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Özil-Debatte:Grindel schlittert ins nächste Politikum

DFB-Präsident Reinhard Grindel.

(Foto: AFP)
  • DFB-Präsident Reinhard Grindel attackiert Mesut Özil, weil der sich in London nicht mit Bundestrainer Joachim Löw und Oliver Bierhoff traf.
  • Man habe Özil zwar auch den WM-Titel zu verdanken, sagt Grindel - "aber er hat auch Jogi Löw eine ganze Menge zu verdanken"
  • Doch auf die Kernfrage hat er keine Antwort: War das Gespräch vereinbart oder nur angekündigt?

Gemessen am Jubel des Präsidenten Reinhard Grindel fiel besonders auf, wie zurückhaltend die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Donnerstag den Zuschlag für die EM 2024 aufnahm. Mit der Türkei stand, wie das klare 12:4 am Donnerstag im Uefa-Hauptquartier in Nyon verriet, kein Rivale auf Augenhöhe im Ring; die Vorstände von Europas Fußballunion wollten ihr Turnier nicht in ein ökonomisch und politisch immer instabileres Land vergeben. Mit dem Organisationsvertrag im Gepäck trat der DFB-Tross also die Heimreise an - und mit internen Verwerfungen um Boss Grindel, die noch am Abend des EM-Erfolges aufflackerten.

Seit Tagen befürchten Insider, dass der ob seiner vielen Ausrutscher umstrittene Verbandschef gleich nach der Kür in Nyon jenes Reizthema wieder akzentuieren werde, das offenbar über Wochen in ihm brodelte: Mesut Özil und dessen Abschied aus der Nationalelf. Dass sich Grindel für Samstag mit dem ZDF-Sportstudio verabredete, hob die allgemeine Alarmstimmung. Aber nun ritt er die erste Attacke schon am Donnerstagabend.

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Erfolgloser London-Besuch

"Ich finde es nicht richtig, dass man angesichts der Vorwürfe, die Mesut Özil erhoben hat, nicht ins Gespräch kommen kann", sprach Grindel - und bezog sich auf einen London-Besuch von Bundestrainer Joachim Löw und Nationalelf- Manager Oliver Bierhoff Anfang der Woche, der ohne ein von beiden erhofftes Treffen mit Özil endete. Dazu Grindel: Man habe Mesut Özil zwar auch den WM-Titel zu verdanken - "aber er hat auch Jogi Löw eine ganze Menge zu verdanken, und ich finde, dass es sich gehört, ein persönliches Gespräch zu führen".

Die Frage ist aber: Hat Özil ein Gespräch platzen lassen? Oder war gar keines vereinbart? Der Spieler muss sich ja nicht vorschreiben lassen, ob, wann und wo ein solches stattzufinden hätte. Diesen Eindruck aber haben die DFB-Emissäre Löw und Bierhoff erweckt, als sie am Montag zwecks Kontaktaufnahme auf dem Gelände von Özils Arbeitgeber FC Arsenal auftauchten. Zuvor hatte der DFB über Wochen vergeblich eine Verbindung zu Özil gesucht. Im Arsenal-Camp traf die Nationalteam-Leitung dann zwar alte Bekannte wie Per Mertesacker, nicht aber den Mann, bei dessen Berater sich Bierhoff eigens angekündigt hatte. Özil habe, heißt es in seinem Umfeld, keine Lust gehabt; ob er dabei auch den pikanten Zeitpunkt kurz vor der EM-Kür im Blick hatte, bleibt dahingestellt. Seinem eng ins Thema eingebundenen Berater dürfte die Zeitschiene der DFB- Gesprächsversuche kaum entgangen sein.

So oder so könnte Grindel, der über den Arsenal-Besuch informiert war, mit seiner Kritik am sturen Özil flott ins nächste Politikum schlittern. Denn warum sollte so ein Gespräch unbedingt vor der EM-Vergabe stattfinden? War es als Schachzug geplant - weil die Türken permanent das Thema Özil/ Grindel/DFB gegen das Anti-Rassismus-Bekenntnis der Uefa ausspielten? Insofern fällt auf, dass der DFB just auf die Kernfrage keine klare Antwort gibt: Gab es mit Özil eine Gesprächsvereinbarung - oder haben sich die Besucher nur angekündigt und auf den Überrumpelungseffekt gehofft?

Befragt nach den Details der Visite, weicht Grindel aus. Und Bierhoff ist abgetaucht. Bestätigt wird nur, dass er vorab Özils Berater angerufen hatte. Aber eine Ankündigung ist keine Gesprächsvereinbarung. Den Verdacht, zumindest plump vorgegangen zu sein, zerstreute in Nyon nicht mal der Bundestrainer. Er und Bierhoff hätten sich "frühzeitig" bei Arsenal angemeldet, sagte Löw, da habe "jeder Bescheid gewusst". Das bestreitet niemand; nur verpflichtet es auch keinen.

Grindel spricht, die Branche wartet gespannt ab. Dass der umstrittene Chef wieder im Regie-Modus agiert, zeigte sich in Nyon auch anderweitig. Liga und Landesverbandschefs fänden die Debatte um seine Person "völlig überflüssig und wollen, dass das aufhört", sagte er; nie habe in Frage gestanden, dass er deren volle Unterstützung habe. Wenn es seine Kritiker nicht tun, beendet der Chef die Debatte eben selbst.

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