Thiagos Ausfall beim FC Bayern:Schmerzhafter als jeder Punktverlust

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29 03 2014 Fussball 1 Bundesliga 2013 2014 28 Spieltag FC Bayern München TSG 1899 Hoffenheim i

Thiago (re.): Bitterer Nachmittag gegen Hoffenheim

(Foto: imago sportfotodienst)

Schwerer als der mäßige Auftritt gegen die TSG Hoffenheim wiegt beim FC Bayern die Verletzung von Dosenöffner Thiago. "Ohne ihn sind wir ein schwächeres Team", sagt Trainer Guardiola - zum wichtigsten Zeitpunkt der Saison fällt sein Wunschspieler wochenlang aus.

Aus dem Stadion von Johannes Knuth

Thiago Alcantara wusste sofort Bescheid. Bayerns Mittelfeldlenker war nach rund 20 Minuten mit Hoffenheims Kevin Volland zusammengerasselt, Thiago war zu Boden gesunken, er fasste sich ans Knie. Profisportler können Spielsituationen sehr schnell einordnen, ob ein Pass gut war, ob ein Schmerz eine schwere Verletzung nahelegt oder nicht. Thiago fasste sich also ans Knie, er verließ den Platz ohne fremde Hilfe, aber er humpelte.

Dann vergrub er sein Gesicht in beiden Händen.

Es war ein schlechter Samstagnachmittag für den FC Bayern, beim 3:3 (3:2) gegen 1899 Hoffenheim. Pep Guardiolas Mannschaft hatte es tatsächlich gewagt, nach dem vorzeitigen Titelgewinn unter der Woche zwei Punkte zu verschenken - entgegen sämtlichen Weisungen ihres Trainers ("Müssen uns jeden Tag verbessern!"). Hoffenheim nötigte den Bayern nach 19 Bundesliga-Siegen in Serie mal wieder ein Unentschieden ab.

Hinzu kamen ein paar Premieren: erster Punktverlust der Saison zu Hause, zum ersten Mal in der Spielzeit drei Gegentore in einem Ligaspiel. Die größten Schmerzen bereitete den Bayern allerdings der Spieler, der nach 20 Minuten vom Platz gehumpelt war. Thiago hat sich das Innenband im rechten Knie angerissen, er wird einen Gips tragen und bis zu acht Wochen ausfallen, vielleicht länger. Womöglich für den Rest der Saison.

Thiago entblößt die Defensive

Entsprechend bedrückt äußerten sich seine Kollegen nach der Partie: "Thiagos Ausfall ist heute der größte Verlust für uns, nicht das Unentschieden", sagte Arjen Robben. "Das ist natürlich ein katastrophaler Zeitpunkt, so kurz vor den wichtigen Spielen", assistierte Thomas Müller. Guardiola sprach von einer "schlimmen Nachricht", und Philipp Lahm sagte: "Das ist bitter. Er hat dieses gewisse Etwas."

Dieses gewisse Etwas hatte Thiago gegen Hoffenheim nach zehn Minuten vorgeführt. Aushilfs-Kapitän Bastian Schweinsteiger war mit dem Ball auf den linken Flügel ausgewichen. Er erspähte Thiago, der sich zentral vor dem Hoffenheimer Strafraum positionierte. Während der Ball auf Thiago zurollte, blickte der kurz nach rechts, er nahm den Ball an, blickte wieder nach rechts, dann lupfte er den Ball - allerdings nach links, wo Schweinsteiger den Ball unbehelligt annahm und über das Tor feuerte.

Zwei Blicke, zwei Bewegungen, so entblößt Thiago Defensiv-Verbünde. Er fordert Bälle, fahndet nach Räumen, und wenn er eine Leerstelle in der gegnerischen Abwehr erspäht, leitet er den Ball oft mit nur einer Berührung weiter. Im besten Fall führt das zu Toren, im schlechtesten Fall behält seine Mannschaft den Ball. Nun fehlt dem FC Bayern bis zum Saisonfinale der Dosenöffner, der beste Koordinator für das Ressort Ballbesitz.

Blättert man durch den Terminkalender für diesen Zeitraum, sind dort vermerkt: das Champions-League-Viertelfinale, das Halbfinale, das Finale, zudem das Endspiel im DFB-Pokal. "Ohne Thiago sind wir weniger, weniger", Guardiola überlegte kurz, dann sagte er: "Wir sind ein schwächeres Team." Keine optimalen Bedingungen, wenn man das sogenannte Triple verteidigen möchte.

Manchester im Kopf

Gegen Hoffenheim vollbrachten es die Bayern ohne Thiago schon mal nicht, nach einer 3:1-Führung die Spielkontrolle zu wahren. Oder war es der Meisterkater? Spukte Manchester United in den Köpfen, der kommende Gegner? "Bei mir nicht", sagte Torwart Tom Starke, der Manuel Neuer vertreten hatte. Lahm gestand: "Wir hatten nach dem Spiel in Berlin zwei Tage frei, am Freitag haben wir uns im Grunde schon auf das Spiel in Manchester vorbereitet." Guardiola hielt ein Impulsreferat über das Thema Ballbesitz: "Wenn wir den Ball nicht haben, sind 17 Mannschaften in der Bundesliga besser als wir." Und Starke bestätigte eine schockierende Erkenntnis, die sich Beobachtern schon während des Spiels aufgedrängt hatte: "Man hat gesehen, dass wir auch nur Menschen sind."

So hatte sich ein munteres Fußballspiel unter ganz normalen Menschen entsponnen. Anthony Modeste, Kevin Volland und Roberto Firmino umzingelten beständig Dante, van Buyten und Starke. Die zweite Welle der Hoffenheimer nahm die nicht immer souveränen Anspiele aus der Bayern-Defensive in Empfang, Sekunden später rollte der Konter Richtung Tom Starke. So erschuf die TSG Modestes Führungstor, so erzwang sie Firminos Ausgleich. Dass die Bayern zwischendurch 3:1 führten, dank zweier fabelhafter Tore und einem fabelhaften Assist von Sturm-Dino Claudio Pizarro - na und?

Hoffenheim rannte und presste weiter, Bayern konterte, Hoffenheims Torwart Grahl verhinderte das Schlimmste, dann rannte Hoffenheim wieder an. Waren andere in München wie eine schüchterne Schulklasse aufgetreten, stiefelte Hoffenheim wie ein Cowboy beim Wildwest-Duell durch die Arena. Das Spiel hätte auch 5:4 ausgehen können. Für Hoffenheim.

"Über allem stand bei uns Mut", sagte Sportdirektor Alexander Rosen nach dem Spiel stolz, "wir haben über weite Strecken des Spiels den Gegner im Fünfmeterraum angelaufen. Ich glaube, das ist hier auch noch nicht so oft passiert." Bei den Unentschieden in dieser Saison gegen Leverkusen und Freiburg, "da hatten die Bayern ein Chancenverhältnis von 48:1", scherzte Rosen. Dann fügte er feierlich an: "Unser Punkt war verdient, da werden sie mir Recht geben."

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