Toni Kroos über Fußball-Geschäft:Schürrle trifft sensible Punkte

Real Madrid s midfielder Toni Kroos reacts during the Spanish LaLiga soccer match between Real Madrid and Valencia at A; Kroos

Gerade spanischer Meister geworden: Toni Kroos.

(Foto: imago images/Agencia EFE)

Nach dem Rücktritt des ehemaligen Nationalspielers teilen auch Toni und Felix Kroos dessen Vorwürfe an den Betrieb Profifußball. Es fällt auf, dass mehr Spieler ihre eigene Rolle stärker reflektieren.

Kommentar von Martin Schneider

Der Bruder-Podcast ist das neue große Ding in der Fußball-Medienwelt. Jonas und Mats Hummels haben damit angefangen, Toni und Felix Kroos nachgezogen, und im Grunde müsste es jetzt mit Sven und Lars Bender, Niko und Robert Kovac oder mit Uli und Dieter Hoeneß weitergehen. Letztgenannter Sendung wäre eine überdurchschnittliche Aufmerksamkeit sicher, aber man weiß ja nicht, wie Uli Hoeneß zu dieser Form der Kombination aus Radio (ruft er gerne an) und Internet (findet er albern) steht.

Podcasts haben aber definitiv die schöne Eigenschaft, dass man sich ausführlicher zu einem Thema äußern kann als sonst oft in der schnellen Wortschnipselwelt. Und so war es Toni und Felix Kroos in ihrer jüngsten Ausgabe ein Anliegen, länger auf den Rücktritt des Nationalspielers André Schürrle einzugehen. Der hat ja gerade mit 29 Jahren aufgehört und dabei einen kleinen Einblick in sein Gefühlsleben gegeben; er sprach über Erwartungsdruck und sein Gefühl, dass er nie Schwäche zeigen durfte.

Wer nun den Gebrüdern aus den unterschiedlichen Sphären des Profifußballs (Real Madrid, Union Berlin) die 20 Minuten lang zuhört, in denen sie über das Thema reden (hier ab ca. Minute 32:00), der merkt, dass Schürrle mit seiner Entscheidung offenbar sensible Punkte in beiden Welten getroffen hat. Er stellte sich Fragen, die sich offenbar auch andere Profis stellen. Was ist noch gesund? Was muss man als Athlet akzeptieren? Und was wird durch das Gehalt aufgewogen? Dazu Felix Kroos: "Viele verstehen nicht: Physische und mentale Gesundheit kann man sich für kein Geld der Welt kaufen." Schön und gut, könnte man sagen, der Job ist hart - aber es zwingt euch ja auch keiner, Profifußballer zu sein. Schürrle ist jetzt keiner mehr. Letztlich verzichtet er zwar bloß auf einen (mutmaßlich) letzten Vertrag bei einem (mutmaßlich) namenlosen Klub und kehrt stattdessen lieber dem "Business", wie Toni und Felix Kroos die Fußballwelt fast durchgehend nennen, den Rücken - aber schon das führt offenbar auf Spielerebene zu einem offeneren Nachdenken.

Über die Problematik gesprochen wird im Business wohl selten, jedenfalls kann man so Toni Kroos' Aussage interpretieren, er habe es interessant gefunden zu lesen, wie ein anderer Aktiver "es fühlt". Die beiden schieben auch eine Erklärung hinterher, warum es eher kein Kabinenthema ist: Schon darüber zu sprechen, hieße, Schwäche zu zeigen, was man besser nicht tue, wenn man bei einem großen Klub seinen Platz behalten wolle.

Das Reflektieren über das eigene Gladiatoren-Dasein nimmt auch außerhalb der Podcast-Welt zu. Einige Spieler, darunter Mats Hummels, Lars Stindl oder Willi Orban, wollen eine neue Spielergewerkschaft gründen. Hummels sagte zu den Gründen: "Wir wurden zuletzt oft übergangen, umso nötiger ist es, dass wir künftig unsere Stimme aktiv einbringen." Es gibt ja noch einen anderen Weg als den, den André Schürrle genommen hat. Statt das Business zu verlassen, kann man auch versuchen, es zu ändern.

© SZ vom 23.07.2020/schm
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