Ronaldo-Verkauf:Riviera für Frühpensionäre

Die italienische Liga kann auf den Egozentriker Ronaldo gut verzichten - aber der Calcio vermisst den Glamourfaktor, der mit ihm das Land verlässt.

Kommentar von Oliver Meiler, Rom

Liebe war es nie. In Italien sagen sie gar, Cristiano Ronaldo habe während der drei Jahre bei Juventus Turin wie ein "Marsmensch" und "Fremdkörper" über dem Land und der Fußballbühne geschwebt. Immer nur an sich interessiert, an seinen Rekorden, den Auszeichnungen, dem Lohn, den Privilegien, seinem imposanten Wagenpark.

Sein Italienisch ist beim Abgang so schlecht, wie es bei seiner Ankunft war. In der Abschiedspost in den sozialen Medien, in der er den Juventini versichert, immer einer der ihren zu sein, gelang ihm das nicht ganz banale Kunststück, "danke" und "Fans" falsch zu schreiben: "grazzie" und "tiffosi", je ein "z" und ein "f" hätten gereicht. Als er sich von seinen Kameraden und dem Mitarbeiterstab verabschiedete, dauerte das gerade mal vierzig Minuten.

CR7 und sein Waschbrettbauch sind weg, zurück bei Manchester United, ein "addio" ohne Tränen. War er denn je da?

Juve wollte mit dem portugiesischen Superstar den Sprung auf das Dach Europas schaffen. 2018 war man tendenziell gelangweilt: sieben nationale Meistertitel in Folge, ein schmuckes Stadion, tolle Buchhaltung - auch Erfolge werden irgendwann zur Routine.

Die Trophäe aller Trophäen aber fehlte schon viel zu lange, als dass der Klub sich zu den Großen des Kontinents zählen könnte: Die jüngste Champions League gewannen die Turiner 1996. Dafür wurde Ronaldo geholt, er sollte den Namen des Vereins in die Welt tragen. Ronaldo schoss auch eine Menge Tore in seiner Zeit auf dem falschen Planeten: 101 in 134 Spielen, alle Wettbewerbe gezählt.

Und doch reden nun alle von einem Flop, das geht ja immer sehr schnell. Meister war man auch ohne ihn geworden, selbst den Pokal holte man häufiger, und in der Königsklasse brachte man es mit Ronaldo nicht einmal bis ins Halbfinale.

Es gibt namhafte Analysten des Calcio, die den Weggang des Solisten wie eine Befreiung feiern. Jetzt erst sei Juve frei, wie ein Chor zu spielen, sagen sie. Bisher hätten die Coaches ja nur auf die affektierten Gesten und Grimassen auf der linken Flanke geachtet: Die leicht irritierbare Befindlichkeit des Königs aus Funchal stand über jeder taktischen Überlegung.

Schon fragen die Gazetten: Droht der Seria A das Schicksal der Bundesliga?

Aber natürlich macht man es sich zu einfach. Ronaldo hat die Turiner oft aus der Mittelmäßigkeit gerettet, er war ihr einziger Glanz. Im Spiel 1 nach Cristiano verlor Juve am Wochenende daheim gegen Empoli - gegen Empoli, daheim! Und natürlich ist die trotzige Freude am Wegzug auch ein Selbstbetrug: Die Serie A kann die großen Namen nicht halten, ihre besten Verkaufsargumente.

Es fehlen das Geld, die alten Mäzene, der Sex-Appeal. Vor Ronaldo hatten schon Romelu Lukaku und Achraf Hakimi Italien verlassen, zwei Meisterspieler bei Inter Mailand. Gigio Donnarumma, Torhüter der Azzurri und zum besten Spieler der EM gekürt, verließ seinen Jugendverein AC Milan, um bei Paris Saint-Germain um einen Stammplatz zu kämpfen. Der Corriere della Sera fragt besorgt: "Droht der Serie A nun das Schicksal der deutschen Bundesliga - beliebt in der Heimat, ohne Publikum im Ausland?"

Der italienischen Liga bleibt der Glamour von ein paar alternden Stars, die hier Ehrenrunden drehen, einer für alle: Zlatan Ibrahimovic, fast 40, von Milan. Er ist gerade unpässlich, das Alter eben. Italien verkommt zur Riviera für internationale Frühpensionäre des Fußballs. Doch immerhin: Wenn in diesem dämmernden, leicht dekadenten Ambiente nebenbei Europameister heranwachsen, junge Männer mit viel Talent, Leute wie Federico Chiesa, Nicolò Barella, Manuel Locatelli und Nicolò Zaniolo, dann ist alles gut. Und sie bleiben Italien treu, vorerst wenigstens, trotz Lockrufen aus dem Ausland. Grazzzie!

© SZ/bkl
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