Schalke 04 nach dem Revierderby Zeichen von Überforderung

Domenico Tedesco nach dem 1:2 gegen den BVB.

(Foto: dpa)
  • Domenico Tedesco wechselt im Derby gegen Dortmund Außenverteidiger Mendyl als Stürmer ein.
  • Der Umgang des Trainers mit dem Verteidiger Naldo gibt Rätsel auf.
  • In seinem zweiten Jahr ämpft Tedesco vor allem mit der spielerischen Armut - und mit mangelnder Torgefahr.
Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Naldo hat versucht, sich nichts anmerken zu lassen, doch die Enttäuschung war ihm trotzdem anzusehen, als die letzte Chance auf seine Einwechslung dahin war. An seiner Stelle hatte Yewgen Konopljanka das Zeichen zur Einwechslung erhalten. Mit dem Kollegen Stambouli sammelte Naldo noch die bunten Plastikhütchen zum Warmlaufen des Ersatzpersonals ein, dann begab er sich mit trägen Schritten zur Bank, um die letzten 17, 18 Minuten des Spiels zu schauen.

Außer einem Pfostentreffer der Gegenseite (Guerreiro, 85.) bekam er nicht mehr viel geboten. Borussia Dortmund brachte den 2:1-Vorsprung ungefährdet ins Ziel, eine Schlussoffensive der Hausherren fand nicht statt, lediglich bei einem Frei- und einem Eckstoß in der Nachspielzeit näherte sich Schalke 04 noch mal dem gegnerischen Tor. Dies wären womöglich die Momente für Naldo gewesen.

Über Ein- und Auswechslungen wird nach Fußballspielen oft zu viel diskutiert. Die meisten Wechsel haben auf das Spielgeschehen keinen großen Einfluss. Manchmal aber geht vom Austausch einzelner Akteure eine ansteckende Wirkung aus, die sich gar nicht überschätzen lässt. So wie am Samstag, als Domenico Tedesco in der 36. Minute den Linksverteidiger Hamza Mendyl für den verletzten Mittelstürmer Guido Burgstaller einsetzte, um dann in der 76. Minute anstelle des Kopfballspezialisten Naldo den Flügel- und Konterstürmer Konopljanka zu bringen.

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Tedesco wurde später befragt, was er sich dabei gedacht hatte, den ungelernten Mendyl ins ungewohnte Einsatzgebiet zu entsenden, zumal dieser dort einen weiteren Ungelernten antraf: den defensiven Mittelfeldspieler Weston McKennie, der infolge der Schalker Stürmerkrankheit (Guido Burgstaller ist der vierte verletzte Angreifer) ebenfalls umgezogen war. "Hamza ist der Schnellste in der Truppe", erklärte der Trainer, "davon haben wir nicht viele - leider." Ein Satz, der tief blicken lässt: In die Verzweiflung des Trainers - und in die Nöte, die ihm sein unterversorgter Kader aufzwingt.

Tedesco spekulierte darauf, dass Mendyls Tempo all die Defizite übertreffen würde, die der 20-Jährige seit dem Sommer regelmäßig nachgewiesen hatte. Mendyl mag seine Begabungen haben, aber bisher hält er sie gut verborgen: Die Bundesliga ist für ihn eine Welt, in der er sich noch nicht zurechtgefunden hat. Tedesco wusste das - und hat ihn trotzdem eingewechselt.

Man kann aus diesem strategischen Gedanken Kühnheit lesen, man kann ihn aber auch als Ausdruck der Überforderung interpretieren. Das Derby legt nahe, dass der junge Trainer Gefahr läuft, sich in seinen eigenen Theorien zu verstricken und zu verlieren. Nächstes Indiz: dass Tedesco in Reaktion auf den erneuten Dortmunder Führungstreffer nicht den turmlangen Naldo - den doppelten Derbyhelden der Vorsaison - in die Offensive schickte, sondern den Flügelmann Konopljanka, den er zuletzt aus guten Gründen (u.a. Mangel an Pferdestärken) ignoriert hatte.

Tedesco hätte mit Naldo sowohl ein Signal der Ermutigung an Team und Publikum senden, als auch eine seriöse Sturmoption eröffnen können, jeder Trainer überall auf der Welt hätte das getan, weil es ein obligatorischer Schachzug war. Tedesco aber tat es nicht.