Olympia:Mit Autokraten geht das IOC schonend um

Olympia: Noch bis 2020 war er auch Chef des NOK seines Landes und beim IOC willkommen: der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko.

Noch bis 2020 war er auch Chef des NOK seines Landes und beim IOC willkommen: der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko.

(Foto: AP)

Was immer das Internationale Olympische Komitee in der Causa Timanowskaja noch entscheidet: Es wird nicht so schlimm werden. Der belarussische Diktator Lukaschenko gehört schließlich zur Familie.

Von Thomas Kistner

Groß ist die Erleichterung im Internationalen Olympischen Komitee (IOC): Die Causa Kristina Timanowskaja bleibt wohl nur ein flüchtiger sportdiplomatischer Zwischenfall. Zwar nicht aus Sicht der Läuferin, die sich ihrer Verschleppung aus Tokio in die Heimat Belarus nur dank der japanischen Polizei entziehen konnte und nun ein neues Leben in Polen aufbauen muss. Wohl aber für den Ringe-Clan, der sich gar nicht erst positionieren musste in der Menschenrechtsfrage um eine Athletin, die lediglich ihre Meinung geäußert hatte. Vielmehr kann das IOC nun den Eindruck erwecken, als strebe es brutalstmögliche Sanktionen an gegen den Despoten in Minsk: Zwei Leichtathletik-Trainern der belarussischen Olympia-Mannschaft wurde die Zulassung entzogen. Sportler hatten eine Sperre des gesamten belarussischen NOK verlangt.

Was immer das IOC unter dem Deutschen Thomas Bach in der Sache noch entscheidet: Es wird schon nicht so schlimm werden. Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko war 23 Jahre lang gleichzeitig Chef des Olympiakomitees seines Landes - und damit selbst Mitglied der ehrenwerten Sportfamilie des IOC. Mit politisch bedeutsamen Autokraten geht das IOC traditionell schonend um, wenn nicht servil. Denn klare Kommandostrukturen sind den Olympia-Funktionären vertraut.

Bachs Vorvorgänger Samaranch hatte dem Faschisten Franco treu gedient

Unter dem Wirtschaftsanwalt Bach, dem politischen Erben seines Förderers Juan Antonio Samaranch, hat sich das IOC seit 2013 den alten Feudalstrukturen wieder stark angenähert, die schon Samaranch als IOC-Präsident von 1980 bis 2001 gepflegt hatte. Ein Netzwerk aus Hoch-, Land- und Geldadel plus einiger anpassungsfähiger Ex-Sportler. Zwischen Samaranch und Bach lag ein Intermezzo des Belgiers Jacques Rogge. Der Arzt war an die IOC-Spitze gelangt, weil der Ringe-Konzern 2001 wegen der Korruptionsaffäre um die Vergabe der Winterspiele nach Salt Lake City vor dem Kollaps stand. Samaranch musste sich wegen des Skandals sogar vorm US-Senat in Washington rechtfertigen - Amerikas Sender und Sponsoren sind die größten Geldgeber des IOC.

Autokratische Strukturen haben das IOC von Beginn an geprägt. Gründervater Pierre de Coubertin wollte Ende des 19. Jahrhunderts die Kolonien der Welt, all die "primitiven Kulturen", wie er es nannte, mithilfe von Sport und Spielen zivilisatorisch missionieren. Carl Diem, Urvater deutscher Olympiafunktionäre, sah im Krieg den "vornehmsten und ursprünglichsten Sport". So lag es nahe, dass die Nationalsozialisten die propagandistische Blendkraft der Spiele 1936 in Berlin nutzten. Nationalismus und Personenkult hinter der Fassade von Fairplay und Erziehung. Das konnte man immer wieder beobachten bei den Spielen.

