VfB Stuttgart im Abstiegskampf:Mr. Murphy wird's langsam peinlich

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VfB Stuttgart im Abstiegskampf: Es gibt da nichts zu diskutieren: Stuttgarts Konstantinos Mavropanos (rechts) foult Bochums Sebastian Polter - Elfmeter und Ausgleich sind die Folge.

Es gibt da nichts zu diskutieren: Stuttgarts Konstantinos Mavropanos (rechts) foult Bochums Sebastian Polter - Elfmeter und Ausgleich sind die Folge.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

94 Minuten lang lief gegen Bochum genau das Spiel, das der VfB Stuttgart gebraucht hätte, dann unterläuft Mavropanos ein schusseliges Foul. Am Ende geht wieder schief, was schiefgehen kann - inklusive der nächsten schweren Verletzung von Flügelstürmer Silas.

Von Christof Kneer

Borna Sosa warf sich auf den Rücken und weinte. Atakan Karazor wischte sich mit der Hand über die Augen. Sasa Kalajdzic schüttelte Sosa, dann legte er den Arm um ihn. Und Konstantinos Mavropanos? Aufrecht stand er da, die Augen aufgerissen, und dann schlug er sich mit der Hand vor die Stirn. Was hab' ich da gemacht?

Es war eine Frage, die sich in erbarmungsloser Klarheit beantworten ließ, denn irgendein boshafter Mensch sendete die entscheidende Szene dieses 1:1-Unentschiedens zwischen dem VfB Stuttgart und dem VfL Bochum hinterher rauf und runter. Zu sehen ist, wie Mavropanos in der vierten Minute der Nachspielzeit einem ziellos verschickten Bochumer Ball entgegenläuft, wie er versucht, den Ball ins Aus rollen zu lassen und den Gegenspieler, falls da überhaupt einer ist, wegzublocken, oh, Achtung, da ist ja wirklich einer, soll ich den Ball nicht lieber weghauen? Gedankenkollisionen, in Bruchteilen von Sekunden, höhnisch ausgestellt in feinstem Farbfernsehen. Mavropanos will den Ball lieber weghauen, und dann passieren mehrere Dinge gleichzeitig.

Der Bochumer Sebastian Polter läuft an ihm vorbei, Mavropanos holt aus und rutscht aus und trifft beim Rutschen Polter. Was soll man da als Bochumer Polter machen? Hinfallen, was sonst? Und als Schiedsrichter Osmers hat man auch keine Wahl: Man muss Elfmeter pfeifen. Mitleid sieht das Regelwerk ebenso wenig vor wie eine Extra-Sanktion für Tollpatschigkeit.

Sollte der VfB Stuttgart demnächst in die zweite Liga absteigen, werden die Spieler, die Mitarbeiter und die hunderttausend Anhänger dieses riesengroßen Traditionsvereins alle dasselbe Bild im Kopf haben. Sie werden nicht die vielen anderen Missgeschicke der Saison sehen, die nicht gegebenen Elfmeter, die abgefälschten Gegentore, die zahlreichen Verletzungen und die noch zahlreicheren Corona-Diagnosen, nicht all die Abspiel- und die Abwehrfehler. Sie werden Mavropanos sehen, wie er versehentlich diesen Polter flachlegt. Und vielleicht lassen sie das Bild im Kopf dann noch kurz weiterlaufen und sehen, mit welch vollendeter Lässigkeit der Bochumer Eduard Löwen den folgenden Elfmeter verwandelt.

VfB Stuttgart im Abstiegskampf: Untröstlich: Konstantinos Mavropanos nach dem Schlusspfiff.

Untröstlich: Konstantinos Mavropanos nach dem Schlusspfiff.

(Foto: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Dem VfB Stuttgart ist schon eine Menge zugestoßen in den vergangenen Monaten, und all die kleinen und großen Rückschläge haben in dieser jungen Mannschaft sämtliche aus der Wissenschaftsliteratur bekannten Stress- und Überforderungssymptome ausgelöst. Jeder, der den Fußball kennt, weiß, was in so einem Fall hilft: ein schmutziger Sieg, wie das in der Fachsprache heißt, gegen Bochum vielleicht, am besten mit 1:0, nach einem Eigentor. Und genau das passierte: Nach einem Eckball des Stuttgarters Chris Führich und anschließendem Kopfbällchen von Orel Mangala verlängerte der Bochumer Armel Bella Kotchap den Ball ins eigene Tor (1:0/56.). Ein glücklicher Treffer, aber dennoch verdient, weil die Stuttgarter bis dahin bemerkenswert diszipliniert und momentweise sogar inspiriert gespielt hatten.

