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Thomas Müller gegen Frankreich:Qualen des Spätberufenen

Fußball EM - Frankreich - Deutschland

Immer auffällig, leider ungefährlich: Thomas Müller im Spiel gegen Frankreich

(Foto: Matthias Schrader/dpa)

Bei seiner Rückkehr auf die DFB-Bühne ist Thomas Müller quirlig und agil wie beim FC Bayern. Allerdings gelingt auch ihm nicht der letzte Pass hinter die französische Abwehr. Hatte das Mittelfeld zu wenig Zeit, um sich einzuspielen?

Von Philipp Schneider

Thomas Müller riss die Augen weit auf, er brüllte, er warf die Arme in einer Geste des Protests in die Höhe. Deutschland lag 0:1 hinten. Das war's aber nicht, weswegen Müller ganz aus dem Häuschen war, das in seinem Fall bekanntlich ein ausladender Reiterhof im Münchner Süden ist, wo er gemeinsam mit Ehefrau Lisa eine Zuchtstation für Dressurpferde unterhält. Müller vermutete Ungeheuerliches. Dieser Hugo Lloris, Frankreichs Nationaltorhüter, er spielte auf Zeit. Nach 27 Minuten!

Wüsste man nicht, dass niemand nach 27 Minuten auf Zeit spielt, erst Recht nicht der Weltmeister, man wäre geneigt gewesen zu sagen: Da hatte Müller Recht. Wenn Lloris keine anderen, nicht sichtbaren Querelen plagten, dann verzögerte er das Spiel. Und mit dieser feurigen Aufführung auf dem Rasen hatte Müller nun dem Münchner Publikum die Sinne geschärft wie sonst nur seinen Mitspielern - die Fans in der Arena pfiffen, wenn immer Lloris sich verdächtig verhielt.

Nur ist es ja leider so: Es gewinnt nicht die Mannschaft mit den feurigsten Spielern. Sondern die mit den meisten Toren.

An Müllers Einsatzwillen lag es nicht, dass Deutschland am Dienstag sein Auftaktspiel verlor. Das ist nicht unwichtig zu betonen, hatte er doch mit Mats Hummels, der tragischen Figur dieser Partie, die ein Eigentor beisteuerte, eines gemein: Beide waren nach der WM 2018, bei der sich Fußballer im besten Alter zweitweise bewegten wie alte Männer, ausgemustert worden von Bundestrainer Joachim Löw. Weil der auf Jüngere setzen wollte, die noch nicht bereit waren.

Müller schrie, Müller dirigierte, Müller forderte den Ball, Müller reklamierte Einwurf, reklamierte Zeitspiel, Müller rannte und riss so Lücken, einmal streckte Müller die Arme aus wie ein Albatros (warum auch immer), Müller applaudierte, nachdem Gündogan knapp neben das Tor geschossen hatte. Nur eines funktionierte nicht gut: Müller spielte mit seinen Kollegen im Herzen des Spiels keine Passstafetten, die dorthin führten, wo sie den Franzosen wehgetan hätten: in den Rücken der Abwehr. Im Mittelfeld klaffte in der ersten Halbzeit eine Lücke, die erst kleiner wurde, als die Franzosen in der zweiten Hälfte den Deutschen das Spiel überließen.

Deshalb lässt sich an Müller vielleicht schon die Frage aufziehen, ob es sinnvoll war, ihn zweieinhalb Jahre nicht mitspielen zu lassen. Ihn, den bestimmenden Spieler der Bundesliga in der Zeit der Pandemie? Die Frage führt womöglich zu der Debatte, ob sich in einer idealen Turniervorbereitungswelt nicht Müller mit seinen Offensivkollegen besser hätte einspielen können. Serge Gnabry und auch Leroy Sané kennt er ganz gut vom FC Bayern, Toni Kroos aus den großen Zeiten der Nationalmannschaft - aber Kai Havertz und Timo Werner vom FC Chelsea eben nicht.

© SZ/bek
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