Österreichs Nationalmannschaft gegen DFB:Der Professor lädt zum Klassentreffen

Österreichs Nationalmannschaft gegen DFB: Nicht nur in der Kabine wird gebrüllt, auch nach Toren auf dem Platz, wie von Christoph Baumgartner.

Nicht nur in der Kabine wird gebrüllt, auch nach Toren auf dem Platz, wie von Christoph Baumgartner.

(Foto: Edgar Eisner/Gepa/Imago)

Austro-Pop in der Kabine, guter Fußball auf dem Rasen: Die österreichischen Fußballer spielen miteinander, vor allem aber füreinander. Das liegt auch an Trainer Ralf Rangnick, der Lösungen innerhalb der Limitierungen findet.

Von Felix Haselsteiner, Wien

Gegen halb zwölf am Abend hätte Johann Strauss im Ernst-Happel-Stadion seine Freude gehabt. Mit seinem Ausruf "Alles Walzer!" hat der Komponist im 19. Jahrhundert ein elementares österreichisches Kulturgut geprägt. Seit jeher werden in Wien die Feste gefeiert, wie sie fallen, am liebsten in der Ballsaison, die gerade wieder begonnen hat, im feinen Gewand und im Dreivierteltakt. Zur Not aber auch im Ernst-Happel-Stadion im Prater, wo am Dienstagabend draußen wie drinnen Stimmen erklangen: "Oh, wie ist das schön" auf den Rängen, im Vierviertel-Takt, mitunter eher gegrölt als gesungen. Oder in der Kabine der Österreicher ein Klassiker von Rainhard Fendrich, einem der vielen Austro-Pop-Nachfolger der Strauss`schen Festefeier-Schule.

Der Text von "Strada del Sole" saß gut bei der Mehrheit dieser österreichischen Spielergeneration, die eigentlich zu jung ist für Austro-Pop, aber das moderne Potenzial dieser Klassiker längst erkannt hat: Von Fendrich und Kollegen kommt der Soundtrack zur gemeinsamen Reise auf der sonnigen Straße zur Fußball- Europameisterschaft, auf der sich das österreichische Nationalteam derzeit befindet.

Wie ein Klassentreffen wirken die Reisen zur Nationalmannschaft momentan bei den Österreichern. Es werden gemeinsam Videos geschaut, Team-Abende veranstaltet, es wird gesungen, dazwischen halten Trainer Ralf Rangnick und sein Team Seminare für mannschaftliches Verhalten auf dem Spielfeld. Der Ursprung des Erfolgs, darin waren sich auch nach dem historisch ungefährdeten 2:0-Heimsieg über den großen Nachbarn Deutschland alle Beteiligten einig, liegt hauptsächlich außerhalb des Platzes.

"Ich glaube, dass wir einen unfassbaren Spirit haben", sagte Christoph Baumgartner: "Jeder freut sich extrem, wenn wir zusammenkommen. Und wenn wir miteinander spielen, sieht man das dann." Baumgartner, 24, am Dienstagabend Torschütze per "Schupferl" (Lupfer) gegen DFB-Torwart Kevin Trapp, ist einer der zentralen Protagonisten dieser selbstbewussten ÖFB-Elf, die mit großer Freude und zugleich viel Disziplin Fußball spielt. Keinen destruktiven Defensivfußball bieten die Österreicher an, wie noch unter Vorgänger-Trainer Franco Foda, aber auch keinen naiven Ultra-Pressing-Stil, wie manche befürchtet hatten bei Rangnicks Antritt. Sie spielen miteinander, vor allem aber füreinander.

"Wir haben einen klaren Plan, den wir umsetzen müssen und dem wir folgen", sagte Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund). Der Torschütze zum 1:0 hat in seiner Nationalmannschaftskarriere schon mehrere Höhen und Tiefen mitbekommen, er weiß um Nebenwirkungen und Risiken solcher bedeutungsschwangeren Siege gegen Deutschland: "Wir haben schon einmal eine extreme Euphorie gehabt, 2016, und sind damals (bei der EM) voll auf die Schnauze gefallen."

