Tour de France:Gesten wie bei Lance Armstrong

Tour de France: Matej Mohoric deutet Schweigen an - in Richtung Kritiker und Ermittlern?

Matej Mohoric deutet Schweigen an - in Richtung Kritiker und Ermittlern?

(Foto: Christophe Ena/AP)

Während Gelb-Träger Tadej Pogacar auch die letzte Hürde meistert und Wout Van Aert das Zeitfahren gewinnt, prägt der Umgang mit Doping-Ermittlungen die letzten Tour-Tage - was steckt hinter der Razzia beim Bahrain-Victorious-Team?

Von Johannes Aumüller

Im Sommer 2004 demonstrierte Lance Armstrong der Welt nachdrücklich, in welch mächtiger Rolle er sich im Radsport sah. Kurz vor dem Ende der Tour griff auf einer bedeutungslosen Flachetappe Filippo Simeoni an, ein Fahrer, der im Gesamtklassement weit zurücklag und der vorher vor Gericht über Dopinggaben des damaligen Armstrong-Arztes Michele Ferrari berichtet hatte. Armstrong fuhr da schon im Gelben Trikot, aber er setzte dem Italiener dennoch nach - damit war dessen Ausrissversuch zum Scheitern verurteilt.

Es war Mobbing vor laufender Kamera, und im Anschluss machte Armstrong eine eindeutige Pose: Er zog mit einem imaginären Reißverschluss seinen Mund zu. Besser mal die Klappe halten, war Armstrongs Botschaft - achteinhalb Jahre, bevor er seinen jahrelangen Betrug selbst einräumte.

Nun hat bei der aktuellen Tour der Slowene Matej Mohoric diese Geste gezeigt: am Freitagabend in Libourne, als er als Solist seinen bereits zweiten Etappensieg bei dieser Tour erreichte. Mohoric ist natürlich nicht der Patron des Pelotons, aber er ist Mitglied des Bahrain-Victorious-Teams, dessen Hotel am Mittwochabend von der französischen Polizei durchsucht worden war; die Staatsanwaltschaft Marseille ermittelt wegen eines Dopingverdachts. Besser mal die Klappe halten, das war offenkundig auch seine die Botschaft an diejenigen, die Bahrains Leistungen in diesem Jahr kritisch verfolgen.

Nach einer fast dreiwöchigen Dominanz des Slowenen Tadej Pogacar, 22, absolviert die Frankreich-Rundfahrt gerade ihr letztes Wochenende. Am Samstag stand das Zeitfahren an, in dem Pogacar auf dem Weg zu seinem zweiten Toursieg auch die letzte kleine Hürde nahm, der Däne Jonas Vingegaard den zweiten Platz gegenüber dem Ecuadorianer Richard Carapaz verteidigte und der Belgier Wout Van Aert den Tagessieg holte.

Und nun folgt am Sonntag der klassische Sprinterabschluss in Paris, bei dem sich der Brite Mark Cavendish mit dem 35. Tour-Etappensieg seiner Karriere zum alleinigen Rekordhalter in dieser Kategorie vor Eddy Merckx aufschwingen könnte und der deutsche Routinier André Greipel die letzte Chance auf seinen zwölften Etappensieg hat. Nach der Saison beendet er seine Karriere, wie er am Samstag bekanntgab.

Aber neben Pogacars Dominanz und Cavendishs Rekordtraum überschattet diese letzten Tour-Tage ein anderes großes Thema: die Rückkehr des Dopingverdachts ins Peloton - und der weitere Umgang damit. Denn in Bahrain-Victorious betrifft dies just eine stärksten Mannschaften des Jahres und speziell dieser Tour: Neben Mohoric gewann auch Dylan Teuns eine Etappe, Wout Poels verpasste das Bergtrikot nur knapp, und die Mannschaftswertung ging auch an die mit viel Geld aus dem bahrainischen Königreich unterstützte Equipe.

Am Mittwochabend gab es die stundenlange Razzia, bei der die Polizisten Trainingsdaten, aber nach Angaben aus der Mannschaft auch Computer und Mobiltelefone sicherstellten. Am Donnerstag bestätigte die Staatsanwaltschaft Marseille, dass sie schon seit dem 3. Juli ermittele und es um "Erwerb, Transport, Besitz, Einfuhr einer verbotenen Substanz oder einer verbotenen Methode zur Anwendung durch einen Athleten ohne medizinische Begründung" gehe. Und seit jenem Tag wehren sich die Vertreter der Mannschaft gegen jeden Verdacht.

Der Teamchef Milan Erzen gab in einem ersten Gespräch zu verstehen, der Besuch der Polizei sei keine große Sache gewesen. Der italienische Meister Sonny Colbrelli, seit der Gründung 2017 in der Equipe, erklärte, es liege quasi am Neid der anderen; die Razzia sei der Preis für die guten Leistungen. Und am Freitag legte Mohoric mit seiner Reißverschluss-Geste und ein paar ordentlichen Vorwürfen in Richtung der Behörden nach.

"Ich bin enttäuscht vom System. Es ist nicht schön, wenn die Polizei bei dir im Zimmer steht und sich durch deine Sachen wühlt. Sie gucken sich sogar die Privatsachen an, lesen die Nachrichten auf dem Handy", sagte er. Er habe sich "wie ein Krimineller" gefühlt, dabei habe man gar nichts zu verbergen.

Aber interessant war zugleich, dass Mohoric - wie auch sein slowenischer Landsmann Pogacar als Träger des Maillot Jaune - so argumentierten, dass in der Razzia doch auch etwas Gutes stecke. Es gehöre dazu, sagten sie sinngemäß, um mit einer solchen Kontrolle zu zeigen, dass alles in Ordnung ist. Als sei eine Razzia mit so vielen Polizisten so etwas Ähnliches wie ein Dopingtest.

Tatsächlich werden die Folgen des Vorgangs in den nächsten Wochen wohl etwas spürbarer sein. Die Protagonisten rund um das Bahrain-Victorious-Team dürften hoffen, dass es mit dem Verfahren einen ähnlichen Verlauf nimmt wie im Vorjahr bei einem ähnlichen Fall rund um die französische Mannschaft Arkea-Samsic.

Damals kam es während der Tour ebenfalls zu einer Durchsuchung und sogar zur Festsetzung zweier Begleitpersonen, aber danach versandete die Angelegenheit offenkundig. Zugleich wird es sich die Staatsanwaltschaft Marseille aber kaum ein zweites Mal leisten können, bei der Tour einen größeren Auftritt zu haben, der keine größeren Folgen hat.

© SZ/bek
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