Gewichtheben bei Olympia:Lasten im Gegenwert von Jungelefanten

Weightlifting - Olympics: Day 12

Mindestens 30 Eier in der Woche: Der Ernährungsplan des jungen niederländischen Hebers Kofi Enzo Kuworge.

(Foto: Chris Graythen/Getty Images)

Zwischen Körperschau, Doping und Korruptionsskandalen: In Tokio treten die Gewichtheber auf Bewährung an. Die komplettverseuchte Traditionssportart hat eine ungewisse Zukunft im Olympiaprogramm.

Von Holger Gertz, Tokio

Der Gewichtheber Enzo Kofi Kuworge, 19 Jahre alt, wäre womöglich ein geeigneter Mann der Zukunft, er tritt allerdings in einer Sportart an, deren Zukunft unsicher ist. Aber dazu später. Erst mal ist Enzo Kofi Kuworge zu beglückwünschen, wie jeder Athlet, der es zu Olympia schafft, und erst recht wie jeder Athlet, der nicht gerade aus einer Hochburg seiner Disziplin kommt. Kuworge, Vater aus Ghana, Mutter aus Holland, ist in Nijmegen geboren, er trat also auf die Heberbühne von Tokio im schwarzen Outfit mit Oranje-Logo der Niederlande, die für ihre Spitzenfußballer und Spitzeneisschnellläufer bekannt sind. Der letzte Gewichtheber aus den Niederlanden griff 1968 in Mexico City ins Geschehen ein, und Olympiasuperkenner könnten hier mit 100 von 100 Punkten rechnen, wenn sie beim Quiz sagen könnten, wer es war: Pieter van der Kruk, nur noch die Älteren werden sich erinnern.

Kuworge, Gewichtsklasse +109 kg, hat die Verlegung der Spiele um ein Jahr gutgetan, er hat an Stabilität, auch an Gewicht zugelegt. Das ist nach wie vor ein Reiz, sich das anzusehen bei Olympischen Spielen, die ja immer auch eine Körperschau sind: wie superschwere Jungs superschwere Hanteln stemmen, Lasten im Gegenwert von Jungelefanten. Es hat etwas Archaisches, und dazu passt auch die herzenswarme Geschichte, die bei den Experten des Newsdienstes Inside the games über Kuworge zu lesen war: "Seine unglaublich stolze Mutter serviert seine Mahlzeiten in einer dieser riesigen Obstschalen, die normalerweise zur Präsentation und nicht zum Essen verwendet werden." Der Speiseplan ihres Sohnes verlange ihr, was die Nahrungsorganisation angeht, einiges ab: "Ich muss mindesten dreißig Eier in der Woche kaufen."

Dieser Popeye-artige Charme spielte immer mit rein, wenn man übers Gewichtheben nachdenkt: Wer gut isst, wird groß und stark und kann am Ende die Besatzung eines Ponyhofs in die Luft stemmen. Aber die Sportart, im wahren Leben von Doping-Skandalen immer schon ordentlich verschattet, hat zuletzt auch noch mit Vertuschung und Korruption auf allerhöchster Ebene im Weltverband zu tun gehabt, und weil die Reformbereitschaft nicht so war, wie sie hätte sein sollen, heben die Heber und Heberinnen auf Bewährung bei den Spielen in Tokio. Kann sein, dass die komplettverseuchte Traditionsdisziplin, seit 1896 im Programm (damals noch einarmig oder beidhändig) wenigstens vorübergehend mal aus dem Angebot genommen wird. Eine Zeit der Reinigung könnte angesagt sein, damit die Oberfürsten da mal wieder klarkommen.

15 Goldmedaillengewinner der vergangenen drei Spiele wurden des Dopings überführt

Einer wie Enzo Kofi Kuworge könnte sich noch einiges von der Zukunft versprechen, wenn es sie denn gäbe. Die Wegzehrung durch seine Mutter - der Bub schätzt ihre Spaghetti Bolognese - würde ihn weit nach vorn bringen, in Tokio waren die anderen starken Männer erst mal noch stärker. Dritter wurde der Syrer Asaad, Zweiter der Iraner Davoudi, alle natürlich chancenlos gegen den Georgier Lascha Talachadse, Volksheld und Seriensieger, der Djokovic der Eisenstemmer, der stärkste Mann der Welt. Allerdings auch keiner, bei dem die Kraft aus dem Eierkarton kommt, sondern schon mal überführter Dopingtäter, natürlich. Im Reißen brachte er gleich mal 223 Kilo nach oben, er stieß 265 Kilo, 488 Kilo total, alles Weltrekord natürlich, weil's ja im Gewichtheben noch immer keine Grenzen gibt. Was immer ein Alarmsignal ist. Danach saß Talachadse backstage auf einem Stühlchen und gab einem Ordner schwungvoll ein Autogramm.

Für Enzo Kofi Kuworge (409 Kilogramm total) reichte es am Ende für Platz 6, aber im Gewichtheben sortiert sich das Feld nach den Spielen gern neu, bei Nachtests wird ein Gewinner nach dem anderen rausgezogen, und wer erwischt wird, muss die Medaille zurückschicken. 15 Goldmedaillengewinner der vergangenen drei Olympischen Spiele sind bislang des Dopings überführt worden.

So ist für den Niederländer der Wettkampf noch nicht beendet. Wenn die Gewichtheber künftig genauer hinschauen, und wenn bei ihm tatsächlich Mutters Küche so gut ist, und nur Mutters Küche, geht's im Ranking von Tokio vielleicht nachträglich noch mal ein Stück nach vorne. Nach den Spielen, die für die Kraftgestalten womöglich erst mal die letzten gewesen sein könnten.

© SZ/bkl/pps/lfr
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