Premier League:Begeisterung trifft auf Entsetzen

Weitere Lobbyarbeit soll der Fußballverband FA leisten, der mit einer Finanzspritze von 100 Millionen Pfund gelockt wird. Dieser Betrag ist dafür vorgesehen, Einbußen zu deckeln sowie dem Amateur- und Frauenfußball unter die Arme zu greifen. Versprochen wird den Frauen ebenfalls die Finanzierung einer neuen, unabhängigen Profiliga. Und dann hält das Projekt "Big Picture" auch noch einen vermeintlichen Köder für die Fans bereit: Im Schreiben steht, dass mindestens 3000 Plätze beziehungsweise acht Prozent der Stadionkapazität den Gästefans vorbehalten sein sollen. Angestrebt wird auch eine Subventionierung von Auswärtsfahrten, die Deckelung der Kartenpreise sowie die Wiedereinrichtung von Stehplätzen.

Nur: Welche Gegenleistung würden die Hinterbänkler der Premier League für ihr "Ja" erhalten, quasi zur Selbstentmachtung? Der Begeisterung der unteren Ligen, deren Besitzer sich in Anbetracht des in Aussicht gestellten Reibachs die Hände reiben, steht nun das Entsetzen von Politik und Medien gegenüber - und in Kürze, wenn sich die Vereinsbosse wieder treffen, wohl auch das der Premier-League-Konkurrenten. Stellvertretend für den vor den Kopf gestoßenen Inselfußball kommentierte der Guardian: "In gewisser Weise waren die Vorschläge der Inbegriff sportlicher Bevormundung: eine großzügige Umverteilung des Reichtums, erzwungen durch eine erstaunliche Konsolidierung der Macht. (...) Die implizite Botschaft an die kleineren Vereine: Ihr könnt in Würde und Komfort existieren, aber ihr werdet auch euren Platz kennen. Es ist gleichbedeutend damit, einem Ertrinkenden im Austausch gegen sein Wahlrecht eine Rettungsweste zu geben."

"Big Picture" enthält zudem eine fiese Tücke, die meist überlesen wird. Die Premier League würde auf Wunsch der Verfasser des Arbeitspapiers von 20 auf 18 Teams schrumpfen, neben dem Ligapokal (der klassentieferen Klubs als Einnahmequelle dient) fiele auch der Supercup weg. Hinter dieser Entzerrung des Spielplans steckt allerdings nicht der oft vorgeschobene Grund, dass die Spieler überlastet sind. Sondern die Überlegung, die eingesparten Spieltage mit noch ausgiebigeren Vermarktungsreisen zu monetarisieren. Darauf zielt ebenso der Unterpunkt ab, wonach die Klubs in der Premier League sich das Recht sichern würden, acht Saisonspiele international selbst vermarkten zu dürfen. Dadurch würden die zentralisieren TV-Einnahmen sinken - und die sportliche Kluft sich weiter ausdehnen. Zumal die Topteams durch das neue Stimmrecht ja jederzeit die Möglichkeit hätten, immer mehr und mehr Spiele in Eigenregie über ihre Klubkanäle zu vertreiben.

Unabhängig vom Fortgang der Initiative "Big Picture" hat ihre bloße Existenz einen gefährlichen Keil zwischen die Spitzenteams und dem Rest des Feldes getrieben.

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Sebastian Andersson (Union), jubelt nach seinem Tor zum 1:0, zusammen mit Christopher Trimmel (Union), Sebastian Polter

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