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Rassismus im Fussball:Affen auf der Tribüne

FC Schalke 04 - Hertha BSC

Von Schalke-Fans verunglimpft, von Mitspielern verteidigt: der Berliner Jordan Torunarigha (Mitte).

(Foto: dpa)

Die Mehrheit der Anständigen verurteilt die Schmähungen gegen Hertha-Spieler Jordan Torunarigha. Vieles, was früher zum Stadionalltag gehörte, wird heute nicht mehr toleriert.

Um das politische Bewusstsein im Fanblock des FC Schalke 04 muss man sich keine grundsätzlichen Sorgen machen. Die Schalker Fan-Initiative gehört dort zum Alltagsbild mit ihren Spruchbändern gegen Rassismus. Das Logo der "Fan-Ini": ein über den blauen Strumpf gezogener Fußballschuh, der ein Hakenkreuz zertritt. Erst am Samstag - Treffpunkt "14:04 Uhr im Fanladen" - sind die Schalker mit Lappen und Putzmittel durch ihren Stadtteil gezogen, um jene "Stolpersteine" zu polieren, die im Straßenpflaster an Opfer der Nazi-Diktatur erinnern.

Als Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies vergangenen Sommer im Stile eines von latentem Alltagsrassismus durchwirkten Großwildjägers von Afrikanern schwafelte, denen man Kraftwerke bauen müsste, damit sie weniger Kinder zeugen, forderten viele Schalker Tönnies' Rücktritt. Dass der Patriarch weiter geduldet wird, hat auch damit zu tun, dass er inzwischen selbst so aktiv und glaubwürdig gegen Rassismus eintritt, wie das jetzt halt noch möglich ist.

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Gerade erst hatte der Gelsenkirchener Klub die #stehtauf-Woche ausgerufen. Die B-Junioren besuchten die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Und sogar Trompeten-Willi hat lernen müssen, wo die Grenzen sind. Der bekannte Fanblock-Trompeter hatte bei Facebook eine "Mahnwache" unter dem Motto "Fridays gegen Altersarmut" beworben, angeblich ohne zu wissen, dass diese Initiative längst von rechten Parteien gekapert ist. Der Aufschrei war groß. Die "Fan-Ini" organisierte Gegenprotest, Trompeten-Legende hin oder her. Am Ende fiel die "Mahnwache" aus.

In anderen Ländern geht es noch schlimmer zu

Dass jetzt ausgerechnet Schalke wieder im Zentrum einer Rassismusdebatte steht, kann man ein wenig tragisch finden. Aber es ist nun mal nicht zu leugnen, dass der in Diensten von Hertha BSC stehende Abwehrspieler Jordan Torunarigha - 1997 geboren in Chemnitz, die Eltern aus Nigeria - am Dienstagabend während des Pokal-Achtelfinales von der Schalke-Tribüne aus mit Affenlauten geschmäht wurde. Dass Torunarigha am Ende einer hitzigen Partie die rote Karte sah, was wiederum die ausgeschiedenen Berliner aufwühlte, verlieh dem Vorfall eine Aufmerksamkeit, die die Gruppe der Pöbler größer erscheinen lässt, als sie war. Relativieren muss man deshalb nichts. Dass vieles, was noch vor zwanzig Jahren zum Stadionalltag gehörte - Rassismus, Homophobie, Sexismus -, heute nicht mehr hingenommen wird, ist ja mehr zivilisatorische Notwenigkeit als Fortschritt.

Rassismus im deutschen Stadion wird nicht dadurch erträglicher, dass es anderswo noch viel mehr davon gibt. In Bulgarien stand im Herbst ein EM-Qualifikationsspiel gegen England kurz vor dem Abbruch wegen eines regelrechten Neonazi-Aufmarschs auf der Tribüne. In Italien haben manche Klubpräsidenten die Hoheit über die Kurven einem Mob überlassen, bei dem man nicht weiß, was man widerwärtiger finden soll: die offen zur Schau getragene Faschismus-Verklärung oder die Verbandelung mit der Mafia.

Unterwanderte Fankurven gibt es auch in Deutschland - der FC Chemnitz schaffte es bis in die Tagesthemen, als er 2019 vor einem Drittligaspiel eines verstorbenen Neonazis gedachte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Gruppen wie die Schalker "Fan-Ini" hierzulande in den Stadien eine Mehrheit der Anständigen repräsentieren, von der man anderswo - etwa in den sozialen Netzwerken - manchmal nicht sicher ist, dass es sie so noch gibt.

© SZ vom 06.02.2020
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