Alexander Zverev:Matchball um 4.54 Uhr - Weltrekord

Lesezeit: 3 min

Alexander Zverev: Ist froh, dieses Erstrundenmatch überlebt zu haben: Alexander Zverev bewies Kampfgeist.

Ist froh, dieses Erstrundenmatch überlebt zu haben: Alexander Zverev bewies Kampfgeist.

(Foto: Eduardo Verdugo/dpa)

Alexander Zverevs Erstrundensieg in Acapulco steht nun in den Geschichtsbüchern des Tennis: Noch nie ging eine Partie später zu Ende. Über eine lange Nacht der Überraschungen.

Von Gerald Kleffmann

Irgendwann sah auch Sophia Thomalla müde aus. Nach allem, was man von Alexander Zverevs Lebenspartnerin weiß, scheint sie ja durchaus jemand zu sein, der die Nacht zum Tag machen kann. Aber jetzt? Tennisschauen zu dieser Stunde? Mitfiebern? Anfeuern? Thomalla - der Fernsehsender Tennis TV schwenkte die Kamera auf sie - schlug sich geschafft die Hände übers Gesicht. Auch ihre Sitznachbarn auf der Tribüne sahen gezeichnet aus, Hugo Gravil etwa, der loyale Physiotherapeut. Gerade hatte Zverev, 24, zwei Matchbälle abgewehrt und seinen fünften Satzball verwandelt. Das hieß: noch ein letzter, dritter Satz. Die Uhr zeigte: 4 Uhr. Morgens. Nicht nachmittags. Was war hier los?

Es war in jedem Fall eine denkwürdige Erstrundenpartie, die an diesem Dienstag zu Ende gegangen war. Um 4.54 Uhr, zu einer Zeit, in der sich ein Mensch gemeinhin in der Tiefschlafphase befindet, hatte Zverev seinen ersten Matchball. Ein Grundlinienschlag des Amerikaners Jenson Brooksby, 21, landete knapp im Aus. 3:6, 7:6 (10), 6:2. Zverev zeigte mit dem Finger auf den Boden. Sein Territorium, sollte diese Geste heißen. Er ist der Titelverteidiger in Acapulco. Vor einem Jahr hatte er im Finale den Griechen Stefanos Tsitsipas besiegt.

Alexander Zverev: Aufsteiger aus Amerika: Jenson Brooksby macht sich langsam einen Namen im Tennis. In Acapulco wäre ihm fast der Sieg gegen Alexander Zverev, die Nummer drei der Welt, gelungen. Zwei Matchbälle hatte er.

Aufsteiger aus Amerika: Jenson Brooksby macht sich langsam einen Namen im Tennis. In Acapulco wäre ihm fast der Sieg gegen Alexander Zverev, die Nummer drei der Welt, gelungen. Zwei Matchbälle hatte er.

(Foto: Eduardo Verdugo/dpa)

Normalerweise wäre sein Auftaktmatch nur eine Meldung gewesen, vornehmlich in Deutschland publiziert und vielleicht auf ein paar Internetseiten. Nun sauste die Nachricht durch den Tenniskosmos: Weltrekord! Das am spätesten beendete Duell ist nicht mehr Lleyton Hewitt - Marcos Baghdatis! Der Australier und der Zypriote hatten ihre legendäre Begegnung 2008 bei den Australian Open um 4.34 Uhr abgeschlossen.

Nachts um halb zwei wurde auch noch eine feierliche Zeremonie abgehalten

"Ich weiß nicht, wie Jenson sich fühlt", sagte Zverev anschließend auf dem Platz bei einem kurzen Fernsehinterview: "Aber ich bin glücklich, Teil der Geschichte zu sein. Es war ein unglaublicher Kampf. Es war ein unglaubliches Match." Allerdings. In Dubai, wo auch gerade ein ATP-Turnier stattfindet (Novak Djokovic gewann sein erstes Match seit dem Australian-Open-Theater mit 6:3, 6:3 gegen den Italiener Lorenzo Musetti), war bereits ein Doppel der Dienstagsansetzungen absolviert worden, als sich Zverev und Brooksby immer noch mit ihrem Montagsspiel bis in die frühen Dienstagmorgenstunden herumschlugen.

