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Schürrle und Götze:Was ist da so schrecklich schiefgelaufen?

Ex-Weltmeister Schürrle beendet Karriere mit 29

So ausgelassen wie damals, 2014 in Rio, jubelten André Schürrle (links) und Mario Götze anschließend nicht mehr zusammen.

(Foto: dpa)

In einem schmucklosen Szenario trennt sich der BVB von André Schürrle und Mario Götze - jenem Duo, das Deutschland den WM-Titel 2014 bescherte. Tragisch ist das nicht, aber ein bisschen traurig.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Als ob das gähnend leere Stadion alleine nicht schon genügend Gespenster heraufbeschworen hätte. Nein, es stellten sich auch noch mehrere Herren auf dem Rasen in einer Reihe auf, alle mit Corona-Masken vorschriftsmäßig vermummt, die meisten etwas älter, bis auf den einen jungen Mann. Der bewegte etwas unbeholfen einen Strauß Blumen, was die Szene endgültig ins Absurde abdriften ließ. Im Hintergrund wärmten sich Fußballer in schwarzgelben Trikots auf, fürs letzte Saisonspiel ohne Zuschauer. Das Klatschen von ein paar Ordnern hallte über Sitzschalen und Beton. Das Farewell von Borussia Dortmund für Mario Götze war zum Heulen. Ein Schlag in die Magengrube eines jeden Fußball-Romantikers.

Der Abschied von André Schürrle, der an dem größten Coup von Mario Götze im WM-Endspiel 2014 als Flankengeber intensiv beteiligt war, fiel noch banaler aus. Bei Schürrles Vertragsende in Dortmund wurde nicht einmal mehr der gute, alte Blumenstrauß überreicht; mit seinem Berater wurde einfach eine offenbar 2,5 Millionen Euro hohe Abfindung verabredet. Bloß raus aus den Büchern mit diesem Schürrle, mit dem anderen WM-Helden von einst, so wirkte das. Zuletzt war Schürrle an Spartak Moskau ausgeliehen, einen eher mittelmäßigen Klub in Russlands erster Liga. Auch das ohne größeren Erfolg.

Zum Saisonende hat sich der BVB also, Ironie des Schicksals, von jenen zwei Spielern getrennt, die ihren Platz in der deutschen Fußball-Historie schon vor sechs Jahren erobert hatten. Für immer. Dass Götze Deutschlands "Jahrhunderttalent" sei, hat man seither aber immer seltener gehört. Und zuletzt gar nicht mehr.

Götze und Schürrle produzierten ein Tor, das alles überlagerte

Man weiß nicht genau, was so ein Weltmeistertor und die hunderttausend Huldigungen, die wie eine endlose Lawine über einen Profi hinwegdonnern, aus so einem jungen Mann machen. Schürrle jedenfalls hat seine Karriere nun beendet, mit erst 29 Jahren und nachdenklichen, durchaus auch düsteren Worten. (Er sei zuletzt oft einsam gewesen, sagt er dem Spiegel, gerade als "die Tiefen immer tiefer wurden und die Höhepunkte immer weniger.") Mit Götze, der erst 28 ist, hat Borussia Dortmund nicht einmal mehr den Vertrag verlängert. Niemand glaubte mehr, es könne an diesem Standort für ihn noch einmal besser werden. Götze, der deutsche WM-Held, in einer Reihe mit den Endspiel-Torschützen Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme. Und dann so ein Abschied? Was ist da so schief gelaufen?

Vor zwei, drei Jahren wurde über Götze noch eine vierteilige Porträtserie mit dem Titel "Being Mario Götze" produziert. Es war vielleicht ein letzter Beweis für die gnadenlose Überhöhung des WM-Torschützen, der sich spätestens seit seinem vorübergehenden Wechsel von der Borussia zum FC Bayern (2013 bis 2016) in ein Schwerefeld begeben hatte, dem er kaum gewachsen sein konnte. Als Götze 2011, noch beim BVB und seinem Förderer Jürgen Klopp, sein erstes Tor für die Nationalelf schoss, ausgerechnet bei einem 3:2 gegen Brasilien, schwärmte die Fußball-Welt von seinen Bewegungsabläufen und seiner Geschmeidigkeit. Götze sei der wahre Brasilianer auf dem Feld gewesen, hieß es.

GÖTZE Mario Team Deutschland schiesst das 1 : 0 für Deutschland rechts Torwart ROMERO Sergio FIFA Fussball Weltmeisters

Vorbereitung Schürrle, Tor Götze: Der WM-Siegtreffer 2014.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Drei Jahre später, als Götze die Deutschen mit seinem Treffer in Rio ausflippen ließ, sah alles schon nicht mehr so rosig aus. Bundestrainer Joachim Löw hatte Götze auch im Finale erst als Joker ins verlängerte Spiel gebracht, auch André Schürrle, der zweite Held, war eingewechselt worden. Davor, etwa beim legendären 7:1-Halbfinalsieg gegen Brasilien, hatte Götze keine Minute gespielt, wie so oft in diesem WM-Turnier. Das Tor überlagerte alles. Der Ruhm dieses Treffers verselbstständigte sich, das Tor täuschte über das Stocken in Götzes junger Karriere hinweg, katapultierte die Erwartungen ins Utopische.

Zu Hause, im richtigen Leben, driftete Götze gleich nach der WM langsam, aber sicher aus den Aufstellungen von Bayern-Trainer Pep Guardiola heraus. Götze war nicht mehr das Jahrhunderttalent, er musste um Einsätze kämpfen und bangen. Seine Popularität blieb, sein Stellenwert sank. Seine Rückkehr 2016 nach Dortmund, für rund 25 Millionen Euro Ablöse, wurde zwar von manchen immer noch verärgerten Fans boykottiert, aber von anderen als Notausgang für Götze betrachtet.

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