Zum Tod von Niki Lauda Ein Leben geprägt von unerwarteten Wendungen

  • Am Montag ist der frühere österreichische Formel-1-Fahrer Niki Lauda gestorben.
  • Auch das finale Kapitel seines Lebens war von dem geprägt, was Laudas ganze Biografie durchzog: unerwartete Wendungen.
  • Was andere von ihm erwarten, was andere von ihm halten - das hat ihn meist herzlich wenig interessiert.
Nachruf von René Hofmann

Niki Lauda würde diesen Text hassen. Sentimentalitäten waren ihm fremd. Der Blick zurück war ebenfalls nicht sein Ding. "Was in der Vergangenheit war, interessiert mich nicht" - das war sein Credo. Und mit dem Tod brauchte ihm auch keiner kommen. Dem war er oft genug begegnet. In seiner Zeit als Rennfahrer, als er aus nächster Nähe sah, wie Kollegen verbrannten, zerschellten oder zerquetscht wurden. 1976, bei seinem eigenen schrecklichen Unfall auf der Nordschleife des Nürburgrings, als sein Formel-1-Ferrari in Flammen aufging wie ein Zündholz auf der Reibefläche. Und 1991, als eine Boeing 767 seiner Fluglinie in Thailand vom Himmel fiel und er, verzweifelt auf der Suche nach der Ursache, durch das Trümmerfeld stapfte. Irgendwann habe er beschlossen, "nicht länger über den Tod nachzudenken", hat Niki Lauda einmal gesagt: "Jeder Mensch stirbt irgendwann, das ist ein Faktum." Nun hat es auch ihn erwischt.

Im Alter von 70 Jahren ist Lauda gestorben. Zuletzt, im August vergangenen Jahres, hatte er sich im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien einer Lungentransplantation unterziehen müssen. Und wie bei Michael Schumacher, dessen Leben ein Skiunfall jäh in eine unvermutete Richtung lenkte, war es auch bei Lauda eine scheinbare Lappalie, die letztlich fatale Folgen hatte. Auf Ibiza hatte der dreimalige Formel-1-Weltmeister sich im Urlaub eine Sommergrippe eingefangen. Auf dem Weg nach Wien hatte der passionierte Pilot noch selbst den Steuerknüppel seines Privatjets in die Hand genommen. Die Transplantation sei gelungen, hieß es damals nach der Operation aus dem Krankenhaus. Sein Gesundheitszustand blieb jedoch nicht stabil, im Januar musste er nach einer Grippe-Erkrankung erneut im Krankenhaus behandelt werden. Das Ende kam dann am 20. Mai. Auch das finale Kapitel seines Lebens war damit von dem geprägt, was Laudas ganze Biografie durchzog: unerwartete Wendungen.

Zum Tod von Niki Lauda

Der Mann, der sein letztes Rennen überlebte

Als Andreas Nikolaus Lauda, wie er mit vollem Namen hieß, am 22. Februar 1949 in Wien geboren wurde, war für ihn bereits ein Lebensweg skizziert. Sowohl der Vater wie auch der Großvater waren einflussreiche Industrielle. Den Sohn aber interessierten vor allem Autos. Als Teenager kaufte Niki Lauda sich von seinem Taschengeld sein erstes: einen VW, Baujahr 1949. Mit dem raste er über Schotterpisten, bis die Stoßdämpfer durch waren. Einen Führerschein? Hatte Lauda nicht. Brauchte er auch nicht. Die Ländereien der Familie waren groß genug.

Lauda war noch keine 20 Jahre alt, als er zu seinem ersten Rennen antrat, ein Bergrennen in Bad Mühllacken; auf Anhieb belegte er einen Spitzenplatz. Kein Wunder, dass es ihn bald dorthin zog, wo es alle begeisterten Nachwuchsfahrer hinzieht: in die Top-Kategorie, die Formel 1. Um dort einen Startplatz zu bekommen, benötigte Lauda jedoch Geld. Geld, das ihm seine Familie, die wenig von seinen Ambitionen hielt, aber verwehrte. Lauda brach mit ihr und nahm einen Kredit auf, für den er mit seiner Lebensversicherung bürgte und mit dem er sich 1972 ein Cockpit beim Team March sicherte. An Entschlossenheit hat es ihm nie gemangelt. Das, was ihm an Naturtalent bei der Fahrzeugbeherrschung fehlte, machte er durch Akribie bei der Abstimmungsarbeit und Cleverness auf und neben der Strecke wett.

