Biathletin Vanessa Voigt bei Olympia:Gegen alle Erwartungen

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Biathletin Vanessa Voigt bei Olympia: "So richtig abgehakt ist es immer noch nicht": 1,3 Sekunden fehlten Vanessa Voigt im Einzel zu einer Medaille.

"So richtig abgehakt ist es immer noch nicht": 1,3 Sekunden fehlten Vanessa Voigt im Einzel zu einer Medaille.

(Foto: David Ramos/Getty Images)

Eine wie Vanessa Voigt hat es im deutschen Biathlon zuletzt nicht gegeben: Taucht im Weltcup auf, direkt zu Olympia, fast eine Medaille. Auf dem Weg hat ihr auch die Geschichte von Gewichtheber Matthias Steiner geholfen.

Von Saskia Aleythe, Zhangjiakou

Wenn Vanessa Voigt an den olympischen Moment denkt, der sie als Kind am meisten geprägt hat, denkt sie an eine Turnhalle. Nicht an Schnee, sie hat nicht mal Skier im Kopf, dabei wäre es ein Leichtes, die Biathleten aus der näheren Umgebung aufzuzählen. Voigt kommt aus Seligenthal in der Nähe von Oberhof, aus der Region stammen so einige, die große Erfolge feiern konnten: Andrea Henkel, Kati Wilhelm oder Erik Lesser etwa. Ihren größten Fan-Moment aber, den hat Voigt beim Olympiasieg des Gewichthebers Matthias Steiner erlebt.

Voigt gehörte vor einem Jahr noch nicht zum deutschen Weltcup-Team, nun ist sie zum ersten Mal bei Olympischen Spielen dabei, gleich Vierte im Einzel geworden, und natürlich: Sie hat ein paar Tage gebraucht, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Auch wegen Corona. "Drumherum ist ja wirklich viel los mit all den Leuten, die wirklich total vermummt sind", sagt sie. Die weißen Männchen, die die PCR-Tests abnehmen, sie haben die 24-Jährige amüsiert. Ein bisschen aufregend ist das schon alles, aber aufregend waren für Voigt auch die vergangenen Jahre. Und dass die Biathletin nun in China am Start steht, hat auch damit zu tun, wie sie mit ihren Erlebnissen umgeht.

Vor eineinhalb Jahren stellt ein Knorpelschaden in der Schulter alles in Frage

Peking, 2008: Matthias Steiner wird zum Gesicht der Spiele, es ist die Geschichte hinter seinem Gold, die viele bewegt. Weil er es nach dem Tod seiner Frau geschafft hat, weiterzumachen. Und jetzt, wo die begehrtesten Titel im Sport wieder in Peking und der angrenzenden Bergregion vergeben werden, ist Vanessa Voigt dabei, sie sagt: An Steiner habe man sehen können, "dass Kraft nicht immer nur mit Gewichtestemmen zu tun hat. Sondern, dass sich auch ganz viel im Kopf abspielt. Ich glaube, das ist bei jeder Sportart so."

Vor eineinhalb Jahren musste Voigt operiert werden, sie hatte einen Knorpelschaden in der Schulter, konnte den Arm nicht mehr heben. "Die Ärzte haben gesagt: Das mit dem Leistungssport stellen wir erst mal hinten an. Wir müssen erst mal schauen, dass es wieder so funktioniert", sagt sie. Mit zwölf Jahren war sie schon ans Ski-Internat gewechselt, für ihren Traum vom Biathlon.

Biathletin Vanessa Voigt bei Olympia: Nach ihrem beeindruckenden Lauf im Einzelrennen sinkt Vanessa Voigt völlig erschöpft zu Boden.

Nach ihrem beeindruckenden Lauf im Einzelrennen sinkt Vanessa Voigt völlig erschöpft zu Boden.

(Foto: Athit Perawongmetha/Reuters)

Eine wie Voigt hat es im deutschen Biathlon zuletzt nicht gegeben: Es ist selten, dass jemand im Weltcup auftaucht und sich gleich im Team behauptet. 2020 die Schulter-OP, auch Zysten mussten entfernt werden, acht Wochen konnte sie mit der Waffe gar nichts machen. Den zweitklassigen IBU-Cup gewann sie dann trotzdem. Nach ihrem Weltcup-Debüt zum Ende der vergangenen Saison nutzte Voigt ihre ersten Chancen in diesem Winter: Ein zwölfter Platz im Einzel, ein zehnter im Sprint Anfang Dezember, da war die Verbandsnorm für Peking schon geknackt.

