E-Sports beim TSV 1860:Disqualifikation statt Meisterschaft

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E-Sports beim TSV 1860: In der Prime League kämpft gerade unter anderem Hertha BSC Berlin um den Finaleinzug der deutschen Meisterschaft in "League of Legends". 1860 München hingegen wurde aus der Liga ausgeschlossen.

In der Prime League kämpft gerade unter anderem Hertha BSC Berlin um den Finaleinzug der deutschen Meisterschaft in "League of Legends". 1860 München hingegen wurde aus der Liga ausgeschlossen.

(Foto: Schöning/Imago)

Die E-Sportler des TSV 1860 München müssen keine vier Jahre nach ihrer Gründung die höchste nationale League-of-Legends-Liga verlassen - wegen ausbleibender Gehaltszahlungen beim Kooperationspartner.

Von David Kulessa

Als der eingetragene Verein TSV 1860 München im Januar 2019 die Gründung seiner E-Sport-Abteilung bekannt gab, war die Euphorie groß. In der Pressemitteilung schrieb der Verein damals davon, gleich in seiner ersten Saison zu den Favoriten um den Meistertitel zu gehören. Und nicht nur sportlich, sondern auch finanziell sei das kompetitive Zocken erfolgsversprechend. Zum Beispiel wollte man mit den Einnahmen die Box-Abteilung querfinanzieren: "Das ist ausdrücklich vertraglich so festgelegt", sagte Vereinsmanagerin Viola Oberländer damals der SZ.

Keine vier Jahre später haben sich nicht nur die Boxer aus der Bundesliga zurückgezogen, sondern auch die E-Sportler stehen vor dem Aus. Am Freitag teilte die Prime League mit, dass Penta 1860 mit sofortiger Wirkung disqualifiziert sei. "Grund dafür ist das wiederholte Versäumen finanzieller Verpflichtungen", heißt es auf der Internetseite. Die Liga ist die deutsche Eliteklasse für das Strategiespiel "League of Legends" (LoL) und jene, zu deren Meisterschaftsfavoriten sich die Sechziger bei Gründung noch wähnten. Was ist passiert?

Allem Anschein nach liegt die Schuld für das Aus nicht in München, sondern vordergründig in Berlin. Dort sitzt das Gaming-Unternehmen Penta Sports, mit dem sich der Verein 2019 zusammengetan hatte - und das jetzt kurz vor dem Aus steht. "Ich werde die Branche mit sehr viel Verlust und Schmerz verlassen", sagt Penta-Geschäftsführer Andreas Schaetzke im Gespräch mit der SZ. Er versprach zudem, allen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

Dabei handelt es sich in erster Linie um offene Gehaltszahlungen an die Spieler. "Wir hatten das Problem schon einmal Anfang des Jahres", gibt Schaetzke zu: "Da haben wir das Problem mit einer sechsstelligem Summe aus der Mutterfirma gelöst." Diesmal blieb frisches Geld aus, eine Aufrechterhaltung sei rein aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll: "Wir haben keine Einnahmen mehr, nur noch Ausgaben."

Penta Sports hat in der Szene keinen guten Ruf. Das war schon 2019 so, als sich die Sechziger für die Zusammenarbeit entschieden. Auf SZ-Anfrage wollte sich der Verein nicht äußern. In einer knappen Pressemitteilung heißt es nur, man sei überrascht über den Ligaausschluss und eine Fortführung der Kooperation sei aktuell nicht absehbar. 1860 nicht bezüglich der anstehenden Disqualifikation vorgewarnt zu haben, nimmt das Unternehmen auf seine Kappe. "Die Sechziger waren nicht informiert. Das ist unser Verschulden, auch persönlich mein Verschulden", bestätigt Schaetzke die Darstellung des Vereins.

Der E-Sport habe von der Pandemie nicht profitiert, sagt Penta-Chef Schaetzke

Die Gründe, die Penta Sports in einer Stellungnahme für seine finanziellen Nöte angibt, sind mindestens verwunderlich. Dass die Branche zuletzt "durch die Pandemie durchgerüttelt wurde", lässt sich an Zahlen genau so wenig ablesen, wie dass "die Wachstumsmöglichkeiten für einen E-Sport-Klub weiterhin stark limitiert bleiben". Weltweit schauen knapp eine halbe Milliarde Menschen E-Sport, allein in Deutschland schätzt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC den diesjährigen Umsatz auf 124 Millionen Euro; Tendenz steigend.

"Es ist ein Trugschluss, dass der E-Sport von der Pandemie profitiert hat", sagt hingegen Penta-Geschäftsführer Schaetzke. Viel mehr seien es die großen Spielehersteller, die in dieser Zeit Geld verdient haben. Die professionellen Gamer mussten wie andere Athleten auch auf Events und Reisen verzichten. Zudem seien viele Sponsoren abgesprungen, sagt Schaetzke: "Unser Umsatz ist nur noch ein Viertel dessen, was wir vor Beginn der Pandemie hatten."

Der TSV 1860 kann erstmal nichts dafür, dass sein Geschäftspartner kein Geld mehr hat. Auch stehen nicht die Sechziger, sondern Penta Sports bei den E-Sportlern in der Schuld. Trotzdem muss sich der Verein die Frage gefallen lassen, warum man 2019 ausgerechnet mit dem Berliner Unternehmen kooperiert hat. Wussten die Verantwortlichen von dem schlechten Ruf? Haben sie sich falsche Hoffnungen machen lassen? War es wirklich jemals realistisch, andere Abteilungen aus den Einnahmen zu finanzieren? Aus heutiger Sicht ist das schwer zu beurteilen, auch wenn der Penta-Chef - übrigens voll des Lobes für den Verein - behauptet: "2019 lief's perfekt."

Der SZ gestand Vereinsmanagerin Viola Oberländer 2020, man habe beim Einstieg "viel zu wenig Ahnung" vom E-Sport gehabt. Wer weiß, ob sich das in der Zwischenzeit geändert hat. Sinnvoll erscheint es jedenfalls, zunächst einmal aus dem professionellen LoL-Geschäft auszusteigen. Der Verein teilte mit, in Zukunft eher auf den Breitensport zu setzen - und auf Fifa. Auch bei der Fußballsimulation stellt 1860 gemeinsam mit Penta ein Team, das wohl erstmal nicht in Gefahr ist.

"Beim Kostenfaktor liegen zwischen League of Legends und Fifa Universen", betont Andreas Schaetzke, der trotz allem versichert: "Jetzt sind wir in regem Austausch. Es wird eine weitere Kooperation geben." Unklar bleibt, ob das auch im Interesse der Sechziger ist.

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