Biathlon:Presswehen übers Smartphone

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Biathlon: Leif Nordgren traf in seinem olympischen Rennen nur 13 von 20 Scheiben. Die Gedanken des US-Amerikaners waren eher bei seiner neugeborenen Tochter.

Leif Nordgren traf in seinem olympischen Rennen nur 13 von 20 Scheiben. Die Gedanken des US-Amerikaners waren eher bei seiner neugeborenen Tochter.

(Foto: Lars Baron/Getty)

Der amerikanische Biathlet Leif Nordgren wird im Olympischen Dorf Vater - mehr als 10.000 Kilometer von der Geburt entfernt. Während seine Frau im US-Bundesstaat Vermont entbindet, sitzt er in einem chinesischen Hotelzimmer.

Von Saskia Aleythe, Zhangjiakou

Biathlon ist eine Sache des Timings. Manchmal muss man eine Böe erst abwarten, bevor der nächste Schuss abgegeben werden kann. Oft ist Geduld angesagt, um den Konkurrenten erst dann auf der Loipe zu attackieren, wenn es am klügsten ist. Mit Timing hat sich US-Biathlet Leif Nordgren also schon beschäftigt in seinem Leben, vor 14 Jahren gab er sein Debüt im Weltcup, gerade erlebt er seine dritten Olympischen Spiele. Doch diesmal versagte sein Gespür für den richtigen Zeitpunkt völlig.

Olympia kommt nicht einfach so um die Ecke, man kann ziemlich genau vorhersagen, wann es ein schlechter Tag ist, um - sagen wir mal - zum ersten Mal Vater zu werden. Für Nordgren kam nun trotzdem beides zur gleichen Zeit: Am Montagmorgen nach Peking-Zeit wurde er Papa, quasi live im Olympischen Dorf. Er war per Videotelefonie dabei, als seine Frau daheim in Hinesburg im Bundestaat Vermont gebar, lauschte den Presswehen übers Smartphone, mehr als 10.000 Kilometer entfernt. "Es war sehr schön, per Video dabei zu sein und mit meiner Frau die ganze Zeit reden zu können", fand Nordgren, es sei ein "sehr besonderer Tag" für ihn und seine Familie gewesen. Und dabei hockte er in einem Hotelzimmer in der chinesischen Provinz.

Einen Tag nach der Geburt belegt er im Einzelrennen Rang 87 - von 92 Startern

Seit Anfang November ist Nordgren schon nicht mehr zu Hause gewesen, um sich auf die Rennen in Zhangjiakou vorzubereiten. 2008 gewann er Verfolgungs-Bronze bei der Junioren-WM in Ruhpolding, nun soll es seine letzte Saison im Biathlon sein. Von den Medaillen ist er so weit entfernt wie die chinesische Mauer von der Arena, in der Weltcup-Gesamtwertung taucht er gar nicht auf. Punkte gibt es nur für die, die es diese Saison unter die besten 40 geschafft haben. Nordgrens Leistungen abseits der Staffeln: Die Plätze 103, 103, 91, dann wurde er sogar in den zweitklassigen IBU-Cup geschickt, kam zurück mit Rang 54. Nicht unbedingt das Vermögen, mit dem eine Medaille in Reichweite wäre.

Den olympischen Traum wollte er trotzdem leben, "ich habe so lange dafür gearbeitet und will meine Karriere auf gute Weise beenden". Ins Olympia-Team hat er es geschafft, weil jede Nation mit vier Startern pro Geschlecht antreten darf, die Staffeln müssen ja besetzt werden. Seine Frau Caitlin Napoleoni war früher Langläuferin und unterstützte ihn - laut Nordgren - bei der Entscheidung, die Spiele nun allem anderen vorzuziehen. "Wir lieben beide Sport so sehr." Nach Olympia ist die Tochter aber nicht benannt, sie heißt Astrid Lynae. Bei der WM in Antholz vor zwei Jahren hat Nordgren einen achten Platz im Einzel erreicht, bei Olympia markiert der 44. Platz im Sprint in Sotschi 2014 sein bestes Ergebnis. Aber Medaillen für US-Biathleten gab es in den vergangenen Jahren schon, einmal WM-Gold für Lowell Bailey, zwei Mal Silber für Susan Dunklee.

Als Nordgren am Dienstag in sein Einzelrennen startete, waren die Gedanken in der Heimat. "Es war sehr hart, um ehrlich zu sein. Ich stand im Warm-Up-Bereich und habe an meine Familie gedacht, dann kamen die Tränen", sagte Nordgren der NBC, bei dem Sender arbeitet seine Frau als Meteorologin. Von 20 Scheiben traf er dann nur 13, mit sieben Strafminuten landete Nordgren am Ende auf Platz 87 - bei 92 Startern. Ob er seine Prioritäten richtig gesetzt hat? "Ich kann es kaum erwarten, dass die Spiele vorbei sind und ich nach Hause kann", sagte Nordgren noch, "es ist sehr aufregend, zu etwas so Großartigem heimzukehren."

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