Olympia war bis dahin nur ein heimlicher Traum von Voigt gewesen, sie dachte noch nicht an diese Spiele, eher an die in vier Jahren. Als sie sich dann die Outfits der Nationalmannschaft abholen konnte, war das "sehr besonders", sagt sie. "Wenn dir alle viel Erfolg wünschen für die Olympischen Spiele ... man hat sich da so stolz und auch geehrt gefühlt."

Das Schießen ist ihre große Stärke, fast 90 Prozent der Scheiben versenkt sie zuverlässig; sie ist eine der Besten. Auch, weil es sie in der Regel wenig beeindruckt, wenn um sie herum die Konkurrentinnen die Projektile abfeuern. Mit einem mentalen Kniff kann sie sich nur auf sich und die Waffe konzentrieren. Wenn sie die Matte sieht, fährt ihr ein spezielles Wort in den Kopf, Voigt kommt in "einen Flow-Zustand", wie sie es selbst nennt: "Ich vergesse dann alles um mich herum." Das klappt oft, aber nicht immer. Bei ihrem Olympia-Debüt mit der Mixed-Staffel am vergangenen Samstag fabrizierte sie als Startläuferin gleich zwei Strafrunden. Ein Auftakt, der lange an einem nagen kann. Voigt stellte Skier, Stöcke und Waffe in die Ecke, ließ auch das Training aus. Nicht aus Frustration, Voigt sagte sich: "Ich weiß, dass ich's kann."

Als der erste Schuss danebengeht, fragt sie: "Geht es jetzt schon wieder so los?"

Biathlon einfach Biathlon sein lassen, sie braucht das manchmal. Im vergangenen Sommer hat sie "einen großen Schritt gewagt", sagt Voigt, sie trainierte nun zwei Wochen pro Monat auch in Ruhpolding, zwei Wochen weiterhin in der Heimat. In Oberhof gebe es alles, um ein richtig guter Biathlet zu werden, sagt sie, "aber wenn du tagtäglich niemanden im Training hast, an dem du dich messen kannst, ist es schwer einzuschätzen, wo du gerade stehst". In Bayern trainiert sie bei Frauen-Bundestrainer Kristian Mehringer und mit anderen aus dem deutschen Team, vor allem auf der Loipe hat sie sich stark verbessert. Die Schulter bleibt eine neuralgische Stelle, "da muss man immer dran arbeiten, seine Übungen machen".

Biathletin Vanessa Voigt bei Olympia: Ein bisschen Heimat bei Olympia in Peking: Vanessa Voigt umarmt ihren Bruder Kevin.

Ein bisschen Heimat bei Olympia in Peking: Vanessa Voigt umarmt ihren Bruder Kevin.

(Foto: Frank Augstein/AP)

Zurück in Zhangjiakou, zwei Tage nach der Enttäuschung mit der Staffel kommt Voigt im Einzel wieder an den Schießstand, der erste Schuss: vorbei. "Das war natürlich nicht so einfach", sagt sie, "bei allem, was zuvor passiert ist. Ich wusste nicht: Geht es jetzt schon wieder so los?" Die folgenden 19 Scheiben traf sie, wurde Vierte, ihr bestes Karriereresultat. Seit diesen Fernsehbildern, wie sie gleich nach dem Zieleinlauf ihren Bruder umarmte - er arbeitet als Fotograf bei Olympia -, ist Voigt vielen Menschen ein Begriff: Wer fährt denn das erste Mal zu Olympia und schrammt gleich an Bronze vorbei - um 1,3 Sekunden?

Natürlich hätte sie auch allzu gerne auf dem Podium gestanden mit Denise Herrmann, der Olympiasiegerin. Der Schmerz über die verpasste Gelegenheit wird nicht automatisch kleiner, nur weil man frisch dabei ist. "So richtig abgehakt ist es immer noch nicht", sagt Voigt ein paar Tage später, immer mal wieder hat sie "fünf Minuten", in denen sie sich mit diesen 1,3 Sekunden beschäftigt und fragt: Wo hätte ich die noch rausholen können? Die Schlussrunde war es jedenfalls nicht, niemand sonst war da so fix unterwegs wie sie. "Vielleicht sollte es so sein", sagt sie, "damit ich noch motivierter in die nächsten Rennen gehen kann."

Benedikt Doll und Philipp Nawrath haben ihr im Anschluss eine Medaille gebastelt, mit einer Vier vorne drauf. Eines ist jetzt schon sicher: Vanessa Voigt ist angekommen im deutschen Team.

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