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Wolfsburg im Champions-League-Finale:Rekordablöse für Pernille Harder

Wolfsburgs Beste Pernille Harder verlässt nach dem Endspiel den VfL.

(Foto: AFP)

Diesen Sonntagabend wollen Wolfsburgs Fußballerinnen gegen Lyon den großen Triumph in der Champions League - doch just vor dem Finale dreht sich alles um eine pikante Personalie.

Von Anna Dreher

Alexandra Popp ist mit 29 Jahren in 76 Spielen der Champions League auf dem Platz gestanden. Nur drei Fußballerinnen haben bislang mehr Erfahrung im wichtigsten europäischen Klubwettbewerb gesammelt als sie. Popp hat mit dem VfL Wolfsburg 2013 und 2014 den Titel geholt, 2016 und 2018 verlor sie das Finale. Die Kapitänin des VfL dürfte also ein gewisses Gespür dafür entwickelt haben, wie es sich anfühlt, wenn die Chancen des eigenen Teams eher gut oder eher schlecht stehen. Und auch dafür, wie die Gegnerinnen so drauf sind. "Es wirkt", sagte Popp vor dem Endspiel gegen Titelverteidiger Olympique Lyon am Sonntag im spanischen San Sebastián, "als seien sie nicht mehr so dominant wie in den vergangenen Jahren."

Das klare Ziel des VfL Wolfsburg war es, diese Saison wieder die Champions League zu gewinnen. Nun könnte dieser ersehnte Triumph sogar in Form eines Triples gelingen, dem zweiten nach 2013. Manche Spielerin wertete es schon als gutes Omen, dass in der gleichen Konstellation wie damals gar ein deutsches Triple-Double gefeiert werden könnte, zusammen mit den Männern des FC Bayern. Die Münchner haben vor einer Woche vorgelegt. "Ich glaube, wir hatten noch nie eine so starke Saison wie dieses Jahr", sagte Popp: "Das gibt uns das Selbstvertrauen, im Champions-League-Finale nochmal einen draufzulegen."

Ein Sieg gegen Lyon würde den Klub wieder an die Spitze des europäischen Frauenfußballs bringen. Olympique aber dominiert diesen seit Jahren. Schon sechs Mal hat Lyon mit der deutschen Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán die Champions League gewonnen, davon zuletzt vier Mal in Serie. Wenn sich die beiden diesjährigen Titelfavoriten hier begegneten, waren die Deutschen seit 2016 stets unterlegen.

Chelsea zahlt angeblich eine Rekordablöse für Harder

Und während Wolfsburgs Aufmerksamkeit also eigentlich ganz dem Finale am Sonntag (20 Uhr, Liveticker SZ.de) gelten sollte, wurde ausgerechnet einen Tag vorher eine Nachricht bekannt, die zumindest außerhalb des Teams für viel Wirbel sorgte. Nach übereinstimmenden Medieninformationen wird Pernille Harder, Wolfsburgs torgefährlichste und Europas Spielerin des Jahres 2018, entgegen der bisherigen Annahme ihren im Sommer 2021 endenden Vertrag nicht erfüllen. Die dänische Nationalspielerin soll für angeblich 350 000 Euro in die Women's Premier League zum englischen Meister Chelsea LFC wechseln. Das berichtete als erstes das Portal Sportbuzzer. Diese Summe wäre eine Rekordablöse in der Bundesliga. Üblich sind Transfers im Frauenfußball nach wie vor ablösefrei bei Ablauf eines Vertrages.

Vier Mal hat Harder mit dem VfL das Double gewonnen. In dieser Saison trug die Torschützenkönigin mit 27 Treffern in 22 Partien maßgeblich zum Gewinn der Meisterschaft bei. Insgesamt waren es in bislang 113 Spielen für den VfL 105 Treffer. In der Champions League sind es diese Saison neun, nur die bereits ausgeschiedene Niederländerin Vivianne Miedema (Arsenal WFC) hat einen mehr. Seit Harder im Januar 2017 nach Wolfsburg kam, hat sie sich zur absoluten Leistungsträgerin entwickelt.

Mit ihrer Spielintelligenz, Übersicht und Technik steht sie im offensiven Mittelfeld für Kreativität. Auch ihr Ehrgeiz wirkt sich auf ihre Mitspielerinnen aus. "Selbst, wenn sie bei weniger als 100 Prozent ist, spürt man ihre Anwesenheit. Wenn man diesen einen Moment braucht, um den Unterschied zu machen, ist sie die Spielerin dafür - egal in welchem Zustand sie sich befindet", hat Wolfsburgs Trainer Stephan Lerch über Harder gesagt. Und: "Es ist dieses Gesamtpaket, das sie zu einer der besten, wenn nicht sogar zur besten Spielerin der Welt macht."

Beim englischen Meister spielt auch Harders Freundin Magdalena Eriksson

Harder, 27, ist schon lange äußerst begehrt bei den Top-Klubs. Dennoch sah es danach aus, dass sie trotz sicherlich einiger Offerten bleiben würde. Kolportiert wurde eine Ausstiegsklausel mit einer festen Ablösesumme, wie auch, dass die Frist dafür im Frühjahr bereits verstrichen sei. Wolfsburgs Sportlicher Leiter Ralf Kellermann sagte, der Verein plane mit Harder für die nächste Saison. Dass sie über ihr Vertragsende im Sommer 2021 zu halten sein würde, schloss er da bereits aus. Nun könnte den Klub ihr Abschied also noch früher empfindlich treffen. Und auch für die Bundesliga wäre es ein schwerer Verlust. Offiziell bestätigt wurde die Nachricht allerdings am Samstag nicht. "Unsere Konzentration gilt dem Finale am Sonntag, wir kommentieren vorher keine Personalien", sagte ein VfL-Sprecher.

Ein Wechsel zu Chelsea wäre keine Überraschung. Harder würde dort wieder mit ihrer Lebensgefährtin Magdalena Eriksson, 26, zusammenspielen und leben können. Das ist seit geraumer Zeit der Wunsch des Paares, Harder hatte ihn immer wieder offen kommuniziert. Die schwedische Nationalspielerin Eriksson sagte dem britischen Telegraph vor wenigen Tagen: "Ich würde nirgendwo anders sein wollen" und hat damit im Prinzip die Planung der nächsten Jahre vorgegeben. Die Fußballerinnen hatten sich in Erikssons Heimat bei Linköpings FC kennengelernt.

Nach einem Kuss bei der Weltmeisterschaft 2019 wurde die Beziehung der breiten Öffentlichkeit bekannt. Ein Foto davon verbreitete sich schnell - und nach vielen Zuschriften wurde Harder und Eriksson bewusst, welchen Einfluss sie nehmen können. Ihre Reichweite nutzen sie seitdem, um sich stark zu machen für die Rechte der LGBTQ-Community und für Gleichberechtigung. Und am liebsten wollen sie das eben in der gleichen Stadt tun. Harder stünde dann auch mit der deutschen Nationalspielerin Melanie Leupolz in einem Team, die diesen Sommer vom FC Bayern zu Chelsea gewechselt ist.

Es wäre ein schönes Ende dieser Geschichte, wenn Pernille Harder mit dem VfL Wolfsburg im Finale der Champions League am Sonntag noch jenen Titel gewinnen würde, der ihr noch fehlt. "Das war mein bestes Jahr in Wolfsburg", hatte sie Ende Juni gesagt. Nun also könnte ihr bestes auch ihr letztes Jahr in der Bundesliga gewesen sein.

© SZ vom 30.08.2020/jbe

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