Ralf Rangnick scheint der richtige Trainer am richtigen Ort zu sein

Anders als zu jener Zeit unter Coach Marcel Koller steht der Erfolg auf einem besseren Fundament. Kapitän David Alaba etwa, damals noch damit beschäftigt, aus seiner Rolle als Talent herauszufinden, ist inzwischen ein abgebrühter, intelligenter Verteidiger und Spieleröffner, der klare Anführer dieser Mannschaft. Sturm-Routinier Marko Arnautovic jubelte auf der Bank euphorisch über den 2:0-Sieg, obwohl er diesmal keine Minute spielte - vor einigen Jahren noch unvorstellbar. "Sie spielen wie Freunde und sie verhalten sich auch so", sagte Rangnick, 65, der Kapellmeister dieser freundschaftlich verbundenen Kickertruppe, der gerade der richtige Mann am richtigen Ort zu sein scheint.

Sein Beitrag ist einerseits ein solides, recht unspektakuläres taktisches Korsett, das allerdings ausreicht, um Mannschaften auf der Suche nach einer Spielweise - wie die deutsche - zu besiegen. Rangnick weiß, dass er eine gute Bundesliga-Truppe zur Verfügung hat, die allerdings auch ohne allzu sensationelle Flügelstürmer und Außenverteidiger auskommen muss. Nur findet er innerhalb dieser Limitierungen Lösungen: "Ich liebe meine Mannschaft, so wie sie ist", sagte Rangnick, der sich innerhalb von 18 Monaten vom Vereins-Trainertum emanzipiert hat und nicht mehr damit hadert, was nicht geht.

Österreichs Nationalmannschaft gegen DFB: Schon gehört? Die österreichischen Fußballer haben unter Trainer Ralf Rangnick nicht nur gute Laune, sondern spielen auch erfolgreichen Fußball.

Schon gehört? Die österreichischen Fußballer haben unter Trainer Ralf Rangnick nicht nur gute Laune, sondern spielen auch erfolgreichen Fußball.

(Foto: Imago/ActionPictures)

Die Atmosphäre in Österreich erinnert daher kurioserweise ein wenig an die der deutschen Nationalmannschaft - vor etwas mehr als zehn Jahren. Der frühe Joachim Löw verstand sich damals meisterhaft darin, Komfortzonen für Spieler wie Miroslav Klose und Lukas Podolski zu schaffen, die im Verein Probleme hatten. Dasselbe gelingt nun Rangnick, der sich gegen die DFB-Elf unter anderem auf Nicolas Seiwald im Mittelfeld verlassen konnte, der bei RB Leipzig kaum zum Einsatz kommt; oder auf Baumgartner, ebenfalls mit Startschwierigkeiten in der Bundesliga; und auf Michael Gregoritsch, der beim SC Freiburg noch kein Tor geschossen hat, gegen Deutschland aber einen exzellenten Neuner gab.

Und nicht zuletzt gilt das auch für Sabitzer, der das Gefühl auf den Punkt brachte. Mit stolzer Stimme erzählte er über die Nationalmannschaft, das Selbstbewusstsein habe er hier nicht nur auf dem Platz, sondern auch beim Gesang in der Kabine: "Emotionalität, Mentalität, das sind bei uns gar keine Themen." Nur einmal senkte er ein wenig den Kopf, es ging um die Abreise aus Wien, das kommende Wochenende und die Frage, ob er seinen BVB-Kollegen etwas von der freudigen Alles-Walzer-Atmosphäre aus dem Happel-Stadion mitbringen würde - oder zumindest ein paar launige Sprüche. Sabitzer sagte: "Wir haben ab morgen wieder so viele Themen in Dortmund, da ist für so etwas keine Zeit."

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