Österreich in der Nations League:Abstieg statt Fußballboom

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Ralf Rangnick Österreich

Ralf Rangnicks Bilanz als Nationaltrainer ist durchwachsen, dabei waren durchaus auch "gute" Auftritte dabei, wie der Deutsche findet.

(Foto: Florian Schroetter/AP)

Österreichs Nationalteam verliert zum Abschluss der Nations League gegen Kroatien und hat nun ein neues Ziel: die EM 2024. Doch Trainer Rangnick findet viele Probleme vor.

Von Felix Haselsteiner, Wien

Rein an den Zahlen vom Sonntagabend gemessen, ist die Lage relativ eindeutig: Ralf Rangnick hat in den vergangenen Monaten einen Fußballboom in Österreich ausgelöst. 45 700 Zuschauer kamen zum abschließenden Nations-League-Heimspiel gegen Kroatien ins Ernst-Happel-Stadion, das ist angesichts der Tatsache, dass das Interesse am Nationalteam vor Rangnicks Antritt auf einem Rekordtief angekommen war, durchaus bemerkenswert.

Ein Blick in die Wiener Innenstadt und später in die Südwestkurve der Arena zeigte jedoch: Zahlen können lügen - sogar ziemlich gut. Denn dominiert wurde das Länderspiel in Wien von etwa 25 000 Menschen, die beim traditionellen Radetzkymarsch vor dem Spiel keine rot-weiß-roten Fahnen schwenkten, sondern wenig später die kroatische Nationalhymne anstimmten.

Der Traum vom schnellen Fußballboom geht also bislang nicht ganz auf für die Österreicher unter ihrem neuen deutschen Nationaltrainer, der allerdings von der These lügender Zahlen an anderer Stelle auch profitiert. Sechs Spiele hat Rangnick seit Juni als Teamchef absolviert, mit einer Bilanz von vier Niederlagen, einem Unentschieden und einem Sieg, was ihn rein ergebnistechnisch in die Nähe seines ungeliebten Vorgängers Franco Foda rückt. Das 1:3 im heimischen Auswärtsspiel gegen die Kroaten besiegelte folgerichtig Österreichs Abstieg aus der Nations-League-Division A.

Jedoch: "Inklusive diesem Spiel haben wir von sechs Spielen vier gute gemacht, die wir über weite Strecken kontrolliert haben", sagte Rangnick nach dem Abpfiff, und trotz der ausbaufähigen Bilanz war ihm da durchaus recht zu geben. Die Österreicher hatten in ihrer schweren Gruppe gegen Frankreich, Dänemark und Kroatien in allen Partien bewiesen, dass ihr Niveau ausreichen könnte, um auch mit Mannschaften mitzuhalten, die demnächst in Katar um den Weltmeistertitel mitspielen können. Nur mithalten allerdings, das hatte Rangnick im Juni bei seiner Antrittspressekonferenz gesagt, ist mittelfristig nicht das Ziel.

Rangnick findet einen talentierten, aber etwas unausgewogenen Kader vor

Die 90 Minuten gegen Kroatien zeigten in komprimierter Form die Qualitäten und Probleme, die der 64-jährige Trainer in Österreich vorfindet. Erneut war klar erkennbar, dass die Mannschaft taktisch inzwischen auf einem völlig anderen Niveau als noch unter Foda Fußball spielt.

Trotz eines frühen Gegentores durch Luka Modric (6. Minute) wirkten die Österreicher engagiert, glichen schnell durch Christoph Baumgartner (9.) aus und erspielten sich danach Chancen entweder durch die Mitte oder mit Flanken der Außenspieler im Dreier-/Fünferketten-System. 18 Torschüsse sprachen am Ende klar für die Gastgeber, doch weil Baumgartner und Österreichs neuer Rekord-Nationalspieler Marko Arnautovic beste Chancen auf ein 2:1 liegen ließen, fehlte es an Toren. Mit einem Sieg hätten die Österreicher die A-Liga gehalten und Weltmeister Frankreich die Blamage eines Abstiegs in die B-Liga zugefügt.

Rangnicks Idee, mit zwei Stürmern und drei Abwehrspielern aufzulaufen, bewährte sich, wurde aber auch zum Zeugnis dafür, dass die Fortschritte noch fragil sind. Als der Trainer nach 62 Minuten rege auswechselte, die defensive Grundordnung umstellte und in Maximilian Wöber und Stefan Lainer zwei neue Abwehrspieler kamen, die nicht zur absoluten A-Mannschaft zählen, kippte das Spiel extrem: Zweimal ließ Lainer eine Flanke von Ivan Perisic zu, zweimal fand der kroatische Außenstürmer damit am entfernte Pfosten Mitspieler, zweimal standen diese komplett frei, weil die Zuordnung nicht mehr stimmte.

Die Tore zum 1:2 und das 1:3 fielen nahezu identisch, weshalb Rangnick zugab, dass die Niederlage auch auf seine Wechsel zurückging: "Im Rückblick sind wir mit diesen Wechseln vielleicht zu früh All-in gegangen. Hinterher ist man immer schlauer, das würde ich jetzt nicht mehr so machen." Aus den zwei Gegentoren lässt sich aber auch ein etwas größeres Problem ableiten, das die Österreicher im Hinblick auf ihr nächstes großes Ziel, die Qualifikation für die EM 2024, noch etwas stärker beschäftigen könnte als Zuteilungen im Strafraum: Rangnick findet einen sehr talentierten, aber etwas unausgewogenen Kader vor.

Gegen Kroatien muss Bayern-Profi Sabitzer auf der Außenposition ran

"Ich bleibe dabei, dass wir in unserem Kader viele gute zentrale Abwehrspieler und - wenn alle an Bord sind - viele gute zentrale Mittelfeldspieler haben", betonte der Trainer, aber: "Wo wir nach wie vor ein bisschen Probleme haben, egal, ob wir mit zwei oder drei Spielern hinten im Zentrum spielen, das sind die Außenverteidiger-Positionen. Da müssen wir schauen, dass wir immer die jeweils beste Lösung finden."

Die beste Lösung lautete gegen Kroatien, den FC-Bayern-Zentralspieler Marcel Sabitzer auf der Außenposition agieren zu lassen. "Das ist jetzt nicht meine Wunschposition, aber ich bin da nicht so, dass ich mich aufregen würde", sagte Sabitzer. Er sah die Probleme ohnehin weiter vorne, wo sich dringend etwas an der Zielstrebigkeit ändern müsste: "Viele Nationen haben diesen einen Neuner drin, der die Tore einfach macht - wir eigentlich auch, aber heute hat Marko den einen dann halt vergeben."

Rangnick konnte der Idee, den 33-jährigen Arnautovic von nun an extra viele Torschüsse trainieren zu lassen, wenig abgewinnen, sagte aber: "Wir müssen solche Spiele einfach auf unsere Seite ziehen und für uns entscheiden. Vor allem dann, wenn wir uns Richtung EM orientieren, wird das ganz wichtig sein." Österreich, das in Katar nicht dabei sein wird, richtet sich von nun an auf 2024 aus, am 9. Oktober werden die Qualifikationsgruppen ausgelost. Fest steht, dass es dann nicht mehr ausschließlich gegen Top-Nationen gehen wird, was mit Blick auf die mangels Ergebnissen ausbleibende Euphorie auch eine positive Seite hat.

Ausreden gibt es dann allerdings nicht mehr, wie Sabitzer betonte: "Es werden sicher andere Spiele werden, gegen kleinere Nationen, gegen die wir überlegen sein wollen. Wir werden sehen, ob wir das dann auch sind."

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