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Fußball:Die Zerstörung eines Kulturguts

Die Pläne zur Superliga sind mit einem "Verbrechen am Fußball" gleichzusetzen und bedrohen ein über Generationen gewachsenes Gefüge. Das Publikum diskutiert nur noch über den Grad der Verdorbenheit, den das Geschäft erreicht hat.  

Kommentar von Philipp Selldorf

Der Ausruf Rudi Völlers, die Gründung einer europäischen Superliga sei "ein Verbrechen am Fußball", erfasst in melodramatischem Ton, aber sachlich zutreffend den Kern des Geschehens: Was die Initiatoren aus England, Spanien und Italien anstreben, würde die Zerstörung eines populären europäischen Kulturguts bedeuten. Das über Generationen gewachsene System des Fußballs existiert nicht mehr, wenn sich die größten Berühmtheiten in einer eigenen Oberdeck-Klasse einrichten. Für diese Bewertung ist es zweitrangig, ob der Plan der Separatisten tatsächlich verwirklicht wird. Schon die Absichtserklärung dokumentiert die Verschwörung, sie stellt, im Sinne Völlers, die Verabredung zu einer Straftat dar. Der Schaden ist ja bereits angerichtet: Das Publikum diskutiert nicht mehr über Geschmacksfragen des Fußballgeschäfts, sondern über den Grad der Verdorbenheit, den dieser Sport erreicht hat.

Ein elitärer Zirkel sagt sich los vom Gemeinschaftsgedanken

Der elitäre Zirkel kündigt die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft auf, und es ist nun Sache der Gemeinschaft, die Lossagung zu erwidern. Auch dazu hat Völler einen Maßstab gesetzt, der radikal resolut klingt, aber wahrscheinlich auch radikal richtig ist: Jeder Klub, der in der Superliga mitspielen wolle, müsse aus den nationalen Ligen ausgeschlossen werden, forderte er, und zwar in allen Erscheinungsformen: Auch Frauen, Junioren und Bambini dürften dann nicht mehr mitspielen.

Diese unerbittliche Sanktion wäre nicht nur ein wirksamer Gegenschlag, sondern auch die passende Antwort auf die dreisten Täuschungsversuche, die im Gründungszeugnis der Superliga festgehalten sind. Darin finden sich Passagen, die den verbleibenden Rest der europäischen Fußballwelt zum Gewinner des neuen Wettbewerbs umdeuten. Außer "Solidaritätszahlungen" in angeblich nie erreichter Höhe wird eine Termingestaltung versprochen, die "den traditionellen Kalender der heimischen Ligen als Kern des Vereinsfußballs schützt". Allein diese verlogenen Passagen sind fast ein Fall für die Strafverfolgung.

Bisher ist in Deutschland allerdings noch kein Fußballmensch hervorgetreten, der das Projekt als Wohltat und wegweisende Innovation gepriesen hätte. Den zahlreichen Manifesten von Ablehnung und Empörung, die aus der Bundesliga kamen, schlossen sich auch Vertreter von Vereinen an, die potentiell in die Sonderliga abdriften könnten. Borussia Dortmund und RB Leipzig gaben Erklärungen ab, dass sie den Plan für falsch halten. Der FC Bayern, der wie kein anderer deutscher Klub für die Superliga prädestiniert wäre, bezog in Taten statt Worten Stellung: Indem er seine Repräsentanten in die Uefa und die Klubvereinigung ECA entsendete, stärkte der Verein die alten Institutionen und ergriff Partei gegen das räuberische Kartell der Großklubs. Ehrenwert.

Doch wenn die unsympathische Veranstaltung Superliga wirklich kommen sollte - werden die deutschen Spitzenklubs dann in der Heimat bleiben und sich mit einer Diät-Version der Champions League begnügen, in der die großen Namen fehlen? Es könnte der Tag kommen, an dem man die Münchner und Dortmunder an ihr Wort erinnern muss.

© SZ/sjo
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