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Buch über den Profifußball:Nähe mit Erkenntnisgewinn

Sebastian Andersson (Union), jubelt nach seinem Tor zum 1:0, zusammen mit Christopher Trimmel (Union), Sebastian Polter

„Die Menschen sind Sinnsucher“, sagt ein Kicker in Christoph Biermanns Buch, „man arbeitet für etwas, das nachwirkt.“

(Foto: imago images/Bernd König)

Christoph Biermann hat ein Jahr lang die Fußballer von Union Berlin begleitet. Er zeigt Menschen zwischen Reizüberflutung und Eintönigkeit - und gibt den Profis ihre Würde zurück, indem er ihnen zuhört.

Von Holger Gertz

Der sehnlichste Wunsch jedes Reporters ist Nähe zum Protagonisten, den er beschreibt. Er möchte ihm noch in den hintersten Winkel seiner Gefühlswelt hinein folgen, um eine Geschichte zu kriegen, die bis ganz runter geht, zum Kern. Nähe entsteht, wenn der Reporter oder die Reporterin sich Zeit nimmt und der Protagonist oder die Protagonistin sich öffnet. Aber weil Menschen, sobald sie halbwegs bekannt sind, inzwischen umschwirrt und beschirmt werden von Imageberatern, wollen sie ihr Bild lieber restlos kontrollieren.

Das war früher anders. Legendär ist die Esquire-Geschichte des Großreporters Gay Talese, der 1964 den Boxer Floyd Patterson tagelang ausquetschen konnte. Patterson hatte gerade zweimal gegen Sonny Liston verloren, zweimal in der ersten Runde, trotzdem öffnete und offenbarte er sich dem Reporter Talese. Der Verlierer Patterson sprach über sein neues Lebensthema, das Verlieren. Er präsentierte und demaskierte sich als sensibler Mann, viel zu reflektiert und durchlässig für einen Preisboxer, Patterson hatte die ganze Zeit die Deckung unten in dieser Geschichte.

Der Journalist Christoph Biermann, Autor vieler Bücher etwa über Fußballkultur und -taktik, hatte den Gay-Talese-Moment seines Lebens, als er bei den Klubchefs des Bundesliga-Aufsteigers Union Berlin vorsprach, um zu fragen, ob er den Verein in seinem ersten Erstligajahr begleiten könne. Im Stadion, im Kraftraum, im Mannschaftsbus, bei der Autogrammstunde, überall. Solche Langzeitbeobachtungen sind gerade Trendprogramm, bei Netflix gibt es die Serie "Sunderland 'til I die" über den englischen Klub AFC Sunderland, bei Amazon "All or nothing" über Manchester City. Diese Dokus versprechen dem Publikum, was es sonst selten kriegt: echte Nähe. Außerdem: echte Tränen, keine von Krokodilen geweinten wie in der Kunstfaserwelt der Scripted Reality.

Biermann rechnete nicht mit einer Zusage, bekam sie doch, wurde mit himbeerroten Union-Turnschuhen sowie der Union-Dauerarbeitskarte Nr. 544757 ausgestattet. Sein Jahr mit dem 1. FC Union Berlin wurde ein einzigartiges Experiment in der Geschichte der Liga. Er erzählte einem Bundesligatrainer von dem Projekt, der gab ihm einen Rat, einer von mehreren kleinen Sätzen für die Ewigkeit in diesem Buch: "Es wird darauf ankommen, dass niemand das Gefühl bekommt, Sie bringen Pech."

Hat geklappt. Union Berlin, vorher von vielen Experten als Absteiger getippt, landete am Ende der Corona-Saison auf Platz elf, da unterscheidet sich Biermanns Langzeitbeobachtung also von den Betrachtungen Gay Taleses oder auch vom exzellenten Report des Spiegel-Reporters Markus Feldenkirchen über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Deren Storys waren Verlierergeschichten, Studien des Scheiterns. Biermann erzählt die Geschichte eines überraschenden Gewinners.

Der 400-Seiten-Wälzer ist das Resultat fast täglichen Beobachtens und Beisammenseins mit den Fußballern, auch im ICE. Nach dem Spiel in Paderborn stieg in Hannover eine Horde Union-Fans zu, und es ist ein herrlicher Moment, wie die Fans mit ihren glühend verehrten Idolen in Wagen 36 reisen und bei der Gelegenheit den Trainer Urs Fischer komplett volltexten.

Ein Spieler spricht über die Angst ausgebuht zu werden. Schließlich schauen Frau und Kinder zu

Gelohnt hat sich so ein Buchprojekt dann, wenn Nähe am Ende mehr ist als ein Versprechen. Hier ist es Nähe mit Erkenntnisgewinn, denn einzelne Fußballer treten ins Licht. Der Nigerianer Anthony Ujah berichtet von der Stiftung, die er gegründet hat, er will den Leuten daheim kein Geld schenken, es ist mehr eine Anschubfinanzierung, damit sie selber klarkommen. Er sagt es so: "Was mich als Fußballspieler glücklich macht, sind nicht Rolex oder Lamborghini, sondern dass ich das Leben von Menschen verändern kann." In diesen Momenten sind die Fußballer nicht mehr nur eine Nummer im Panini-Klebebilderalbum. Sie gewinnen Profil, sie werden sichtbar als fühlende, denkende Menschen.

