Olympia:Wenn Grenzen sich auflösen

Weightlifting - Women's +87kg - Group A

Kleine Gewichte für eine Gewichtheberin, große geschulterte Lasten für alle Transgender-Sportler: Laurel Hubbard in Tokio.

(Foto: Edgard Garrido/Reuters)

Die Gewichtheberin Laurel Hubbard ist die erste Transathletin bei Olympischen Spielen. Der Sport muss in Tokio auch Fragen verhandeln, die eine Nummer zu groß für ihn wirken.

Von Holger Gertz, Tokio, und Johannes Knuth

Neulich in Tokio. Eine Gewichtheberzeitung liegt am Eingang des Pressezentrums aus, Porträt der Neuseeländerin Laurel Hubbard auf dem Cover. Wie es so ist: Man nimmt die Zeitung mit an seinen Arbeitsplatz und sieht sich sogleich unerwartetem Interesse ausgesetzt von einem japanischen Fernsehteam, das einen, nur weil diese Zeitung da herumliegt, für einen Experten im Reich des Stoßens und Reißens hält. Das Mikro ist gleich ausgefahren zum Interview: "What do you know about Laurel Hubbard?"

Das ist eine gute Frage, eine große Frage. Wer ist jetzt Laurel Hubbard, 43? Als Mann geboren, Gewichtheber gewesen, und dann vom Bewusstsein erfasst, sich als Frau zu sehen. Geschlechtsangleichung, Hormonbehandlung, Testosteronwert so weit runter, dass er den Vorgaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) genügt. Seit 2017 startet Hubbard als Gewichtheberin gegen andere Gewichtheberinnen, sie ist die erste Transathletin bei Olympia. Die Olympia-Strategen mögen das: wenn Grenzen sich auflösen. Die Olympia-Strategen bringen es fertig, bei der Eröffnungsfeier "Imagine, there's no country" tremolieren zu lassen, kurz nach dem Einmarsch der Nationen. Die Grenzenlosigkeit der Welt beschwören und aus den Grenzen, die es in der Welt gibt, den Wettbewerbsreiz ableiten: Das ist die Doppelwelt Olympias.

Was das mit Laurel Hubbard zu tun hat? Dass sie einerseits gefeiert wird von Menschen, die die Auflösung aller Grenzen als Königsweg zum Glück sehen. Die andererseits, als Sportlerin, antritt in einem Feld, in dem Geschlechter absichtsvoll getrennt voneinander antreten. In vielen Disziplinen sind Frauen den Männern nun mal körperlich unterlegen. Entlang dieser Frage hangelt sich auch die Geschichte von Laurel Hubbard, permanent Auslöserin einer Gerechtigkeitsdebatte, auch unter den Heberinnen selbst. Wer eine männliche Pubertät durchlaufen hat - Forschungen weisen darauf hin -, könnte einen Wettbewerbsvorteil haben, wenn sie später als Frau startet. Es ist eine Frage von früh angelegter Knochenfestigkeit und einer Muskelmasse, die sich auch hormonell nicht verlässlich runterregeln lässt.

Laurel Hubbard hätte zu all dem viel und womöglich Entscheidendes erzählen können, aber sie hatte seit vier Jahren vor den Spielen kein Interview gegeben. Auch in Tokio war viel von ihr die Rede, aber sie war leibhaftig nicht zu sehen, ganz spät erst am Montag in der Gewichtheberhöhle, die sie in einem riesigen Kongresszentrum eingerichtet haben. Es dauerte, bis sie dran war, in der Kategorie +87 Kilogramm, Superschwergewicht.

Was Hubbard und dem IOC noch bevorstehen könnte, lässt sich auch mit einem Schwenk zu einer baugleichen Debatte erahnen: um Leichtathletinnen wie die Südafrikanerin Caster Semenya. Es ist eine Geschichte, die schon seit Jahren mit sich selbst im Kreis läuft.

