Fußball Der Mann für die wichtigen Tore

Das Tor fiel kurz vor Anpfiff: Das Champions-League-Halbfinale 1998 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund.

(Foto: Andreas Rentz/Getty Images)

Bis zu seinem Tod war Agustín Herrerín über 50 Jahre Mitarbeiter von Real Madrid, in der Fußballwelt aber fast unbekannt. Dabei war er der Retter, als 1998 im Halbfinale der Champions League das Tor umfiel.

Nachruf von Javier Cáceres

Es gibt auch in der Welt des Fußballs Menschen, die Teil der Landschaft sind, und die doch nie jemand richtig wahrnimmt. Agustín Herrerín zum Beispiel, der vor mehr als 50 Jahren von Real Madrid angestellt wurde und dann, als er allmählich aussah wie ein Greis, fast zwanzig Jahre ein Amt bekleidete, das den schönen Titel "delegado de campo" trägt, Spielfelddelegierter. Herrerín stand im Bernabéu-Stadion immer am Ausgang des Spielertunnels, klatschte den Real-Profis die Hände ab, auf dass sie die Nervosität vergaßen, und wachte ansonsten darüber, dass alles seinen königlichen Gang ging. Tat es meistens auch, wobei man natürlich erzählen könnte, dass ihn ein Assistent des Trainers José Mourinho mal über den Haufen rannte, weil er einem Gegner an die Wäsche wollte. Seinen wichtigsten Auftritt aber hatte Herrerín am 1. April 1998.

Es war der Tag eines Champions-League-Halbfinales, das in die Geschichte eingehen sollte, das Duell zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund. Die Ultras Sur, eine von Neofaschisten durchdrungene Fangruppierung, kletterten den Zaun am Spielfeldrand hoch, rüttelten daran, bis es Folgen trug. Die Stangen, an denen der Zaun befestigt war, gaben nach, und weil der Zaun seinerseits mit dem Tor verbunden war, kippte das Tor um. Just, als die Champions-League-Hymne lief. Sämtliche Versuche, das Tor wiederaufzurichten, waren so unnütz wie hilflos, zur Gaudi unter anderem von Marcel Reif und Günter Jauch, die das Spektakel damals live in die deutschen Wohnzimmerstuben übertrugen: "Nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan", sagte Jauch. Legendär.

Agustín Herrerín (li.) 2012 mit Cristiano Ronaldo.

(Foto: Jasper Juinen/Getty Images)

Was damals niemand wusste: Es war Herrerín, der dafür sorgte, dass dem Torfall von Madrid ein Tortransport folgte. Er schnappte sich motorisierte Polizisten und einen Kleintransporter, fuhr auf das damalige Trainingsgelände von Real Madrid, rammte das verschlossene Tor zur Sportstadt auf, um eines dieser tragbaren Fußballtore zu holen. In den Kleintransporter passte es nicht. Aber in einem nahegelegenen Restaurant trieb Herrerín die Fahrer eines Lastwagens auf, der in der Nähe parkte, erklärte die missliche Lage und bot ihnen so etwas wie einen Blankoscheck, den sie anderntags in 100 000 Peseten umtauschen sollten, 600 Euro. Sie luden das Tor auf den Laster und fuhren, teilweise in entgegengesetzter Fahrtrichtung, mit Polizeischutz ins Stadion. Dort kamen sie zeitig genug an, um zu vermeiden, dass der Schiedsrichter das Spiel absagte.

Mit 76-minütiger Verspätung wurde angepfiffen, und was dann geschah, war wirklich Geschichte. Real Madrid siegte 2:0, und weil die Madrilenen im Rückspiel in Dortmund ein Unentschieden hielten, zogen sie ins Finale von Amsterdam ein, wo sie unter der Leitung von Jupp Heynckes eine 32 Jahre währende Dürre in Europas wichtigstem Vereinswettbewerb beendeten: Real Madrid gewann gegen Juventus Turin 1:0, durch einen Treffer von Pedja Mijatovic. Aber wäre das alles ohne das Tor von Herrerín möglich gewesen?

Es heißt, die Profis von Real Madrid, die er vor den Spielen tätschelte, umarmte, küsste, um ihnen die Nervosität zu nehmen, hätten Herrerín generationenübergreifend geliebt. Das muss wohl so gewesen sein: Cristiano Ronaldo pflegte, wenn er dem Bernabéu-Stadion eine seiner individuellen Auszeichnungen offerierte, Herrerín mit aufs Foto zu nehmen, einmal drückte er im vollbesetzten Stadion dem alten Mann einen Ballon D'Or in die Hände ("den hast auch Du gewonnen, Opa"), was ihn rührte. Im vergangenen Herbst schenkten ihm die Spieler eine Stadionreplik aus purem Silber.

Am Gründonnerstag teilte Real Madrid mit, Herrerín sei nach langer schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren verstorben.

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