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Deutscher EM-Auftakt:Ein Schienbein zu viel

Die deutsche Nationalmannschaft schafft es, den vielleicht besten Angriff der Welt einzubremsen - verliert aber dennoch durch ein Eigentor von Mats Hummels 0:1 gegen Frankreich. Nun steht das Team gegen Portugal und Cristiano Ronaldo unter Druck.

Von Claudio Catuogno

Als die deutsche Mannschaft Anfang der Woche in München eingetroffen war, am Spielort ihres EM-Auftaktspiels gegen Frankreich, nahm der Nationalspieler Mats Hummels sein Mobiltelefon in die Hand und schrieb bei Instagram: "Gott hab ich Bock auf dieses Spiel." Sein letztes Pflichtspiel für die Nationalelf hatte Hummels im Herbst 2018 absolviert, erst kurz vor dem Turnier hatte Bundestrainer Joachim Löw ihn wieder zurückgeholt, wie auch den Stürmer Thomas Müller. Und nun also, in der 20. Spielminute, passierte dies: Ein weiter Pass hinter die deutsche Abwehr, eine scharfe Flanke von links; vor dem Torwart Manuel Neuer lauerte schon Kylian Mbappé, Frankreichs Superstürmer. Und dann sprang der Ball von Hummels' Schienbein ins eigene Tor.

Es war das erste deutsche Eigentor überhaupt bei einer Europameisterschaft. Erst "Gott hab ich Bock" - und dann so ein Bock, könnte man jetzt sagen, aber das wäre ungerecht. Manchmal hat man halt einfach Pech. Die Folge des Unglücks ist aber gravierend: Die Deutschen starten mit einer Niederlage in die EM. Kein Tor von Antoine Griezmann, keines von Kylian Mbappé und keines von Karim Benzema: Das muss man erst mal hinkriegen, den vielleicht besten Angriff der Welt zu neutralisieren. Aber halt ein Tor von Hummels. Am Samstag, im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal und Cristiano Ronaldo, geht es für die Deutschen jetzt schon um Ausscheiden oder Weiterkommen.

Die spannende Frage hatte ja gelautet, ob das nun gut oder schlecht sein würde: dass die Deutschen, um Europameister zu werden, das Turnier diesmal falsch herum spielen müssen - gegen den stärksten Gegner zuerst. Würde also dieses Auftaktspiel gegen Frankreich den Bundestrainer von Beginn an mit jener Körperspannung ausstatten, die ihm beim Vorrunden-Aus vor drei Jahren bei der WM in Russland gefehlt hatte? Würde Frankreich ihm die Notwendigkeit vor Augen führen, diesmal neben einem Plan A auch noch einen Plan B in seinem Necessaire mitzuführen? Dann wäre so ein Auftakt gegen den Weltmeister vielleicht für etwas gut. Oder würden die Köpfe danach schon so tief hängen, dass man sich Sorgen machen muss?

Rüdiger scheint an Pogba zu knabbern

Nun: An Löws Körperspannung lag es jedenfalls nicht. Dass der DFB-Direktor Oliver Bierhoff vor dem Anpfiff am ZDF-Mikrofon behauptete, Löw sei "eigentlich wie immer", musste man als Täuschungsmanöver verstehen. Tatsächlich hatte man Löw in seinen 15 Jahren als Bundestrainer zuvor noch nie solche Sachen sagen hören wie in der vergangenen Woche: Seine Mannschaft müsse "alles raushauen", "leidensfähig" sein, ja: "durch die Hölle gehen"! War das der gleiche Löw, der seine Mannschaften bisher allenfalls in Halbpositionen oder Schnittstellen geschickt hatte?

Als das Spiel um 21 Uhr losging, vor 14 500 leibhaftigen Zuschauern in der Münchner Arena, da ahnte man zunächst: Das mit der Hölle hatten Löws Männer sich zu Herzen genommen. Im Mittelfeld nahm der oft als Schönspieler verschriene Toni Kroos den Franzosen mit erstaunlicher Körperlichkeit die Bälle ab, vorne setzte Hummels den ersten Kopfball in Richtung französisches Tor (4.); Hummels, der Innenverteidiger. Und einmal, da war allerdings schon eine Weile gespielt, schlich sich der Abwehrmann Antonio Rüdiger von hinten an Paul Pogba heran, um ihm, so sah es jedenfalls aus, in den Rücken zu knabbern. Vielleicht eine Art Unterwelt-Barbecue?