Ob das die Sache besser macht: eine Minderheit erst dann als Frauen zu akzeptieren, wenn sie ordentlich Medikamente schlucken?

Semenya durchlief früher nicht die männliche Pubertät, wie viele Transathleten. Sie ist mit der Veranlagung 46XY ausgestattet, wurde also als Frau sozialisiert, hat aber einen Chromosomensatz, der nach und nach männliche Eigenschaften herausbildet, einen höheren Testosteronspiegel etwa. Wie sehr sie davon profitiert, ist sehr umstritten. Dass sie einen Vorteil hat, ist offensichtlich, ähnlich wie bei Hubbard. Semenya wurde über die 800 Meter allerdings schon zwei Mal Olympiasiegern und drei Mal Weltmeisterin, ihre Leistungen rauschten erst in den Keller, als ihr der Weltverband vorschrieb, ihren Testosteronspiegel unter einen Grenzwert zu zwängen, wollte sie bei den Frauen starten. Dieser Grenzwert ist doppelt so scharf wie jener des IOC.

Aber ob das die Sache besser macht: eine Minderheit erst dann als weiblich zu akzeptieren, wenn sie ordentlich Medikamente schluckt? Aus Sicht vieler Konkurrentinnen, die jahrelang hinter Semenya herhechelten, vermutlich schon. Die sahen in der Teilhabe der Südafrikanerin keine Inklusion, sondern das Ende des Frauensports. Semenya konnte freilich wenig dafür, dass die Natur nicht so scharf trennt wie der Sport mit seinen binären Klassen, und von ihrer Veranlagung erfuhren sie und ähnlich veranlagte Athletinnen oft erst, als sie ihren Sport in den Boden gerannt hatten. Aber muss sich eine Mehrheit deshalb zwingend einer Minderheit beugen? Die nächste große Frage.

Die Leichtathleten haben ihre Entscheidung jedenfalls gefällt, sie haben ihre Grenzen eher geschlossen und nicht aufgeweicht, wie das IOC - mit allen Erschütterungen, die das nach sich zieht. Vor Tokio traf es zwei weitere Athletinnen, mindestens, Christine Mboma und Beatrice Masilingi. Beide aus Namibia, beide 18, beide irre schnell über die 400 Meter, 48,54 und 49,53 Sekunden. Und beide offenbar mit der gleichen Veranlagung wie Semenya ausgestattet. Also waren sie eben raus, für die 400 Meter zumindest. Die Nachricht verbreitete sich so schnell, dass Masilingi sie zuerst in den sozialen Netzwerken las, wo sich beides ballte: die Empörung über den Grenzwert und das Geraune, was Männer in der Frauenklasse zu suchen hätten.

Masilingi und Mboma sind übrigens trotzdem in Tokio: Über die 200 Meter schafften sie es ins Finale am Dienstag, Mboma sogar als Zweitschnellste in 21,97 Sekunden. Die Strecke ist ja nicht von der Testosteronregel erfasst, noch nicht. Die nächste unendliche Geschichte?

Um ihre eigene Geschichte abzurunden, trat die Gewichtheberin Laurel Hubbard am Montagabend dann also auf die Bühne. Und man konnte ihr zunächst nur dabei zusehen, dass auch einer Gewichtheberin von Rang Gewichte manchmal zu schwer werden. Hubbard blieb ohne gültigen Versuch, und später sagte sie dann tatsächlich doch noch etwas, durchaus mit feiner Ironie. Ihr sei nicht "völlig entgangen", dass ihre Anwesenheit die Kontroversen befeuert habe, aber sie sei dem IOC sehr dankbar, dass es sich "zu den olympischen Prinzipien bekannt habe: dass Sport für alle Menschen inklusiv und zugänglich ist".

Das IOC hat zuletzt übrigens angekündigt, die Regeln für Transathletinnen noch mal zu überprüfen. Nach den Spielen.

© SZ/jkn/lein/lib/fhas/cat
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