Samaranch, der die olympische Idee kommerziell revolutionierte, ging bei Despoten ein und aus. Selbst Francis Njangweso aus Uganda, der dem Menschenschlächter Idi Amin gedient hatte, schaffte es ins IOC. Der Katalane Samaranch selbst war Spaniens Diktator Francisco Franco über Jahrzehnte bis zu dessen Tod treu ergeben - als Statthalter in Barcelona.

Und Bach? Er ist durchaus vertraut mit Autokraten, etwa dem Kreml-Regenten Wladimir Putin, wie bei den Winterspielen 2014 in Sotschi zu beobachten war; nur Wochen später marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Interessant dürfte in sechs Monaten die IOC-Session vor den Winterspielen in Peking werden. Beobachter halten es für möglich, dass auf der Vollversammlung einige Mitglieder beantragen werden, die geltende Amtszeitbeschränkung auszusetzen - was dem Leader Bach die Regentschaft über 2025 hinaus ermöglichen würde. Und dass dem Antrag dann mit einer Stehovation stattgegeben wird, anstelle einer demokratischen Aussprache.

Vladimir Putin, Thomas Bach

Kaffeeplausch mit dem Autokraten: IOC-Präsident Thomas Bach im entspannten Gespräch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin am Rande der Winterspiele in Sotschi 2014.

(Foto: David Goldman/AP)

In Bachs IOC verpuffen offene Briefe wie der im Vorjahr, den 165 Menschenrechtsgruppen verfassten: Die Winterspiele 2022 in Peking würden ein absurdes Zeichen angesichts der "verheerenden Menschenrechtsbilanz" in China setzen. Für die Olympiafunktionäre war das kein Thema. Schon die Sommerspiele 2008 in Peking waren es nicht, die nicht, wie von den Machern behauptet, zur Öffnung des Landes führten, sondern denen eine politische Wende zu mehr Aggression und Nationalismus folgte.

Kritik prallt für gewöhnlich ab am IOC

Doch Kritik prallt ab am IOC. Tausende hart trainierende Athleten sahen sich brüskiert durch den nachsichtigen Umgang des IOC mit Russlands Staatsdoping. Auf der Ehrentafel Olympischer Ordensträger stehen viele, denen Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen werden. Und im IOC-Mitgliedsregister seit 2013 findet sich eine Reihe Namen, die auch in Akten und auf Fahndungslisten internationaler Strafbehörden geführt werden: Viele Untersuchungen laufen und liefen gegen Funktionäre, die zuvor die IOC-Spitze prägten - Europäer, Asiaten, Afrikaner, Südamerikaner.

Bis Ende 2020 zählte auch Alexander Lukaschenko zu dieser ehrenwerten Sportfamilie. Dann erst suspendierte ihn das IOC auf internationalen Druck; aber nicht wegen seiner brutalen Unterdrückungspolitik, oder weil ihn die EU nicht mehr als Staatschef anerkennt. Sondern weil das belarussische Olympiakomitee seine Athleten nicht genug vor politischer Diskriminierung schütze, lautete das Verdikt. IOC-Mitglied René Fasel, Schweizer Chef des Eishockey-Weltverbandes (IIHF), fuhr trotzdem noch im Januar nach Minsk und umarmte Lukaschenko. Tage später verlegte die IIHF die Eishockey-WM aus Belarus nach Lettland; wieder auf politischen Druck. Es gab den Verdacht, dass Dmitrij Baskow, Eishockeychef von Belarus, etwas mit dem Tod des Demonstranten Roman Bondarenko in Minsk zu tun hatte - das legten Bilder von Überwachungskameras und Handyvideos in sozialen Medien nahe.

Baskow, der Coach von Lukaschenkos Sohn, war ein Protegé des Diktators. Des Mannes, der als Mitglied der olympischen Familie viele Reiseverbote ignorieren konnte, die ihm EU-Sanktionen auferlegt hatten. Denn als NOK-Boss seines Landes jettete er weiterhin auf dem Sportticket durch Europa und wurde weiterhin hofiert von all den Funktionärsfreunden, die sein Gewaltregime bis heute nicht offen kritisieren.

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