Doch schon nach einer Viertelstunde legten die Franzosen ihre Vorsicht ab, und nun häuften sich die Angriffe auf das Tor von Neuer: Pogba, Kopfball über die Latte (16); Mbappé, Schuss an die Fäuste von Neuer (17.). Und dann eben dieser folgenschwere Angriff, mit dem die Franzosen zunächst fast die gesamte deutsche Defensive auf der rechten Seite herauslockten - was links viel Platz schuf für eine scharfe Flanke von Lucas Hernández. Die Hummels ins eigene Tor wuchtete.

Als eine Stunde vor der Partie die Aufstellungen enthüllt worden waren, hatte Löw nur einen kurzen Blick darauf werfen müssen, um Bescheid zu wissen: Adrien Rabiot oder Corentin Tolisso, das war die einzige offene Frage gewesen - Didier Deschamps, der Trainer der Bleus, gab dem EM-Debütanten von Juventus Turin den Vorzug vor dem Mittelfeldmann des FC Bayern. Ansonsten: Alles wie erwartet. Die Viererkette mit den Münchner Außenverteidigern Benjamin Parard rechts und Hernández links, dazwischen Raphaël Varane und Presnel Kimpembe; das hochwertige Mittelfeld mit N'Golo Kanté, Paul Pogba und Rabiot, und davor der berüchtigtste Sturm-Dreizack des Weltfußballs: Griezmann, Mbappé und der nach fast sechs Jahren Verbannung zurückgeholte Benzema.

Die Deutschen wiederum liefen in jener Formation auf den Platz wie beim 7:1 im Test gegen Lettland. Diese Startelf allerdings war zuvor das Ergebnis langen Grübelns und Puzzelns gewesen - schon das ein Beleg dafür, dass die Deutschen diesmal die Außenseiter waren. Da stand nun also vor dem Torwart Neuer eine Dreierkette, bestehend aus Matthias Ginter, Hummels und Rüdiger - und davor bildeten Kroos und Ilkay Gündogan die Zentrale. Wodurch auch die spannendste aller Fragen beantwortet war: Wohin mit Joshua Kimmich?

Kimmichs Energie verpufft

Auf die rechte Außenbahn, lautete Löws Antwort. Was durchaus nachvollziehbar war: Wenn es doch erwartungsgemäß kein Durchkommen gibt durch ein Mittelfeld, in dessen Zentrum Kanté, Pogba und Rabiot nur darauf warten, den Deutschen den Ball wegzunehmen - dann muss man eben um sie herum spielen! "Die Mitte wird dicht sein", ahnte Löw - auch deshalb habe er Kimmich auf die Außenbahn beordert. Wobei ein Kimmich auf dem Flügel einen systemimmanenten Nachteil hat: keinen Kimmich in der Zentrale.

Und erstaunlich war dann, dass viel von Kimmichs berüchtigter Energie auf der rechten Seite verpuffte. Das Zusammenspiel mit Thomas Müller, dem zweiten Rückkehrer, führte nur selten zum Ziel. Über die linke Seite von Robin Gosens gelang mehr, exemplarisch für die Bemühungen des Nimmermüden Linksaußen von Atalanta Bergamo stand eine Flanke auf den Kopf von Müller (22.), der den Ball aber über die Latte köpfelte. Und in der zweiten Halbzeit lieferte Gosens auch die Vorlage für die beste Chance der Deutschen: eine Direktabnahme von Serge Gnabry (54.), die das Ziel knapp verfehlte.

Und so wurde immer deutlicher: Die Deutschen haben zwar hinten das Schlimmste verhindert (abgesehen von zwei Weltklasse-Treffern durch Mbappé und Benzema, die aber jeweils knapp im Abseits standen). Doch das Offensivspiel blieb insgesamt zu statisch, zu erwartbar, zu ideenlos. Kaum Läufe in die Tiefe, kaum zwingende Kombinationen, zu vieles war dem Zufall überlassen. Und der Champions-League-Finaltorschütze Kai Havertz wirkte bisweilen so nervös und abgekoppelt, dass man sich fragte, warum Löw - Stichwort: Plan B! - wieder mal bis fast zur 75. Minute wartete, ehe er sukzessive für Ersatz sorgte (Sané, Werner, Volland, Can).

"Was uns gefehlt hat, war die Durchschlagskraft im letzten Drittel", analysierte hinterher dann auch der Bundestrainer - und klang nun schon wieder wie Jogi, der Herrscher der Unterwelt: "Es war ein brutal intensives Spiel", sagte er, "wir haben alles in die Waagschale geworfen, haben gefightet bis zum Schluss, haben alles reingehauen."

Und trotzdem: 0:1 gegen Frankreich. Und für die Deutschen die Erkenntnis, frei nach Jean-Paul Sartre: Die Hölle, das sind die anderen.

© SZ
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