Surfen:Tahiti auf Knopfdruck

Surfen: So soll die Welle aussehen, die Surftown in Hallbergmoos zu einem einzigartigen Erlebnis machen soll.

So soll die Welle aussehen, die Surftown in Hallbergmoos zu einem einzigartigen Erlebnis machen soll.

(Foto: Visualisierung: Surftown/oh)

In Hallbergmoos entsteht im Airport Business Park ein 20 000 Quadratmeter großer Surfpark, mit einem 10 000 Quadratmeter großen Pool - für Wellen bis zu zwei Metern Größe.

Von Thomas Becker

Vor acht Jahren hielt es Michi Mohr nicht mehr aus. Ende dreißig war er da und die Sehnsucht nach den Wellen so stark, dass er den Schritt wagte und nach Galicien zog, in den windumtosten Nordwesten Spaniens, bekannt wegen des Pilgerorts Santiago de Compostela. Und wegen der Wellen. Seit einer Weile ist Mohr wieder zurück - erneut wegen einer Welle. Jener perfekten Welle, die bald durch die Surftown MUC rollen wird, am Rand des Erdinger Mooses, in der 11 000-Einwohner-Gemeinde Hallbergmoos.

Seit dem Spatenstich im Sommer 2022 entsteht im Airport Business Park ein 20 000 Quadratmeter großer Surfpark mit einem 10 000 Quadratmeter großen Pool für Profis und Einsteiger, mit Wellenhöhen von 30 Zentimetern bis zu zwei Metern. Hier hat Mohr seinen Traumjob gefunden: CSO, Chief Surfing Officer.

Hätte ihm das jemand zu seinen Eisbach-Zeiten vorhergesagt, er hätte wohl nur abgewunken. Dort hat er vor Jahren Chris Boehm-Tettelbach kennengelernt. Gemeinsam haben sie geschweißte Alu-Rampen ins Wasser gehängt, damit die Welle steiler wird, sich nachts von der Brücke abgeseilt, um Querlast-Dübel ins Fundament der Brücke zu bohren. Vogelwilde Konstruktionen, aber was tut man nicht alles für ein bisschen mehr innerstädtischen Swell - also die ankommende Welle.

Im Juni kommenden Jahres wird Mohr nur auf einen Knopf drücken müssen, um eine Welle mit der gewünschten Höhe reiten zu können. Dank einer speziellen Technologie sind acht verschiedene Höhen, Längen und Intensitäten einstellbar. Für die Profis: von A-Frames bis Pointbreak, von Longboard-Wellen bis Tubes und Air Sections. Pneumatisch, als würde man mit dem Strohhalm ins Wasserglas blasen, wird Wasser aus 34 Wellenkammern in das 170 Meter lange Becken mit Edelstahl-Laminat-Beschichtung gepustet. Dazu gibt es allerlei mehr: Gastronomie, Event-Bereich inklusive 40-Quadratmeter-LED-Wand für Public Viewing, Strandbereich samt Liegeflächen und Hot Tub, Surfshop mit Verleihstation und eine Dachterrasse mit Blick auf die Alpenkette - Surfen vor Bergkulisse.

Deutschlands Vorzeige-Surfer Leon Glatzer ist aus Trainingsgründen von Costa Rica nach München gezogen

Ausgedacht haben sich das die alten Kumpel Mohr und Boehm-Tettelbach. Zweiterer ist Gründer und Vorstand der Erlebnis-Marketing-Agentur Planworx, hat zehn Jahre lang die Praterinsel betrieben, den Praterstrand ins Leben gerufen, mit multinationalen Firmen zusammengearbeitet, Konferenzen und Messen organisiert - und 2015 all dieses Wissen in ein Konzept samt Businessplan gegossen. Standort-, Kaufkraft- und Zielgruppen-Analysen in ganz Deutschland spuckten immer wieder die gleiche Region aus: den Münchner Norden.

