Hervé Renard:Das ist Saudi-Arabiens Erfolgstrainer

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Hervé Renard: In Afrika kennt man sein Gesicht, im Rest der Welt bislang eher weniger: Hervé Renard.

In Afrika kennt man sein Gesicht, im Rest der Welt bislang eher weniger: Hervé Renard.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

Dass das Land bei der WM erst Argentinien schlagen und nun ins Achtelfinale einziehen kann, hat mit Trainer Hervé Renard zu tun. Seine Biografie ist höchst ungewöhnlich - seine gebrüllten Kabinenansprachen sind es auch.

Von Martin Schneider, Doha

Die Welt kennt nun Hervé Renard, weil er ein Selfie mit Messi empfohlen hat. In der Halbzeitpause des Spiels gegen Argentinien war Renard, Trainer Saudi-Arabiens, mit der Zweikampfhärte seiner Spieler gegen den argentinischen Spielmacher nicht zufrieden. In einem Video, das der saudische Verband nach dem Spiel veröffentlichte, ist zu sehen, wie einige Spieler den Kopf hängen lassen, es stand 0:1. "Was machen wir hier?", brüllt Renard in der Kabine. "Ist das unser Pressing? Messi hat im Zentrum den Ball und ihr ... ", Renard wirft beide Arme wie zum Zeichen der Kapitulation in die Höhe, "... ihr steht einfach nur vor der Abwehr. Holt euer Smartphone, dann könnt ihr ein Foto mit Messi machen!"

Renard spricht Englisch mit starkem französischen Akzent, ein Übersetzer versucht, im Arabischen seinen Tonfall nachzuahmen, schafft es aber nicht ganz. "Glaubt ihr nicht, dass wir zurückkommen können? Come on, das hier ist die Weltmeisterschaft!", donnert Renard weiter. Anschließend drehte die Mannschaft das Spiel, das Video wanderte einmal quer durch das Internet. Und wer sich fragt, warum Saudi-Arabien Argentinien mit 2:1 geschlagen hat, beim 0:2 gegen Polen ein Unentschieden mindestens verdient gehabt hätte und nun gegen Mexiko das Weiterkommen in der eigenen Hand hat, der findet viele der Antworten in der Biografie dieses Trainers.

Renard war in den Neunzigern ein normaler Amateurfußballer in Frankreich, in der Jugendakademie kickte er mal mit Didier Deschamps, was aber nur dazu führte, dass Renard sich seines fehlenden Talents bewusst wurde, wie er später mal erzählte. Nach seiner Karriere kam im Fußball erst mal: nichts. Er wurde Gebäudereiniger, Putzkraft. Es sei ein "härteres Leben gewesen als als Trainer oder Spieler", sagte er später über diese Zeit, abends trainierte er einen Amateurklub.

Der entscheidende Punkt in seinem Leben war eine Begegnung mit Claude Le Roy, einem weltreisenden Trainer, der einen Assistenten für einen Job in Shanghai suchte. Le Roy sagte später, er hätte Renard professionellen Co-Trainern vorgezogen, weil er wusste, dass der hart arbeiten könne. Über China, Cambridge und Vietnam landete Renard schließlich in Afrika und blieb dort, 2008 wurde er Cheftrainer Sambias.

Weder vor noch nach Renard hat Sambia irgendwas im Fußball gewonnen

Damals gab es zwar viele Trainer aus Frankreich in Afrika, aber meistens in Westafrika, wo die französische Sprache weitverbreitet ist. In Sambia sprach aber niemand Französisch, überhaupt dachte damals gar niemand an Sambia, wenn es um Fußball ging. Renard nahm einfach die Chance, die sich ihm bot - und wurde 2012 sensationell Afrika-Cup-Sieger. Seine Mannschaft schlug im Finale die Elfenbeinküste mit Spielern wie Didier Drogba, Salomon Kalou und den Touré-Brüdern Yaya und Kolo.

Weder davor noch danach hatte Sambia irgendwas im Fußball gewonnen, es war Renards Durchbruch. "Zauberer" nannten sie ihn, sein weißes Hemd wurde zu seinem Markenzeichen.

Hervé Renard: Auch bei der WM sieht man ihn stets im weißen Hemd: Hervé Renard.

Auch bei der WM sieht man ihn stets im weißen Hemd: Hervé Renard.

(Foto: Francisco Seco/AP)

Zum ersten Mal wurde seine Vom-Putzmann-zum-Erfolgstrainer-Geschichte erzählt, zumindest denjenigen, die sich für den Afrika-Cup interessierten. 2015 wiederholte er den Sieg bei dem Kontinentalturnier mit der Elfenbeinküste, als erster Trainer überhaupt mit zwei unterschiedlichen Teams. Nur in Europa klappte es nicht: 2015 übernahm er den französischen Spitzenklub OSC Lille, wurde aber schon nach wenigen Monaten wieder entlassen.

Renard ging wieder nach Afrika, diesmal nach Marokko, und fast wäre seine Biografie schon 2018 bei der WM in Russland in der Welt gewesen. In deren Statistik steht zwar, dass sein Team nach zwei Partien ausschied, doch die beiden Spiele erzählen eine andere Geschichte. Im ersten Spiel gegen Iran trat Renards Team überlegen auf, traf das Tor nicht, schoss in der Nachspielzeit ein Eigentor. Im zweiten Spiel gegen Portugal dann dasselbe Bild: Marokko machte das Spiel - dann traf Cristiano Ronaldo. So landete Renard wegen seines markanten Äußeren nur in den bunten Spalten der WM-Berichterstattung, einige meinten, er ähnele Lex Barker, dem Schauspieler, der Old Shatterhand spielte.

Aggressiv, mit Überzeugung, ohne falschen Respekt

Wer die Spiele Marokkos kennt, ist von Saudi-Arabiens Auftritt nicht überrascht. Renards Teams spielen, wie ihr Trainer spricht: aggressiv, mit Überzeugung, ohne falschen Respekt. Und wenn es ihm doch mal zu viel Respekt ist, dann wird der Trainer sauer, siehe die Ansprache gegen Argentinien. "Er hat uns Sachen gesagt, die uns dazu gebracht haben, Gras zu fressen", sagte Mittelfeldspieler Abdulellah al-Malki.

Um eine erfolgreiche Nationalmannschaft aufzubauen, versucht Saudi-Arabien übrigens eine ähnliche Strategie wie Katar: Alle Spieler des Teams kicken in der heimischen Liga. Allerdings hat Saudi-Arabien 35 Millionen Einwohner, Katar drei Millionen, da ist der Talent-Pool ein bisschen tiefer. Die Mannschaft wird im Nachbarland von Tausenden Fans unterstützt, die Anreise ist vergleichsweise kurz, gegen Polen erzeugten die Fans - nahezu ausschließlich Männer - eine fantastische Atmosphäre. Auch in den Fan-Zonen Dohas sitzen viele mit grün-weißen Fahnen und Trikots.

Das Königreich und Katar haben eine komplizierte politische Geschichte. Sportpolitisch könnte Saudi-Arabien ein starkes Abschneiden bei der WM gut gebrauchen, die Ausrichtung der WM 2030 ist das Ziel. Erst ein einziges Mal zog die Mannschaft ins WM-Achtelfinale ein, 1994 verlor Saudi-Arabien dort gegen Schweden. Sollte Renard gegen Mexiko Ähnliches gelingen, könnte es sein, dass der Weltreisende erstmals irgendwo länger bleibt als drei Jahre. Sein Vertrag geht sowieso bis 2027 - und falls nun europäische Klubs auf ihn aufmerksam werden sollten: Ihn von Saudi-Arabien finanziell abzuwerben, dürfte eher schwierig werden.

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