Real Madrid gegen Bayern:Warum Real verdient im Finale steht

Real Madrid gegen Bayern: Zwei Chancen, zwei Tore: Karim Benzema (links) zeigt den Bayern, wie man mit Torgelegenheiten umgeht.

Zwei Chancen, zwei Tore: Karim Benzema (links) zeigt den Bayern, wie man mit Torgelegenheiten umgeht.

(Foto: AFP)
  • Obwohl sich die Münchner als bessere Mannschaft wähnen, scheiden sie abermals in der Champions League gegen Real Madrid aus.
  • Oder waren die Madrilenen in den wirklich entscheidenden Moment doch das bessere Team?
  • Mats Hummels findet anerkennende Worte für den Gegner.

Von Martin Schneider, Madrid

Was bedeutet es, wenn eine Fußballmannschaft "besser" ist? Die Frage klingt banal und sie ist doch kaum zu beantworten, selbst wenn sich alle einig sind. Nach dem Champions-League-Halbfinale des FC Bayern bei Real Madrid sagte zum Beispiel Trainer Jupp Heynckes: "Wenn man beide Spiele zusammen nimmt, waren wir die bessere Mannschaft." Mats Hummels meinte: "Gefühlt haben wir das Spiel im Sechzehner von Real verbracht" und Toni Kroos, deutscher Regisseur im Mittelfeld von Real, sagte: "Man kann von mir aus sagen, dass Bayern die bessere Mannschaft war."

Es waren also beide Seiten einig. Aber warum ist dann Real weiter und Bayern ausgeschieden?

Die vier Tore von Real hatten nichts mit Zufall zu tun

Es ist eine Frage nach der Gerechtigkeit im Sport, nach Fairness, nach Schicksal. Was meinen Heynckes, Hummels und Kroos eigentlich mit "besser"? Meinen sie Ballbesitz und Torchancen? Von beidem hatte der FC Bayern mehr, 38:16 Torschüsse waren es etwa in beiden Spielen. Dahinter steckt die Annahme: Wer mehr Chancen kreiert, der sollte mehr Tore machen - und wenn das nicht so ist, dann müsste es an unkontrollierbaren Variablen liegen wie Pech oder Glück, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Wenn es so einfach wäre, dann könnte man hier schreiben: "Real zieht mit Glück ins Champions-League-Finale ein" und dieser Text wäre zu Ende. Aber jeder, der die Spiele gesehen hat, weiß, dass der Satz absurd ist.

Denn die vier Tore von Real, die hatten nichts mit Zufall zu tun. Das erste war ein platzierter Schuss von Marcelo, das zweite ein perfekt abgeschlossener Konter nach einem Bock von Bayern-Verteidiger Rafinha, das dritte ein sauberer Spielzug und das vierte ein Fehler von Sven Ulreich. Aber war zum Beispiel das letzte Tor von Karim Benzema "Glück"? War der Patzer von Ulreich "Pech"? Natürlich nicht.

Es ist eine Eigenart des Wettkampf-Sports, dass er sich in Momenten verdichtet. Jeder erfolgreiche Sport hat Regeln, die darauf angelegt sind, dass genau das passiert. Im Tennis der Matchball, der Zentimeter hinter der Grundlinie aufschlägt, der berühmte fünfte Schuss beim Biathlon, im Handball kommt es regelmäßig zu Entscheidungen, die drei Sekunden vor der Schlusssirene fallen. Und in allen diesen Sportarten gilt es als essentiell, in diesen Momenten das Richtige zu tun. Wenn ein Turner wie Fabian Hambüchen drei Tsukaharas perfekt springt und dann bei einer einfachen Drehung vom Reck fällt, dann wird er Letzter.

Der FC Bayern, das ist unstrittig, hat in entscheidenden Momenten diesmal das Falsche getan. Das Erstaunliche ist eher, dass die Mannschaft es beinahe noch geschafft hätte, diese Fehler zu kompensieren. Das ist einer der Gründe, warum nun so über das Spiel gesprochen wird. Der FC Bayern hätte den zweifachen Champions-League-Sieger Real Madrid beinahe besiegt, obwohl er quasi mit 0:2-Rückstand in die Spiele ging.

Aber da geht es ja weiter: Neben den großen Fehlern hinten leistete sich der FC Bayern kleine Fehler vorne. Die ersten Phasen bis zum Tor spielten die Münchner super, zeitweise herausragend und das Besondere war, dass man es eigentlich nie sieht, dass das einer Mannschaft gegen Real auf diese Art und Weise gelingt. Wenn Heynckes nach dem Spiel sagt, dass er keine Bayern-Mannschaft in den letzten Jahren so stark gesehen hat, dann meint er diese Aktionen vor dem Sechzehner, als Thiago, James, Kimmich oder Ribéry die erste Verteidigungslinie überspielten. Aber es war ein bisschen so, wie bei einer unvollendeten Kathedrale. Mauern, Türme, alles wunderschön - aber zum Dachbauen sind sie nicht mehr gekommen und dann regnet halt ein Sturm namens Real Madrid rein.

Die Bayern und ihre individuellen Fehler

Man kann sich im Kleinen oder im Großen an einer Antwort versuchen. Thomas Müller erwähnte die "fehlende Qualität in den Details". Hummels sagte zum Beispiel: "Oft haben Zentimeter gefehlt, ob beim Abschluss oder beim letzten Pass. Ich habe neulich über die 2013er Saison mit Dortmund nachgedacht, als wir erst Málaga mit zwei Toren in der Nachspielzeit rausgeworfen und dann in Madrid gezittert haben ohne Ende. In den letzten zehn Minuten hing die Champions-League-Saison am seidenen Faden. Manchmal hat man das Glück in diesen Momenten auf der Seite und manchmal nicht." Heynckes stellte die These auf, dass man, eben weil man im Mittelfeld so stark spielte, vor dem Tor nicht mehr so konzentriert war: "Es fehlt die letzte Konzentration und auch die Kraft im Abschluss. Ich weiß aus meiner Erfahrung als Spieler, dass es schwierig ist, wenn du als Stürmer viel unterwegs bist, hohes Tempo gehst."

Wenn man in die Details geht, dann landet man auch schnell bei Stürmer Robert Lewandowski, dessen Aufgabe es ja ist, das Dach aufs Haus zu bauen, sprich: die Tore zu schießen. Das hat er nicht geschafft, in beiden Spielen nicht und da er ja mehr oder weniger selbst den Anspruch erhebt, einer der besten Stürmer der Welt zu sein, ist das natürlich zu wenig. Aber allein am Polen lag es dann halt auch nicht, vor allem, weil auf der Gegenseite Cristiano Ronaldo auch nichts hinbekam.

Ein Muster zeichnet sich ab

Man kann es in Details versuchen, kann jeden Torabschluss der Bayern sezieren, jeden Halbraum vermessen, jede Schiedsrichterentscheidung in Superzeitlupe wiederholen. Es könnte dann aber auch sein, dass nur die Bäume sieht und nicht mehr den Wald.

Thomas Müller erkannte schon richtig: "Was sich in den letzten Jahren wiederholt, ist, dass wir in den Spielen, in denen wir ausscheiden, zu viele deutliche individuelle Fehler machen - ob es verschossene Elfmeter oder rote Karten sind." Und tatsächlich: Wenn man sich anschaut, wie die Reaktionen jetzt sind und zum Beispiel wie sie vor zwei Jahren beim Aus gegen Atlético waren - dann gleichen sich die Erklärungsmuster. Auch damals gab es ein schlechtes Hinspiel-Ergebnis, ein eklatanter Fehler im Rückspiel - zahlreiche Torchancen (unter anderem ein Elfmeter, verschossen von Müller) und am Ende die Niederlage.

Und auch bei Real Madrid zeichnet sich ein Muster ab. Nämlich, dass enge Spiele fast immer zu Gunsten der Galaktischen kippen. Schon gegen Juventus Turin im Viertelfinale war es ein Elfmeter in der Nachspielzeit, sauber verwandelt von Ronaldo. Toni Kroos, der Stratege am Ball, der ein Fußballspiel durchaus in seine Details zerlegen kann, argumentierte lieber mit Gefühlen: "Ich hab keine Zweifel gehabt, dass wir ins Finale kommen, weil jede Situation im Spiel, wo wir hier und da mal Glück hatten, hatte ich immer das Gefühl, wir können in jeder Sekunde des Spiels ein Tor schießen. Das ist ein Gefühl, das kommt mit dem Erfolg." Darum, so sagte er, würden sie die engen Spiele gewinnen.

Und auch Hummels, der lange über diesen Abend in der Interviewzone sprach, sagte irgendwann: "Real war gegen Juve fast raus, sie waren jetzt gegen uns fast raus, und trotzdem sind sie verdient im Finale, sie hatten immer Kracher als Gegner. Wenn man da immer weiterkommt, muss man das einfach anerkennen."

Der Satz, der da drinsteckt, ist für jeden Bayern-Fan eine Qual, er ist ungeheuerlich zu lesen und er schreit nach Ungerechtigkeit. Aber es hilft nichts, man muss ihn trotz aller Torschussstatistiken und Zentimeterentscheidungen dieser Welt schreiben: Real Madrid zieht verdient ins Finale der Champions League ein. Das Paradoxe ist, dass der Satz: Der FC Bayern scheidet unverdient aus der Champions League aus, vermutlich genauso richtig ist. Manchmal muss man damit leben, dass es auf banale Fragen keine banalen Antworten gibt.

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