"Eine Metropolregion mit sechs Millionen Menschen", erklärt der 59-Jährige. Das Einzugsgebiet ist gut 250 Kilometer groß und hat weitere Freizeit-Attraktionen zu bieten: die Therme Erding mit 1,8 Millionen Besuchern im Jahr sowie die BMW Welt mit sechs Millionen, zusammen der meistbesuchte Event-Ort Deutschlands, sagt Boehm-Tettelbach. Sein Ziel: "Einen wunderschönen Ort schaffen, der viele Emotionen weckt, wo man gerne hingeht, für die ganze Familie." Er selbst hat vier Kinder, Sohn Jonas gehört zu seinem zwölfköpfigen Team, wie auch die 80 Planer der Großbaustelle: "Wir wollen diesen tollen Sport weiterbringen, Kindern eine neue Sportart bieten und sind schon in Kontakt mit Schulen."

Surfen: Wo heute ein Kran steht, werden demnächst Surfer eine Erfrischung zu sich nehmen.

Wo heute ein Kran steht, werden demnächst Surfer eine Erfrischung zu sich nehmen.

(Foto: Marco Einfeldt/SZ)

Die Einstiegshürden für den erst dritten Surfpark in Europa (einer ist in der Schweiz, einer in Bristol im Südwesten von England) seien jedoch gewaltig gewesen: "Man braucht eine Gemeinde, die mitspielt, ein passendes Grundstück und einen Haufen Geld." Rund 40 Millionen Euro wird der Surfpark am Ende kosten - da war die Unterstützung des Namenssponsors O2 nötig. Allerdings sei das Ganze auch "ein riesiger Content-Hub: Alles, was da passiert, wird ja in die Welt hinausgetragen", sagt der Gründer. Sogar eine Genehmigung für Drohnenflüge habe man sich vom Flughafen organisiert, damit jeder Wellenritt auch aus der Luft zu bewundern ist.

Die Gemeinde habe "die Chance erkannt, aus ihrem Filetgrundstück im Airport Business Park etwas Tolles zu machen", sagt Boehm-Tettelbach, "das zieht neue Firmen an". Und die Anreise kann ohne Auto vonstattengehen, dank E-Bike-Verleih an der S-Bahn. Geheizt wird der riesige Pool nicht, dafür gibt es Neopren-Anzüge. Auch teure Surfreisen mit wenig Wellenausbeute seien künftig zu überdenken.

Und damit zum Sport: Dank der Welle auf Knopfdruck sind Wettbewerbe künftig planbarer und damit vermarktbarer. Aus eigener Erfahrung berichtet Michi Mohr: "Da fliegen 60 Mann in den Dschungel von Indonesien, und dann sind 14 Tage lang keine Wellen." So könnte es auch den Olympia-Teilnehmern im kommenden Sommer ergehen. Die Welle vor Teahupoo auf Tahiti gilt zwar als eine der gewaltigsten und gefährlichsten weltweit, aber ohne den doch eher seltenen Swell könnte das auch sehr unspektakulär werden.

Die exotische Landschaft Tahitis fehlt in Hallbergmoos zwar, dafür rauscht die Welle verlässlich, weshalb die Surftown auch offizielle Trainingsstätte des deutschen Wellenreitverbands wird. Leon Glatzer, in Tokio der erste deutsche Olympia-Teilnehmer im Wellenreiten, ist schon von Costa Rica nach München gezogen, um künftig in Hallbergmoos an seinen Tricks zu feilen. Im Februar will er die letzte Chance zur Olympia-Qualifikation nutzen.

In der Surftown hat der Vorverkauf begonnen: 79 Euro kostet eine Session für Fortgeschrittene, 59 eine Doppelstunde für Anfänger, Ausrüstung sowie Briefing, Theorie, Warm-up und De-Briefing inklusive. Und die Eisbach-Ausrede, dass das Ganze viel zu gefährlich sei, gilt auch nicht mehr. Die Welle will geritten werden: Das Paket mit 50 Sessions für 2899 Euro ist schon nahezu ausverkauft.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: