und nach heftigem Widerstand aus Serbien Mitglied in Uefa und Fifa - und sollte wie das gleichfalls erst im Mai in die Fifa aufgenommene Gibraltar nun einfach eine Fünfergruppe auffüllen. Doch in Gruppe H befand sich schon Bosnien-Herzegowina, und aufgrund der politischen Situation auf dem Balkan sind gemäß der internationalen Verbände Spiele von Kosovo gegen Bosnien-Herzegowina wie auch gegen Serbien ausgeschlossen. Da blieb nur noch die Gruppe I mit der Ukraine.

Europas Fußball erlebt dadurch am Montag ein Novum. Es kam zwar schon vor, dass kleinere Nationen wie Kosovo oder Gibraltar mangels eines tauglichen Stadions Heimspiele in einem anderen Land austrugen. Auch hatte in Asien oder Afrika bisweilen die politische Situation Einfluss auf den Austragungsort. So spielten etwa im Rahmen der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 der Sudan und Tschad wegen des militärischen Konfliktes zwischen den beiden Ländern hilfsweise in Ägypten. Nordkorea wich für die jüngsten Qualifikations-Heimspiele gegen Nachbar und Erzfeind Südkorea nach Shanghai aus. Die Ukraine ist aber der erste europäische Verband, der aus politischen Gründen freiwillig auf ein Heimspiel verzichtet.

Die übliche unterstützende Atmosphäre wird so jedenfalls ausbleiben, zumal nach Angaben der ukrainischen Delegation höchstens 1000 Zuschauer ins Stadion dürfen - so sei der Beschluss der lokalen polnischen Sicherheitsbehörden. Es gibt bisher keinen lauten Protest in der Ukraine; Sport und Politik sind dort eng verwoben, da will niemand der Regierungslinie von Staatspräsident Petro Poroschenko widersprechen. Die ukrainischen Fußballfans erhitzt das Thema aber durchaus, und auch mancher aus dem Umkreis der neuerdings von Andrej Schewtschenko trainierten Nationalelf verfolgt es irritiert - und fragt sich, welche Diskussion einsetzt, sollte die Ukraine verlieren.

Demnächst könnte es dann noch komplizierter werden wegen Kosovo. Der Sportgerichtshof Cas befasst sich auf Antrag Serbiens mit der angeblich nicht statutenkonformen Aufnahme des Verbandes in die Uefa. Und der Rest der Fußballwelt kann derweil überlegen, was passiert, falls Kosovo die Finalrunde der WM 2018 erreicht. Gastgeber Russland erkennt das Land nämlich ebenfalls nicht an.

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