Doping-Razzien:Schatten über dem Tour-Start

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Doping-Razzien: Schweigen und radeln: Fahrer des Teams Bahrain Victorious bereiten sich am Freitag auf die erste Tour-Etappe in Kopenhagen vor.

Schweigen und radeln: Fahrer des Teams Bahrain Victorious bereiten sich am Freitag auf die erste Tour-Etappe in Kopenhagen vor.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

14 durchsuchte Anwesen, sieben Länder, beschlagnahmte Medikamente: Ermittler veröffentlichen kurz vor der Frankreich-Rundfahrt Details zu den Razzien rund um das Team Bahrain-Victorious.

Von Johannes Knuth

Die Pressekonferenz, auf der sich die Radsport-Equipe Bahrain-Victorious am Donnerstag den Fragen der Reporter stellte, wie jede Auswahl vor dem Start der Tour de France, geriet zu einem, nun ja, ulkigen Schauspiel. Die Journalisten hatten zwar brav jede Menge Fragen mitgebracht, vor allem rund um die Polizeivisiten, die dem Team in den vergangenen Tagen wieder zuteil geworden waren. Doch weil Fahrer und Betreuer zu all dem nichts sagen konnten oder mochten, war die Fragerunde schnell vorbei.

Dafür stellten die Ermittler aus Frankreich und die Behörde Europol am Freitag ein wenig mehr Erhellendes parat. Sie sprachen von einer Operation, die auf "verbotene Substanzen im Radrennsport" ziele. Man habe zwischen dem 27. und 30. Juni rund 14 Anwesen in Italien, Spanien, Belgien, Polen, Slowenien, Kroatien und Dänemark durchsucht; außerdem das Teamhotel der Mannschaft in Kopenhagen, wo am Freitagabend die erste Etappe der diesjährigen Tour anbrach.

Im Fokus der Untersuchungen standen demnach der Sportchef, drei Fahrer - der Italiener Damiano Caruso überführte sich selbst als Betroffener -, dazu ein Osteopath, ein Teamarzt sowie der Sitz des Teameigentümers in Italien. Die Ermittler beschlagnahmten "elektronisches Material (Handys, Computer, Festplatten)" sowie, und da wird es nun interessant, "Medikamente", die laut Behörden "verschreibungspflichtig oder unbekannten Ursprungs sind". Man werde alle beschlagnahmten Beweisstücke forensisch untersuchen.

Fahrer, Betreuer und Teamleitung haben unlautere Praktiken stets bestritten

So ist nun immerhin etwas Licht in ein Unterfangen eingezogen, das bereits bei der vergangenen Tour begann und mit dem sich der Dopingverdacht fest im Peloton einnistete. 50 Polizisten hatten damals das Hotel der Bahrain-Auswahl in Pau durchsucht, Laptops, Handys und Medikamente beschlagnahmt, wie jetzt; auch damals ging es um angeblich unerlaubt verwendete Präparate. Die Aufregung war groß, die Staatsanwaltschaft Marseille, die die Operation damals wie heute betreut, hüllte sich lange in Schweigen.

Nach draußen drangen nur Berichte, wonach bei drei Fahrern in Haarproben die Substanz Tizanidin aufschien - ein kraftvolles Medikament, das Muskeln entspannt und bei Bandscheibenvorfällen, Arthrosen oder Multipler Sklerose verschrieben wird (das Team dementierte den Einsatz nicht). Die Substanz steht nicht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur, dass Radprofis sie offenbar konsumieren, legt zumindest das nahe, was Experten seit Langem vermuten: dass im Peloton weiter geschluckt wird, was hilft und nicht explizit verboten ist.

Ob die Ermittlungen nun etwas Konkretes abwerfen? Die Marseiller Staatsanwälte hatten vor zwei Jahren schon einmal eine Operation orchestriert, gegen das französische Team Arkéa-Samsic, offenbar ohne Erfolg. Die Bahrain-Auswahl und ihre Angestellten waren in den vergangenen Jahren immer wieder ins Zwielicht gerückt, sei es durch frühere Doping-Sperren gegen Fahrer wie Caruso, Verdachtsmomente gegen den Manager Milan Erzen, der beim Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt angefragt haben soll (Erzen hat unlautere Praktiken stets zurückgewiesen) oder umstrittene Gesten, mit denen der Fahrer Matej Mohoric im Vorjahr offenbar gegen Kritiker und Ermittler zielte. Das Team hatte zuletzt wieder beteuert, dass man sich stets an alle Regeln halte, mit den Untersuchungen wolle man offenkundig den Ruf des Teams ramponieren.

Gesichert ist erst mal nur so viel: Wer so erfolgreich bei der Tour ist, wie es die Fahrer der Equipe zuletzt waren, fährt den Fragen in der Regel nicht so schnell davon - vor allem den unbequemen.

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