1975 gewann Lauda seinen ersten Fahrertitel mit Ferrari. 1976, in dem Jahr, in dem er auf dem Nürburgring fast verbrannt wäre, hätte er ebenfalls triumphieren können. Beim letzten Rennen in Fuji in Japan aber stellte er seinen Ferrari im strömenden Regen nach wenigen Metern mit dem Kommentar ab: "Egal was die Welt von mir denkt, ich bin kein Selbstmörder." So wurde der Brite James Hunt Weltmeister - mit einem Punkt Vorsprung. Nach dem zweiten WM-Titel 1977 wurde es Lauda fad, so fad, dass er zwei Jahre später beim Training zum Großen Preis von Kanada in Montréal seinen Brabham an die Box fuhr, ausstieg und die verdutzten Mechaniker und Ingenieure wissen ließ: "Ich habe keine Lust mehr, im Kreis zu fahren." Statt auf die Rennstrecke zog es Lauda ins Airline-Business und vor die TV-Kameras. Schon drei Jahre später aber war die Lust auf die Raserei wieder zurück. Lauda gab bei McLaren ein Comeback, 1984 sicherte er sich seinen dritten WM-Titel - mit einem halben Punkt Vorsprung vor seinem Teamkollegen Alain Prost.

Laudas Gesicht war das Gesicht der Formel 1 im deutschsprachigen Raum

Nach seinem zweiten Formel-1-Rücktritt Ende 1985 baute Lauda die Fluglinie, die seinen Namen trug, zu einer weltweiten Größe aus. Nachdem sie von der Austrian Airlines geschluckt wurde, gründete er eine zweite Fluglinie: die Flyniki, an der er bis November 2011 beteiligt blieb und die er sich, nach der Zerschlagung von Air Berlin im Januar dieses Jahres, in Teilen wieder sicherte - bevor er sie umgehend zu maßgeblichen Teilen an Ryanair weiterreichte. An Dingen festzuhalten, hatte für Lauda keinen Reiz. Auf dem Terrain, auf dem er berühmt geworden war, blieb er ebenfalls emsig aktiv. Von 1993 bis 1995 als Berater des damals chronisch erfolglosen Ferrari-Teams. Von Februar 2001 bis November 2002 als Rennleiter und Teamchef des chronisch erfolglosen Jaguar-Teams. Und seit September 2012 als Aufsichtsratsvorsitzender des seitdem ungemein erfolgreichen Mercedes-Teams.

Neben all dem war er in all den Jahren vor allem aber auch immer eins: Experte des Formel-1-Senders RTL. Laudas Gesicht, in dem sein schwerer Formel-1-Unfall so tiefe Spuren hinterlassen hatte - es war das Gesicht der Rennserie im deutschsprachigen Raum schlechthin. Und eigentlich reicht es, die Geschichte zu kennen, wie er die Beziehung zu RTL beendete, um ihn in Gänze zu verstehen. Nach all den gemeinsamen Jahren zog sich Lauda nach dem letzten Rennen der Saison 2017 in Abu Dhabi vor laufenden Kameras die Kappe vom Kopf und sagte, ohne zuvor irgendjemandem auch nur eine Andeutung gemacht zu haben, sinngemäß: "So, das war's. Nächstes Jahr bin ich hier nicht mehr zu sehen." Was andere von ihm erwarten, was andere von ihm halten - das hat Niki Lauda meist herzlich wenig interessiert.

Aus seiner ersten, 1991 aufgelösten, Ehe hinterlässt er zwei inzwischen erwachsene Söhne, darunter den Rennfahrer Mathias Lauda. Einen weiteren Sohn hat Lauda aus einer nichtehelichen Beziehung. 2008 heiratete Lauda zum zweiten Mal; das Paar bekam 2009 Zwillinge.

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