Deutsche Olympiabewerbung:Noch ein Dämpfer - und noch mehr Kosten

Deutsche Olympiabewerbung: Olympiabewerbung für München? Denkbar. Aber es gebe auch in anderen Städten schöne Stadien, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert.

Olympiabewerbung für München? Denkbar. Aber es gebe auch in anderen Städten schöne Stadien, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert.

(Foto: Leonhard Simon)

Lieber Sommer als Winter: Der deutsche Sport beschließt den nächsten Schritt seiner neuen Olympiabewerbung. Doch statt der erhofften Unterstützung der Bundesregierung gibt es neue Konfrontation.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Der Besuch der Innenministerin ist rekordverdächtig kurz. Nancy Faeser kommt wegen des schlechten Wetters leicht verspätet zur Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und kaum ist sie im Saal, muss sie schon auf die Bühne. Sie hält ihre Rede, hört sich den Vortrag des DOSB-Präsidenten Thomas Weikert an - und verschwindet wieder.

Faesers sportliches Augenmerk an diesem Samstag gilt nicht dem DOSB, sondern der Gruppenauslosung der Fußball-EM in Hamburg. Von dort ist sie zum DOSB-Konvent eingeflogen, dorthin entschwindet sie wieder. Zwischendurch erzeugt sie bei den Delegierten großen Unmut.

Deutsche Olympiabewerbung: Inhaltlich viel weiter auseinander, als es das Bild nahelegt: DOSB-Präsident Thomas Weikert verabschiedet Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bei der Mitgliederversammlung in Frankfurt.

Inhaltlich viel weiter auseinander, als es das Bild nahelegt: DOSB-Präsident Thomas Weikert verabschiedet Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bei der Mitgliederversammlung in Frankfurt.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Denn diese Mitgliederversammlung ist ein Moment, von dem sich der deutsche Sport neuen Rückenwind für seinen nächsten Olympia-Anlauf erhofft. Dabei kommt es entscheidend auf die Unterstützung der Politik an. Aber Faeser bekennt sich nur grundsätzlich, dass die Bundesregierung eine Bewerbung unterstützt. Sonderlich kraftvoll tritt sie dabei nicht auf - vor allem macht sie keinerlei konkrete Ausführungen zur finanziellen Unterstützung durch den Bund. Und nicht nur deshalb erweist sich dieser als Aufbruchssignal gedachte Tag als nächster Dämpfer in einer ohnehin wenig aussichtsreichen Kampagne.

Der DOSB wollte in Frankfurt ursprünglich einen konkreten Kandidaten benennen

Man kann bei diesem kleinschrittigen Bewerbungsprozess des DOSB ja leicht durcheinander kommen. Vor einem Jahr hatte er beschlossen, dass in Frankfurt ein konkreter Kandidat für ein konkretes Datum gekürt werden soll. Doch das passiert nicht. Stattdessen verabschiedet der Dachverband lediglich einstimmig eine "Frankfurter Erklärung". Diese besagt, dass sich der deutsche Sport (nach zuvor sieben gescheiterten Anläufen) wieder bewerben will - und im Laufe des nächsten Jahres ein konkretes Konzept entstehen soll.

Die Kandidatenwahl - aus dem Quintett München, Hamburg, Berlin, Leipzig sowie Rhein/Ruhr werden mindestens zwei als Co-Veranstalter ausgewählt - soll erst im Sommer fix sein, die formale Bewerbung bei der Mitgliederversammlung in einem Jahr erfolgen. Die Befragung der Bevölkerung, ursprünglich avisiert für Spätsommer 2024, ist nun erst für 2025 angedacht. Präferiert ist eine Kandidatur für Sommerspiele, die Option für Winterspiele soll aber offen bleiben.

Dabei schafft es der DOSB mal wieder, noch mehr Verwirrung zu stiften, sobald es konkret wird. Denn es ist international völlig klar, dass Deutschland für die Sommerspiele 2036 keine Chance hat. In der Frankfurter Erklärung steht dennoch dieser Satz: "Eine Bewerbung für 2036 muss erfolgen, weil dies die nächsten Spiele der Sommer-Edition sind, die vom IOC vergeben werden." Präsident Weikert erklärt dann wiederum in der Pressekonferenz, es sei "denkbar", dass man sich nur für 2040 bewirbt.

Sparzwang: DOSB erhöht Mitgliedsbeiträge - doch der neue Olympia-Fahrplan kostet

Noch ein Beispiel: Bisher galt es als abgemacht, dass Berlin oder München Teil der Bewerbung sein müssten - weil der DOSB stets behauptet, er würde sein Konzept so gestalten, dass nichts neu gebaut werden muss. Und nur in diesen beiden Städten stehen Olympiastadien. Aber das weicht Weikert am Samstag im ZDF-Sportstudio auf: Er wolle nicht sagen, dass Berlin oder München sicher dabei seien, denn es gebe auch in anderen Städten schöne Stadien.