Im TV-Kanal Sky Sport News laufen oft Zerrbilder von Profis, der eine feiert eine Corona-Party, der zweite hat mal wieder nicht geliefert, der dritte kriegt aber auch gar nichts auf die Kette. Biermann gibt den Profis ihre Würde zurück, indem er ihnen zuhört und sie reden lässt. Dann reden sie. Es spricht Michael Parensen, mit 33 Jahren hatte er sein erstes Bundesligaspiel bestritten. Im Moment des größten Erfolgs ist er ein Abschiednehmender. Aber nach wie vor auch ein Publikumsliebling. Parensen weiß warum und erklärt es selbst, noch einer dieser kleinen Sätze: "Die Menschen sind Sinnsucher. Man arbeitet für etwas, das nachwirkt, und bei mir sehen sie einen, der sich unserem Klub verschrieben hat."

Es spricht Anthony Ujah, und zwar spricht er, der Stürmer, über Angst und Scham. Also über etwas, über das Fußballer normalerweise öffentlich nicht reden, weil's ja für einen Profi dazugehört, das Geblöke von den Rängen mit derselben Langmut an sich abprallen zu lassen wie die Diffamierungen in den Fanforen. Ujah sagt: "Für einen Spieler ist es das Schlimmste, ausgepfiffen zu werden. Es ist peinlich für dich, weil deine Frau und Kinder auf der Tribüne sitzen. Manche Spieler haben so viel Angst davor, noch einmal ausgebuht zu werden, dass sie sich krankmelden."

Christoph Biermann

Himbeerrote Schuhe und Dauerarbeitskarte: Christoph Biermann, 59, bewegte sich ein Jahr lang sehr tief im Verein.

(Foto: Pablo Castagnola)

Bei Union ist das anders, diesen Befund erklärt Biermann auch mit der Geschichte des Vereins und der Rivalität damals in der DDR mit dem Lokalrivalen und Mielke-Bonzenklub BFC Dynamo, der immer die besten Spieler zugeteilt bekam. Biermann spricht mit Daniel Blauschmidt, den alle Boone nennen. Der Grafiker Boone hat sich früh um das visuelle Erscheinungsbild von Union gekümmert. Boone ist im Kleinen das, was Otl Aicher im Großen für die Olympischen Spiele in München war. Und, wie Aicher, ist Boone eine Art Philosoph. "Die Religion Fußball ist ja wie bei den Schiiten, man geißelt sich selber", sagt Boone, aber weil Religion auch Regeln braucht, stellte er seinerzeit welche ins Netz, die vier Gebote des Andersseins von Union. Mache nie einen Spieler zum Sündenbock! Pfeife nie die Mannschaft aus! Verlasse nicht vor dem Schlusspfiff das Stadion! Heiserkeit ist der Muskelkater des Unioners!

Es gibt demnach eine Nähe zwischen Spielern und Fans, die anderswo verloren gegangen ist. Werder Bremen etwa ist eigentlich auch ein Klub, in dem Spieler und Fans sich begegnen. Aber in den Fanforen wird der Stürmer Selke übel gedisst, weil er kein Torjäger ist. Und auch, weil die für ihn zu zahlende Ablösesumme angeblich dafür sorgt, dass keine anderen, besseren Spieler mehr geholt werden können. Das Gebot, jemanden nicht zum Sündenbock zu machen, wird hier doppelt gebrochen.

Es gab auch andere Zeiten für Union. 2011 hatte ein Journalist berichtet, Vereinspräsident Dirk Zingler habe seinen Wehrdienst in einem Wachregiment abgeleistet, das der Staatssicherheit unterstellt war. Zingler war aber weder offizieller noch inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen. Die Sache kochte hoch: Der Journalist wurde im Union-Stadionheft verleumdet, es gab Schmäh-T-Shirts gegen ihn, er wurde von Fans bepöbelt, die Zeitung zog den Reporter schließlich von der Union-Berichterstattung ab. Eine große Geschichte, sie handelt von Außenwelt und Innenwelt, vom Oberthema Nähe, vom "wir gegen die". Sie kommt im Buch auch vor - aber sie hätte, mit dem Abstand von Jahren, ausführlicher ausgeleuchtet werden können.

Als Mutprobe sang er vor dem Team

Sonst hält Biermann alles in der Waage, das Sportliche und das Soziologische; das Relevante und das Kuriose. Die endlich beantworteten und die auf ewig unbeantworteten Fragen. Wer zum Beispiel je wissen wollte, wie die Profis beides zusammenbringen, einerseits die Überforderung und Reizüberflutung auf dem Platz, andererseits die Unterforderung und Eintönigkeit daneben - dem wird geholfen in einem faszinierenden Kapitel über Sinn, Wesen und Nutzen der Langeweile.

Wer anderen und damit am Ende sich selbst nahekommen will, muss bereit sein, über Grenzen zu gehen. Christoph Biermann hat - Mutprobe zum Einstand - im Trainingslager gesungen für das Team, er trug was Eingängiges von den Toten Hosen vor, "Eisgekühlter Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt". Wer sich von Biermanns Sangeskunst überzeugen will, findet im Netz eine Aufnahme der "Sammy Pochstein Experience" von 1990, benannt nach Hans-Joachim Pochstein, einem Spieler des VfL Bochum, den sie Sammy nannten, weil er Sammy Davis jr. ähnelte. "Deutscher Meister wird nie der VfL", heißt das Lied, dargebracht von Biermann himself, der ein lausiger Sänger ist. Aber schreiben kann er.

Christoph Biermann: Wir werden ewig leben. Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 416 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 13.10.2020
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