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PSG gegen Leipzig in der Champions League:Tuchels nächstes Finale

Paris Saint-Germain - Stade Rennes

PSG-Trainer Thomas Tuchel erreichte vergangene Saison das Finale der Königsklasse. Und jetzt?

(Foto: dpa)

Viel zu früh im Herbst am Scheideweg: Für Paris steht gegen RB Leipzig alles auf dem Spiel. Es geht um die Zukunft von Trainer Tuchel, von Neymar und Mbappé.

Von Oliver Meiler

Ein Finale im November? Das gibt es nicht im Fußball, wenigstens nicht in überschaubaren Breitengraden und in wesentlichen Wettbewerben. Wenn ein Trainer den Geist eines Endspiels dennoch schon im grauen November beschwört, wie das Thomas Tuchel von Paris Saint-Germain vor dem Heimspiel gegen RB Leipzig in der Champions League tut, der vierten Vorrundenpartie in Gruppe H, dann muss bis dahin schon einiges missraten sein. Es geht viel zu früh schon wieder um alles, um die Essenz, die sich bei PSG nur am Henkelpott orientiert - oder wie die katarischen Besitzer es sehen: an der Macht.

Eben erst hatte Paris im Finale von Lissabon gestanden (0:1 gegen die Bayern), froh und befreit, mit einem Halleluja auf den spät gefundenen Kollektivsinn einer Truppe von teuer eingekauften Individualisten. Nun ist "Ici, c'est Paris!", der Schlachtruf der Pariser, der wie ein Statement an die Welt wirken soll, wieder leise geworden, bange geradezu, im November schon: Drei Punkte nach drei Spielen, dritter Tabellenplatz. Im Parc des Princes geht es am Dienstag tatsächlich schon um fast alles.

Es lohnt deshalb, Tuchel in extenso zu zitieren, mit Kontext. Später Freitagabend, Monaco: Tabellenführer PSG hatte im Spitzenspiel der Ligue 1, nach zuvor acht Siegen, gegen Niko Kovac' AS 2:3 verloren - "seltsam", fand Tuchel. Er hätte sich auch ärgern können über seine Spieler, aber er war nur überrascht, irgendwie hilflos. Zur Pause hatte PSG 2:0 geführt, nach zwei Toren von Kylian Mbappé, der nach seiner Verletzung wieder ansprechend mitspielte. Totale Kontrolle, ein idealer Aufbau für die wirklich wichtigen Dinge.

Doch dann sank PSG in sich zusammen wie ein Soufflé, und Kevin Volland wurde aus dem Nichts zum Matchwinner. Der aus Leverkusen nach Monaco umgezogene Stürmer schoss zwei Tore und holte einen Elfmeter heraus. Völlig auseinandergefallen war Paris, wie das zuletzt auch in Europa öfter vorkam, beim Hinspiel in Leipzig (1:2 nach 1:0) und davor gegen Manchester United (1:2). So, wie das einer großen Mannschaft eigentlich nicht passieren darf.

Die Zeitung Le Parisien befragte nach der Niederlage in Monaco einen Mentaltrainer nach Erklärungen, und der hörte sich an wie ein Psychoanalyst. Der Titel zum Interview: "Verliert PSG während der Spiele den Kopf?" Nun, der Experte kam zu der wenig erstaunlichen Erkenntnis, dass es in erster Linie die Aufgabe des Trainers sei, seine Spieler zu motivieren und ihre Spannung hoch zu halten. Sonst setzten solche Konzentrationsschwächen ein, mal aus einem Übermaß an Selbstvertrauen, mal wegen eines Mangels daran.

Tuchel war überrascht, dass sein Team in der zweiten Hälfte in einen 45-Minuten-Schlaf wegtauchte. Daran änderte auch die Einwechslung von Neymar nichts, der mal wieder in einer Was-mache-ich-eigentlich-hier-Phase zu stecken scheint: noch völlig außer Form nach seiner jüngsten Verletzung, lustlos - sogar seine neue Frisur ist langweilig. Als Tuchel gefragt wurde, ob die Nullrunde an der Riviera seine Zweifel vor dem Spiel gegen Leipzig gemehrt habe, sagte er: "Ich kenne meine Mannschaft, ich weiß genau, wo wir stehen." Und: "Wir werden versuchen, die Dinge zu orchestrieren, wir können gewinnen gegen Leipzig. Das ist ein Finale, und wir werden dieses Spiel wie ein Finale vorbereiten."

Für Tuchel ist es auch ein persönliches Endspiel, sein Vertrag läuft nächsten Sommer aus. Niemand glaubt, dass der Deutsche länger bleiben wird, im Gegenteil: Flöge Paris schon in der Gruppenphase aus der Königsklasse, flöge wohl auch "Tüschel". Die Zeitung L'Équipe meint gar, TT wäre bereits weg, wären diese pandemischen Zeiten nicht auch finanziell so kompliziert. Alle Einnahmen brechen ein; sogar die Klubbosse aus Katar rechnen konservativer, ein Trainerwechsel in der Krise kostet viel Geld. Und jenem Mann, der Tuchel stützen sollte, Sportdirektor Leonardo, eine frühere Spielerglorie des Vereins, fällt ebendies besonders schwer. Die zwei befehden sich in einem Gockelkampf mit zwischenzeitlichen Halbversöhnungen.

Tuchel wirft "Leo" vor, er habe im Sommer zu viele Stützen des Teams gehen lassen: Thiago Silva, Cavani, Meunier, Choupo-Moting. Ersetzt habe er sie nur halbherzig, die spät gekommenen Neuen heißen Florenzi, Kean, Danilo, Rafinha. Das rächt sich nun, zumal ausgerechnet in der Schaltzentrale auch noch jene unpässlich sind, die dem Spiel eine Identität geben könnten. Etwa der Italiener Marco Verratti, ein feiner Ballverteiler, den sie in Paris liebevoll petit hibou nennen, kleine Eule, weil er den Kopf ständig bewegt, um nach der besten Anspieloption zu suchen.

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