In jedem Fall wirkt sich das alles unmittelbar auf die Finanzen des DOSB aus. Laut ursprünglichem Fahrplan wollte der DOSB das erste Jahr des Prozesses aus Eigenmitteln finanzieren - ehe die Partner aus der Politik einsteigen. Eine Million Euro kostete das den Dachverband bislang, nun muss er noch mal 750 000 nachschießen. Insgesamt macht das also schon 1,75 Millionen Euro für den DOSB. Und das in einer Zeit, in der er sogar die Mitgliedsbeiträge erhöht, weil er massiv sparen muss. Nun kostet die Olympiabewerbung fast so viel, wie ein Jahr höhere Beiträge bringen.

Also zapft der DOSB für die Fortführung des Olympia-Prozesses sogar eine stille Reserve an: Denn ausweislich des Wirtschaftsplans ist das frische Olympia-Geld ein Zuschuss der "Stiftung deutscher Sport", die lange diskret im Hintergrund wirkte, ehe ihr bisweilen schwer nachvollziehbares Tun vor einem Jahrzehnt aufflog. Der Vorteil für den DOSB: Der Beirat dieser Stiftung ist personengleich mit seinem Präsidium. Er kann dort also Gelder so hin und her buchen, wie es ihm passt.

Die Innenministerin äußert sich in puncto Finanzen nur vage

Insgesamt, so lässt es sich aus einem Beitrag von Weikert bei der Pressekonferenz entnehmen, kalkuliert der DOSB damit, dass die Bewerbung in den nächsten Jahren einen mittleren einstelligen Millionenbetrag kostet. Wobei der Dachverband hofft, dass dann eben auch die Politik einsteigt. Die fünf interessierten Städte unterzeichneten bereits ein "Memorandum of Understanding", die Bundesregierung hingegen angesichts der aktuellen geltenden Haushaltssperre nicht. Innenministerin Faeser sagte in Frankfurt nur vage, man sei sich der "finanziellen Verantwortung" bewusst.

Selbst wenn die notwendigen Millionen für den Bewerbungsprozess noch im Sinne des DOSB fließen sollten, sind das bemerkenswerte Vorzeichen für eine andere Frage. Denn der DOSB muss bald konkret beziffern, wie viel das Olympiaprojekt kosten würde. Längst sind bei Olympischen Spielen Kosten im zweistelligen Milliardenbereich Standard - und bis zum avisierten Ausrichterdatum 2036/2040 vergehen noch einige Jahre, in denen die Preise steigen. Schon bei der Bewerbung Hamburgs für Sommerspiele 2024 konnten sich Bund und Land nicht auf ein Finanzierungskonzept einigen - und verglichen mit heute ging es dem Land finanziell und wirtschaftlich damals erheblich besser.

Dafür produziert der DOSB in diesem Kontext einen weiteren Konflikt mit der Bundesregierung. Denn er vollzieht bei der Frage, wie mit Sportlern aus Russland und Belarus umgegangen werden soll, eine Kehrtwende - und driftet ins Lager des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und dessen deutschen Präsidenten Thomas Bach.

IOC-Präsident Bach geht Regierung wegen Visa-Drohung gegen russische Sportler an

Viele Weltverbände lassen russische Sportler längst wieder starten, auch für die Sommerspiele in Paris steht eine solche Entscheidung an. Der Widerstand, der einst aus vielen westlichen Staaten kam, ist inzwischen deutlich leiser geworden; führende deutsche Politiker äußern sich aber noch entsprechend. IOC-Präsident Bach ging die Bundesregierung zuletzt scharf an, nachdem sie gedroht hatte, einzelnen russischen Sportlern Visa zu verweigern.

Der DOSB hatte ursprünglich sogar ein eigens erstelltes Gutachten publiziert, das erklärte, warum ein Ausschluss russischer Sportler völkerrechtlich okay sei. Nun räumt der DOSB dies alles beiseite und warnt die Bundesregierung davor, dass sie mit ihrem Kurs sportliche Großveranstaltungen unmöglich mache. "Die Welt verändert sich", sagte Weikert: Er erwarte daher "auch von der deutschen Politik, dass dort entsprechend reagiert wird". Innenministerin Faeser hingegen erklärte, die Bundesregierung bleibe bei ihrem Kurs.

In der Lausanner IOC-Zentrale dürften sie auch das aufmerksam vernommen haben.

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