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Fußballerin Megan Rapinoe:Wer sagt, dass jemand, der Revolutionen herbeiführt, davon nicht selbst profitieren darf?

Ihr geht es um Gerechtigkeit - und auch darum, bei all den Debatten und Gerichtsverhandlungen am Ende nicht als Egozockerin dazustehen: "Vieles, wofür ich mich einsetze, hat mit persönlichen Vorteilen für mich zu tun", sagt sie: mehr Geld, ein normalerer Umgang mit homosexuellen Sportlern, mehr Verständnis für Protestierende. Rapinoe betont jedoch: "Ich will nicht, dass die Leute denken, ich würde das alles nur für mich tun."

Es gibt Kritiker, die Rapinoe für eine Selbstdarstellerin halten. Das mag vielleicht sogar stimmen, nur: Gockelt Ronaldo etwa nicht nach jedem Tor? Positionierte sich Usain Bolt nach Siegen nicht als Sterndeuter? Und trommelt sich LeBron James, der ohnehin in seiner Profession, Bälle in einen Korb zu werfen, eine gesellschaftliche Bedeutung erkennt, nicht nach jeder wichtigen Aktion auf die Brust? Sich-Selbst-Feiern gehört einfach zum Profisport dazu. Bei Rapinoe ist aber interessant, dass sie sich dabei hinterfragt, dass sie sich in der dritten Person betrachtet - nicht, um sich zu bewundern, sondern um zu verstehen, was andere beim Anblick eines Bildes von ihr denken könnten.

Es gilt heutzutage schon als Empathie, wenn einer dem anderen zuhört, ihn nicht überbrüllt. Rapinoe will andere wirklich verstehen. Sie will wissen, was zum Beispiel ihr Vater Jim, ein ehemaliger Soldat und Trump-Wähler, fühlt, wenn seine Tochter beim Abspielen der Nationalhymne kniet und von Nachbarn als Vaterlandsverrätern bezeichnet wird. Sie will wissen, was Afroamerikaner denken, wenn sich die hellhäutige Rapinoe dem Protest des dunkelhäutigen Kaepernick anschließt. Oder wie Collin Martin reagiert, der bisher einzige offen homosexuelle Akteur in der Fußball-Männerliga MLS, wenn Rapinoe ihn bei ihrer Weltfußballerin-Dankesrede ebenso erwähnt wie die rassistisch geschmähten Kicker Kalidou Koulibaly und Raheem Sterling und das so genannte "Blue Girl"- eine Frau im Iran, die sich als Mann verkleidete, um ein Fußballspiel im Stadion erleben zu dürfen.

Megan Rapinoe betrachtet sich selbst immer wieder mal in der dritten Person.

Sie sieht dann eine Frau, die ihre Prominenz dazu nutzen möchte, Veränderungen herbeizuführen. Und wer in aller Welt hat verboten, dass jemand, der Veränderungen herbeiführt, von diesen Veränderungen auch selbst profitieren darf?

Auf der Titelseite von Sports Illustrated trägt Rapinoe ein Valentino-Engelskleid und hält einen Vorschlaghammer, Kinn nach oben. Sie sagt: "Ein bisschen wie: 'Fuck you.'" Mit einem breiten Grinsen.

© SZ vom 31.12.2019/tbr
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