bedeckt München

Karriereende von André Schürrle:Immer unter Erwartungsdruck

FUSSBALL WM 2014 FINALE Deutschland - Argentinien 13.07.2014 Andre Schürrle (re, Deutschland) bereitet mit dieser Flank; Schürrle

André Schürrle flankt durch Javier Mascherano und Pablo Zabaleta hindurch zu Mario Götze.

(Foto: imago images/Ulmer/Teamfoto)

Bei der WM 2014 war André Schürrle der "Super-Joker", im Finale bereitete er den Siegtreffer vor. Doch ab diesem Moment wuchsen die Ansprüche - und belasteten ihn.

Von Martin Schneider

Der Sprint und die Flanke natürlich, die werden im deutschen Fußballgeschichtsbuch stehen bleiben. Toni Kroos hatte ihm den Ball zugepasst, André Schürrle lief einfach los, vorbei am alten argentinischen Recken Javier Mascherano, der Schürrles Tempo in der 113. Minute nicht mehr aufnehmen konnte. Er fand die Lücke an Pablo Zabaleta vorbei zu Mario Götze, der ihn bekanntermaßen machte.

Die Weltmeisterschaft 2014 war André Schürrles Turnier. Schürrle war der erste Einwechselspieler, der Beschleuniger der deutschen Elf. Er bereitete ja nicht nur den Siegtreffer im Endspiel vor, er schoss beim 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien zwei Tore und sorgte für den Sieg im Achtelfinale gegen Algerien - mit einem Hackentreffer. Das Finale hätte er auch beinahe selbst entschieden, in der 91. Minute schoss er komplett freistehend Torhüter Romero an. Auf Vorlage von Götze übrigens.

Nun hat André Schürrle seine Karriere beendet. Mit 29 Jahren. Das hatte sich angedeutet, er sagte schon im Januar, dass er nicht wisse, wie lange er überhaupt noch Fußball spielen wolle. Damals hatte ihn Borussia Dortmund an Spartak Moskau verliehen, das vom deutschen Trainer Domenico Tedesco betreut wird. Schürrle wohnte dort in einem Hotelzimmer mit Blick auf den Kreml und so verloren, wie sich das anhört, war er wohl auch.

"Man muss ja immer eine gewisse Rolle spielen, um in dem Business zu überleben, sonst verlierst du deinen Job und bekommst auch keinen neuen mehr", sagt er nun zu seinem Rücktritt im Spiegel. Er sagt viele Sätze dieser Art, zum Beispiel, dass "Verletzlichkeit und Schwäche zu keinem Zeitpunkt existieren dürfen." Oder dass es die Erwartungshaltung gibt, so lange Profifußballer zu sein, wie es nur irgendwie geht. Als der Nationalspieler Marcell Jansen ebenfalls mit 29 Jahren seine Karriere beendete, warf ihm Rudi Völler vor, er habe den Fußball "nie geliebt".

Mit André Schürrle fand Bundestrainer Löw den perfekten Joker

Schürrles Karriere begann unter Thomas Tuchel bei Mainz 05. Zusammen mit Lewis Holtby und Adam Szalai wurde er 2009 Teil eines Trios, das manche Menschen "Bruchweg Boys" nannten, weil sie einmal nach einem Tor jubelten wie eine Band. Schürrle stach schnell heraus, er war schussstark, deutscher Juniorennationalspieler und vor allem sehr schnell. Eine solche Explosivität gab es damals im Dunstkreis der Nationalmannschaft noch nicht - auf den Außen spielten Thomas Müller, Mesut Özil und Lukas Podolski.

Leverkusen schnappte sich das Talent, er überzeugte, wurde für den FC Chelsea interessant. Unter José Mourinho, der damals noch eine andere Trainer-Hausnummer war als heute, spielte er in seiner ersten Saison 30 Mal, dazu zehn Mal in der Champions League - dann kam die WM und weil Marco Reus sich verletzte, brauchte Bundestrainer Joachim Löw ganz dringend Tempo. Er und Hansi Flick analysierten, dass es im schwierigen brasilianischen Klima auf die Einwechselspieler ankommen würde. Und mit André Schürrle fanden sie den perfekten Joker. Er erlebte in Rio seinen Karrierehöhepunkt. Schürrle selbst sagte damals dem Kicker, er könne mit dem Titel "Super-Joker" gut leben. Aber: "Ich hoffe doch, dass ich die Rolle abstreifen kann und künftig häufiger von Beginn an spiele. Das ist mein Ziel." Schürrle wollte also nach einem gewonnenen WM-Finale nochmal den nächsten Schritt machen.

Doch nach einer Weltmeisterschaft haben Fußballer wenig Pause, es bleibt kaum Zeit zum Regenerieren. Schürrles Spiel war durch Kraft und Sprints geprägt, in der kraftzehrenden Premier League merkte er die Belastung. "Ich habe mich drei, vier Wochen pushen können, aber dann bin ich in das tiefste Loch gefallen, das es gibt", sagt er im Spiegel zur Zeit nach der WM. Er spielte beim FC Chelsea nicht mehr und weil er das Finale mitentschieden hatte, war das nun eine große Nachricht, er stand jetzt im Rampenlicht. Bereits im November titelte die Zeitung Die Welt: "Der ausrangierte Weltmeister." Schürrle sagt heute, er habe sich das zu Herzen genommen.

Ab diesem Moment bestimmen Erwartungen oder vielmehr nicht erfüllte Erwartungen seine Karriere. Er wechselte im Winter für 32 Millionen Euro zum VfL Wolfsburg, wird Pokalsieger, Leistungsträger aber nicht. Genau das verlangte man aber von ihm für das Geld, er war Wolfsburgs Rekordtransfer. Trainer Dieter Hecking, nicht als Polterer bekannt, kritisierte ihn irgendwann öffentlich. "Er hinterfragt viel, er grübelt vielleicht zu viel", sagte Hecking. Heute sagt Schürrle, er habe damals schon daran gedacht, hinzuschmeißen.

Wieder wechselte Schürrle, diesmal nach Dortmund zu seinem Entdecker Thomas Tuchel. Aber er kostete wieder 30 Millionen Euro - und wie in Wolfsburg sagten sie in Dortmund: Für das Geld muss mehr kommen. Diesmal kritisierte ihn BVB-Boss Hans-Joachim Watzke öffentlich. Dem Magazin 11Freunde sagte Schürrle damals, er habe das Gefühl "zur Zielscheibe zu werden". Bis vor ein paar Tagen war André Schürrle der deutsche Fußballer, der über seine Karriere die höchste Transfersumme angesammelt hatte. Nun hat ihn Leroy Sané überholt.

Dortmund verlieh ihn, in der Hoffnung, dass er anderswo vielleicht wieder seine alte Form finden würde. Erst ginge er nach Fulham, wo er ordentlich spielte, aber trotzdem abstieg. Dann nach Moskau. Dort machte er sein letztes Spiel am 8. Dezember gegen Rostow. Dabei wurde er eingewechselt.

© Sz.de/jki

Meisterschaft in Spanien
:Ein Titel, der Real Madrid in den Schoß fiel

Toni Kroos feiert mit fettigem Essen, Zidane ist der große Macher: Reals alte Recken finden im richtigen Moment der Saison ihre Bestform und gewinnen wieder mal den Titel - und sie sind noch nicht fertig.

Von Jonas Beckenkamp

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite