Boxen:Nichts als Stress

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Boxen: Desillusioniert: Boxtrainer Ali Cukur.

Desillusioniert: Boxtrainer Ali Cukur.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Ausflug in die Bundesliga hat die Boxer des TSV 1860 München nicht nur finanziell belastet - nach Streitigkeiten mit dem Verband ziehen sie sich wieder zurück.

Von Christian Bernhard

Ali Cukur ist immer noch sauer. Einen Monat liegt der abschließende Bundesliga-Boxkampf des TSV 1860 München mittlerweile schon zurück, doch der Abteilungsleiter wird immer noch emotional, wenn er von der ersten Bundesligasaison seines Vereins erzählt, die nach euphorischem Start mit dem Rückzug endete. Die Entscheidung traf er nicht, weil die Löwen auf dem letzten Platz in der Viererstaffel landeten, sondern wegen wirtschaftlicher Faktoren - und gewisser "Machenschaften", wie er es nennt.

Die Teilnahme an der Bundesliga war "ein Traum von mir", erzählt Cukur, der seit 1974 bei den Löwen ist und im Jahr 1997 die Abteilungsleitung übernahm. Er wollte die TSV-Boxabteilung damit noch bekannter machen, noch mehr Jugendliche zum Boxen bringen. Doch die Bundesliga präsentierte sich ganz anders als von Cukur erträumt. Schon beim ersten Kampf in Hannover gab es Probleme mit dem Startpass eines Münchner Boxers, die für Cukur nicht nachvollziehbar waren und zu einem Punktabzug führten.

Als die Löwen Ende April den Auswärtskampf beim letztjährigen Meister BC Traktor Schwerin im Ring für sich entschieden hatten, ihnen dieser Sieg aber direkt nach dem letzten Kampf von Erich Dreke, dem Präsidenten des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV), aufgrund eines "unvollständigen Kampfausweises" aberkannt wurde, entlud sich Cukurs Frust: Wutentbrannt stapfte er an den Kampfrichtertisch und warf Dreke, der als Supervisor fungierte, vor, mit solchen Entscheidungen den Boxsport kaputtzumachen. In Cukur reifte die Entscheidung, die Bundesliga wieder zu verlassen.

Die Bundesligakasse hat nicht ausgereicht - auch von der Stadt hätte Cukur mehr Unterstützung erhofft

In einem Rundschreiben erneuerte er die Kritik an Verbandspräsident Dreke, die Töne darin waren rau. Manche emotionale Äußerung, die er wählte, würde er heute vermeiden, sagt Cukur, bleibt aber bei seinem Vorwurf, Dreke habe in jener Situation falsch gehandelt. Die Löwen bekamen schlussendlich zwar die Siegpunkte des Schwerin-Kampfes zugesprochen, aber nicht, weil der Boxverband ihrem Protest zustimmte, sondern weil die da schon nicht mehr von Platz eins zu verdrängenden Schweriner, die Ende Juni im Playoff-Finale gegen BSK Hannover Seelze den Meister ermitteln, auf die Punkte verzichteten. Für Cukur ist das Verhalten des Verbandes noch heute eine "Schweinerei". Dreke sieht die Schuld beim Verein.

Cukurs Fazit fällt auch wirtschaftlich ernüchternd aus. Die eigens eingerichtete Bundesligakasse reichte nicht aus, um die Kosten im mittleren fünfstelligen Bereich zu decken. "Es hat sich nicht gelohnt", sagt Cukur, der auch die Unterstützung der Stadt München vermisste. Ein künftiges Bundesliga-Engagement schließt er trotzdem nicht aus - allerdings müsste ein zahlungskräftiger Sponsor gefunden werde. "Es muss ein Wunder geschehen", sagt er.

Für Cukurs Gesundheit könnte der Bundesliga-Ausstieg förderlich sein. "Stress, Stress, Stress" habe dem 61-Jährigen die Organisation der Kampftage beschert. Bei den Heimkämpfen war er für alles zuständig, sogar die Stühle für die Halle an der Säbener Straße hat er selbst mit einem Transporter abgeholt und nach Kampfende zurückgebracht. Manchmal war Cukur deshalb erst um drei Uhr nachts wieder zu Hause. Die Zeit der schlaflosen Nächte wäre also erst einmal vorbei.

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