Auf so ein glückliches Führungstor warten sie beim VfB seit Monaten

Genau diese Geschichte hatte der VfB gebraucht, um die dringend nötige Aufholjagd zu starten, jetzt, da all die Verletzten und Kranken sich allmählich wieder dienstfähig melden. Und der FC Augsburg, direkter Konkurrent im Abstiegskampf, hatte ja auch noch verloren.

Die 94. Minute hat diese Geschichte auf den Kopf gestellt. Jetzt lautet sie so: Der VfB Stuttgart hat trotz anständiger Leistung den nächsten Rückschlag erlitten und in der 94. Minute zwei Punkte hergeschenkt. Arminia Bielefeld, direkter Konkurrent im Abstiegskampf, hat gewonnen und ist jetzt sechs Punkte entfernt. Und am Sonntag folgte eine Diagnose, die das nächste Stuttgarter Hoffnungsnarrativ zerstörte: jenes, dass eine Aufholjagd gut möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich ist, wenn alle Spitzenspieler endlich mal wieder gemeinsam Fußball spielen.

Silas Katumpa Mvumpa, nach achtmonatiger Kreuzbandpause und anschließender Corona-Erkrankung gerade wieder auf dem Weg zu alter Form, wird nun wieder monatelang ausfallen. Eher harmlos sah der Zusammenprall in der 20. Minute aus, dem Silas nun aber, wie das sonntägliche MRT ergab, eine Schulterluxation inklusive gerissener Bänder zu verdanken hat. Eine Diagnose, die an jene von Sasa Kalajdzic zu Saisonbeginn erinnert; der Österreicher fiel damals vier Monate aus, und nun, nach seiner Rückkehr samt erstem Tor, fehlt er schon wieder wegen einer Wadenblessur. Und der für Silas in der 20. Minute eingewechselte Omar Marmoush, zuletzt absent wegen seines Einsatzes beim Afrika-Cup, musste in der 73. Minute schon wieder ausgewechselt werden, wegen einer frisch überstandenen Corona-Erkrankung, die ihm noch zu schaffen machte.

Wenn es Murphy's Law wirklich gibt - jene Lebensweisheit, wonach alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird -, dann können sich die Fußballer des VfB mit guten Aussichten als Testimonial bewerben. Wobei man nicht ausschließen kann, dass diese Menge an Missgeschicken auch Mr. Murphy allmählich peinlich ist. Vielleicht schämt er sich sogar.

Mangala vergibt eine Chance, die man nie vergeben darf - und im Abstiegskampf erst recht nicht

"Es ist beschissen und tut weh", sagte Stuttgarts Trainer Pellegrino Matarazzo später, und immerhin sind sie beim VfB ehrlich genug, sich in ihren Analysen nicht hinter finsteren Mächten zu verschanzen. Der Sportdirektor Sven Mislintat sagte es so: "Wir hätten uns mit dem 2:0 früh belohnen können und das Spiel entscheiden müssen. Das müssen wir uns auf die eigene Fahne schreiben."

Es gab ja noch ein zweites farbiges Bild an diesem Abend, nicht nur das vom schusseligen Mavropanos. Auch das Bild aus der 76. Minute erklärt eine Menge über diese Mannschaft: Der ausgezeichnete Flügelspieler Führich (der in dieser Saison selbstverständlich zweimal verletzt und einmal coronakrank war) überraschte Bochums Abwehr mit einem Heber, und plötzlich stand Mangala so frei vor Torwart Riemann, wie man im Abstiegskampf eigentlich nicht frei steht. Mangala schoss nicht, er zögerte, und dann zauselte er den Ball irgendwie an den Körper des Torwarts. Es bleibt unübersehbar, dass der Mannschaft 27 Saisontore des Vorjahres fehlen: 16 erzielte Kalajdzic, elf stammten von Silas.

Die Hoffnung, dass zumindest Kalajdzic noch ein paar entscheidende Tore beitragen kann, die trägt sie nun in Stuttgart, und so versuchen sie in ihrer Not, der Geschichte nochmal einen neuen Dreh zu geben. "Es läuft so viel gegen uns, und deshalb denken wir 'jetzt erst recht'", sagte Trainer Matarazzo und entwarf für die letzten elf Saisonspiele ein konkretes Skript samt Schlusspointe: "Wenn wir nach diesen elf Spielen auf dieses Riesenbrett zurückblicken und trotzdem feiern können, dann ist das eine Bindung, die ein Leben lang halten wird."

Prognose: Konstantinos Mavropanos würde am meisten feiern, Borna Sosa würde Freudentränen weinen. Problem: Man müsste vorher schon noch ein paar Spiele gewinnen.

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