Diese zeitliche Ausdehnung hatte ihre Gründe. Zum einen gibt es im Tennissport keine Sperrstunde, und allzu oft kommt es auch nicht vor, dass bis weit nach Mitternacht gespielt wird. Aber es kommt vor (erstaunlicherweise gibt es kaum Spielerklagen dazu). Meistens nur bei den Grand Slams in Melbourne oder in New York. Die sogenannten Night Sessions bei den Australian Open und US Open starten generell spät, und wenn sich dann zwei Profis lange ineinander verkeilen, rinnt die Zeit dahin. Zum anderen können natürlich auch unerwartete Umstände alles in die Länge ziehen. Und in Acapulco fand so gesehen tatsächlich eine Nacht der Überraschungen statt.

Eine lange Partie reiht sich an die nächste in Acapulco

Das erste Match auf dem Center Court dauerte schon mal zähe 3:13 Stunden, wobei der Spanier Fernando Verdasco den Großteil des Schlussabschnitts während seiner 5:7, 7:6 (4), 6:7 (3)-Niederlage gegen den Amerikaner John Isner mit Schimpfen verbrachte. Dieses Match war das längste je in Acapulco gespielte. Es folgte ein nächster Marathon. Der in der Qualifikation gescheiterte Amerikaner Stefan Kozlov hatte gerade mit dem Spanier Rafael Nadal trainiert und bei einem Seitenwechsel auf sein Handy geschaut - und sah 20 Nachrichten in Abwesenheit.

Der Turnierdirektor wollte ihm mitteilen, dass er als Lucky Loser noch ins Hauptfeld rückt, er müsste nur eben sofort spielen. So kam es, dass der 24-Jährige plötzlich dem Bulgaren Grigor Dimitrov gegenüberstand. Das allererste Spiel der beiden dauerte acht Minuten! In diesem Tempo beharkten sie sich weiter. Nach 3:21 Stunden hatte der zwischenzeitlich von Krämpfen geschüttelte Kozlov mit 7:6 (8), 5:7, 6:3 gesiegt - nächster Matchdauerrekord in Acapulco.

Dann waren Zverev und Brooksby an der Reihe. Aber - das müssen sich diese beiden vorwerfen - sie kamen nur bis auf eine Minute an die Marke von Kozlov und Dimitrov heran. Nach zwei vergebenen Matchbällen von Brooksby im zweiten Satz und finalen 3:20 Stunden stoppte die Uhr bei ihnen - aber eben auch um 4.54 Uhr am Morgen. Was im Übrigen auch daran lag, dass unmittelbar vor ihrem Match noch um halb zwei am Morgen eine feierliche Zeremonie auf dem Platz abgehalten worden war, der neue Stadionbau wurde eingeweiht. So cool wie die Mexikaner muss man sein.

Zverev trifft nun auf den deutschen Kollegen Peter Gojowczyk

"Acapulco ist immer etwas Besonderes für mich", betonte Zverev nachvollziehbar bei seinem Interview: "Die Energie hier ist unglaublich." Er drehte sich um und sah aus dem Augenwinkel, wie Menschen die Arena verließen. "Es ist fünf Uhr morgens, und das Stadium ist noch immer ein bisschen gefüllt." Er konnte nicht recht glauben, was passiert war. Auf die Schnelle wusste Zverev aber zu berichten, er sei froh, überlebt zu haben: "Ich hoffe, da kommt noch mehr von mir". In der nächsten Runde trifft er auf den Deutschen Peter Gojowczyk, der wie Kozlov als Lucky Loser ins Feld gerutscht war. Der Münchner besiegte den Amerikaner Brandon Nakashima 6:4, 6:4. Spielzeit: 1:30 Stunden. Ein Sprint. Zverevs zweiter Satz hatte eine Stunde und 52 Minuten gedauert.

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