Hertha BSC in der Relegation:Der Erstligist gibt die Favoritenrolle ab

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Hertha BSC in der Relegation: Entgeisterte Berliner: Sie haben das so wichtige Relegations-Heimspiel gegen den HSV verloren.

Entgeisterte Berliner: Sie haben das so wichtige Relegations-Heimspiel gegen den HSV verloren.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Der HSV spielt viel besser und geht mit klarem Vorteil ins Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC. Sollten die Berliner tatsächlich in die zweite Liga absteigen, dann auch wegen solcher Auftritte.

Von Thomas Hürner, Berlin

Wenn dieses Spiel von Hertha BSC ein Gesicht hatte, dann war es jenes von Niklas Stark. Es war ein sehr trauriges Gesicht. Und es gab in der Tat gute Gründe für diesen Kummer, als der Mittelfeldmann am Donnerstagabend in der Mixed-Zone im Berliner Olympiastadion erschien. Da war einerseits sein persönlicher Abschiedsschmerz, denn Stark hatte am Donnerstagabend gerade sein letztes Heimspiel für die Hertha absolviert. Nach sieben nicht gerade ereignisarmen Jahren wird er den Verein verlassen.

Was Stark, 27, aber unbedingt vermeiden wollte, war, dass er als Absteiger gehen muss und einen zertrümmerten Hauptstadtklub hinterlässt. Nur: Es sah am Donnerstag nicht nur vieles danach aus, als könne dieses Szenario bald eintreten. Es sah vielmehr aus, als sei dieser Worst Case aus Hertha-Sicht kaum noch abzuwenden. Und das beste Indiz dafür war der Berliner Stark, der nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV zwar immer wieder dozierte, dass es ja "noch nicht vorbei" sei und man im Rückspiel "alles raushauen" werde.

Sein Gesicht sagte aber: Herrje, was haben wir denn da heute fabriziert? Und wie, um Himmels Willen, soll das bis Montag besser werden, wenn wir im Hamburger Volkspark spielen müssen? Schnief. Schnief. Stark gab sich große Mühe, nicht einfach loszuheulen. Es hatten sich aber längst Tränen über seine Augen gelegt.

Magaths provokante Analyse passt zum Motto des Abends

Sollte Hertha BSC demnächst in die zweite Liga absteigen, werden die Spieler, die Mitarbeiter und die Anhänger des immer schon ein bisschen grauen Hauptstadtklubs dieselben Bilder im Kopf haben. Sie werden nicht die vielen Ungeschicklichkeiten der Saison sehen, das ewige Dem-Ball-Hinterherlaufen der Hertha-Spieler, nicht all die Abspielfehler und hohen Bälle ins Nirgendwo. Sie werden den Hamburger Mittelfeldmann Ludovit Reis sehen, wie er in der 57. Minute einen Doppelpass spielt, wie er gleich in die Vertikale rennt, wie er zur Flanke ansetzt - und wie der Ball dann in hohem Bogen über Hertha-Torwart Oliver Christensen fliegt. Innenpfosten, drin. 1:0 für den HSV.

Hertha BSC in der Relegation: Trauriger Berliner: Niklas Stark verabschiedet sich von den Hertha-Fans mit einer Heimniederlage.

Trauriger Berliner: Niklas Stark verabschiedet sich von den Hertha-Fans mit einer Heimniederlage.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Ein "Glückstor" sei das gewesen, sagte Hertha-Trainer Felix Magath hinterher, der seinem Ex-Klub freundlicherweise zu einem "glücklichen Sieg" gratulierte. Magaths provokante Analyse passte aber auch gut zum Motto des Abends, weil die 75 500 Zuschauer im Stadion und die Millionen an den angeschlossenen Endgeräten ein richtiges Gegenteil-Spiel gesehen hatten. Es war das Gegenteil dessen zu beobachten, was in so einem Relegationsduell traditionell zu erwarten ist. Der HSV, der Zweitligist, spielte vor allem in der zweiten Hälfte wie der Favorit, obwohl Magath vor dem Spiel gesagt hatte, der Favorit sei ja logischerweise immer der Erstligist. Der HSV traute sich mit zunehmender Spieldauer immer häufiger Kombinationen und Angriffe wie jene zu, die der Mittelfeldmann Reis zum womöglich vorentscheidenden Treffer vollendete.

Und der HSV, der lieber Fußball spielte, statt sich an Magaths Psychospielchen zu beteiligen, konnte hinterher sogar mit einem Grinsen auf die Statistiken verweisen. Denn der er war in allen Bereichen besser, er lief mehr als die Hertha, er schoss fast doppelt so häufig aufs Tor, er gewann deutlich mehr Zweikämpfe. Na gut, mehr Fehlpässe spielte der HSV schon. Aber das lag auch nur daran, dass er halt viel, viel mehr Pässe spielte. Tim Walter, der Hamburger Trainer, konnte angesichts dieser Zahlen also mit Recht behaupten, sein Team habe "vieles richtig" gemacht und eine "reife Leistung" hingelegt. Es war nicht zu übersehen: Der HSV hat sich zu einer echten Trainer-Mannschaft entwickelt, die lauter Dinge kann, die dieser Trainer ihr eine Saison lang beigebracht hat. Und die Spieler glauben an diese Dinge und haben eine Riesenfreude, sie auf dem Rasen umzusetzen. Der HSV ist das exakte Gegenmodell zur Hertha.

Nun war es nicht so, dass der Walter'sche Kombinationsfußball das Handwerkszeug zur Totaldominanz gewesen wäre. Aber im Fußball ist ein Plan halt meistens auch besser als kein Plan. Die Hertha spielte auch am Donnerstag wieder einen reinen Fußball-Verhinderungsfußball, und das lässt sich nicht mal nur dem Trainer Magath vorwerfen, der in seinem Job als Feuerwehrmann auch nur die größten Brände löschen kann. "Man kann Spieler nicht backen", sagte Magath: "Es gibt Spieler, die sind zweikampfstark. Es gibt Spieler, die sind nicht zweikampfstark." Aber, fügte Magath mit Blick auf die nicht ganz so zweikampfstarken Spieler an, "das kann ich denen ja nicht vorwerfen". Und damit hatte der Hertha-Coach auch schon einen Vorwurf formuliert - die Frage war nur, an wen genau.

Das Geld ist weg, aber die Hoffnung nicht, sagt Magath immerhin

Fest steht, dass es knarzt und knirscht, sobald sich die Hertha in Bewegung setzt, und es sieht nicht danach aus, als habe Magath in seiner zweimonatigen Dienstzeit das richtige Schmieröl für seine Mannschaft gefunden. Im Gegenteil, auch das Verhältnis zwischen den Spielern und der eigenen Anhängerschaft hat ein paar Bruchlinien bekommen - und am Donnerstag traten die Risse wieder für jeden sichtbar zutage: Statt sich für den Support der Fans in der Ostkurve zu bedanken, verschwand die Hertha-Mannschaft mit dem Schlusspfiff in der Kabine. "Das verstehe ich jetzt nicht", sagte Magath, als er davon erfuhr. Er schaute ausnahmsweise ehrlich ungläubig.

Es ist generell ein Problem dieser Hertha-Mannschaft, dass man nicht genau weiß, auf wen man sich in Drucksituationen wie in der Relegation verlassen kann. Und dass Namen nicht über Einfalls- und Harmlosigkeit hinweg täuschen können. Die Berliner haben ein paar Spieler mit einer passablen Zukunft (Christensen, Serdar, Mittelstädt) und noch viel mehr Spieler, die eine passable Vergangenheit hinter sich haben (Pekarik, Plattenhardt, Belfodil, Jovetic). Spieler mit Gegenwart haben sie kaum, obwohl 374 Millionen Euro vom Investor Lars Windhorst in die Kassen geflossen waren. Das Geld ist weg, aber die Hoffnung ist es nicht. Behauptet zumindest Magath.

Es sei jetzt seine "Hausaufgabe", sagte der Hertha-Coach, die enttäuschten Spieler aufzurichten, mit ihnen zu reden, die Niederlage gemeinsam zu verarbeiten. Deadline ist Montagabend, 20.30 Uhr - vor allem beim Mittelfeldmann Niklas Stark dürfte die Zeit bis dahin wirklich knapp werden.

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