TSV 1860 München:Zunehmend dünnhäutig und überfordert

TSV 1860 München: Am Boden: 1860 München trennt sich von Trainer Maurizio Jacobacci.

Am Boden: 1860 München trennt sich von Trainer Maurizio Jacobacci.

(Foto: Titgemeyer/Osnapix/Imago)

Trainer Maurizio Jacobacci schaffte es immer wieder, die ohnehin hohen Erwartungen beim TSV 1860 München weiter zu schüren - nun ist er an ihnen gescheitert. Zuletzt war er nicht in der Lage, die Krise zu moderieren.

Von Christoph Leischwitz

Zu Beginn seiner Amtszeit, als sich Maurizio Jacobacci beim TSV 1860 München vorstellte, sagte er: "Ich bin ein Taktikfuchs." Die Szene nahm vorweg, was kommen sollte: Die Erwartungen sind bei Sechzig sowieso schon unnatürlich hoch, Jacobacci schaffte es immer wieder ohne Not, sie zu schüren. Und nun ist er an ihnen gescheitert - am Dienstag gab der Fußball-Drittligist die Trennung von dem 60-jährigen Trainer bekannt. Nach fünf Niederlagen in den vergangenen sechs Spielen inklusive dem Aus im Landespokal muss Jacobacci gehen, und sein Assistenztrainer Stefan Reisinger ebenso.

Ob die sportliche Leistung unter den internen Streitereien der Gesellschafter litt oder ob sie umgekehrt zu noch schlechterer Stimmung in der Geschäftsstelle führte, kommt der berühmten Henne-Ei-Frage gleich. Zu beobachten war in den vergangenen Wochen bei Jacobacci jedenfalls, was auch bei allen seinen Vorgängern vor ihrem Weggang zu beobachten war: zunehmende Dünnhäutigkeit. Bei dem Schweizer mit italienischen Wurzeln äußerte sich das etwa darin, dass er besonders wichtige Statements von einem Blatt ablas. Oder dass in Pressekonferenzen die Zeit zwischen Fragen und Antworten immer länger wurde - trotzdem wurden die Konferenzen gleichzeitig immer kürzer.

"Wir sind im Prozess, das braucht Zeit", hatte der Trainer einmal gesagt. Das war vor zwei Monaten, nach einem eher positiven 0:0 gegen den damaligen Spitzenreiter Dynamo Dresden. Dort, sagte Jacobacci damals, habe der Trainer die nötige Zeit für die Entwicklung erhalten. Ein Vergleich mit dem Spitzenreiter - er hatte wieder einmal unabsichtlich Erwartungen geschürt.

Das peinlich verlorene Verbandspokalspiel in Pipinsried dürfte einen Keil zwischen Trainer und einen Teil der Mannschaft getrieben haben.

Dabei war in den folgenden sieben Wochen eher noch weniger Entwicklung zu sehen als davor. Die Spielidee bestand ganz grob darin, wenig Gegentore zu kassieren (was oft funktionierte) und vorne darauf zu hoffen, hohe Effizienz an den Tag zu legen. Als dann auch noch Jacobaccis Wunsch-Stürmer Joel Zwarts verletzt ausfiel, wurde Sechzig noch harmloser. Ganz besonders dann im Verbandspokal beim Bayernligisten FC Pipinsried (0:1) - gerade, als die Mannschaft nach einem 3:2 in Saarbrücken mit einem Funken mehr Mut und mehr Offensive drei Punkte geholt hatte.

Jacobacci hatte die Anforderungen in Pipinsried völlig unterschätzt, und das Pokalspiel dürfte einen Keil zwischen ihn und einen Teil der Mannschaft getrieben haben. Denn der Trainer hatte die Niederlage nicht einmal andeutungsweise auf seine Kappe genommen, obwohl er der Mannschaft keinen adäquaten Matchplan mitgegeben hatte. Bei früheren Niederlagen hatte Jacobacci seiner Mannschaft oft eine gute Leistung bescheinigt, obwohl das oft nicht zutraf - besonders auffällig war das beim 0:1 in Ulm. Das war in Pipinsried schlicht nicht möglich, dafür hatte er den Gegner zu sehr schlechtgeredet.

Das Spiel am vergangenen Sonntag in Dortmund (0:3) war in vielerlei Hinsicht untypisch, denn Sechzig spielte diesmal mit sehr viel Risiko. Gut möglich, dass der 60-jährige Jacobacci auf einen Befreiungsschlag setzte gegen eine U23 mit erheblichen Personalproblemen. Dafür spricht auch, dass man einen zusätzlichen Flug von Augsburg buchte, um nach dem Wintereinbruch doch noch in Dortmund spielen zu können.

Doch die Chancenverwertung blieb ungenügend, und dann zeigte sich einmal mehr, wozu sich die Löwen in Wahrheit entwickelt hatten: zu Kätzchen, die nach einem Rückstand noch weniger Torchancen produzieren als davor. Viele Fans kreiden dem Trainer an, nach Rückständen auch schlecht gewechselt zu haben. In Dortmund traf es den ausnahmsweise sehr aktiven Eroll Zejnullahu, direkt nach dem ersten Gegentor (63.). Nach dem Schlusspfiff wirkte Jacobacci dann auch besonders hilflos. Als er über das 0:1 sprach, prangerte er "fehlende Restverteidigung" an, was Humbug war. Und angesichts des Tabellenplatzes 15 sagte er: "Wir stehen jetzt ganz klar da, wo wir stehen." Dass die Fans seinen Rauswurf forderten: "Das ist schon bitter", sagte er ruhig.

Jacobacci war gegen Ende überfordert, die Krise zu moderieren, und hier schließt sich bei 1860 München freilich wieder ein Kreis: Es war ja auch sonst niemand da, der das hätte übernehmen können. Nun muss es vorerst Frank Schmöller versuchen, der charismatische und im höheren Amateurbereich sehr erfahrene Trainer der U21-Mannschaft, die in der Bayernliga bereits in der Winterpause ist. Schmöller, 57, wird den TSV 1860 laut der Pressemitteilung in den restlichen drei Drittliga-Spielen des Kalenderjahres gegen Essen, in Bielefeld und in Mannheim coachen. Schmöller darf maximal 15 Tage lang verantwortlich sein, weil ihm die nötige Lizenz fehlt - die Frist endet genau mit dem Auftritt in Mannheim.

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